Korrigiert Aldi den Trinkmilcheinkauf?

Bis September will Aldi sich vom Ritual der halbjährlichen Verhandlungen für Trinkmilchkontrakte verabschieden und Dreijahresverträge abschließen. Marktkenner wittern eine Revolution. Konkurrenten und Molkereien äußern sich zurückhaltend.

Wie die Lebensmittelzeitung (LZ) in ihrer jüngsten Ausgabe berichtet, ändern Aldi Nord und Süd ihre Kontraktpolitik für Trinkmilch. Nicht mehr „aufreibende“ und von Treckerdemonstrationen begleitete Gesprächsrituale über Preise und Lieferkonditionen zweimal im Jahr, sondern Mehrjahresverträge sollen Grundlage werden. Vorbild sind Vereinbarungen, wie sie in Großbritannien, Niederlande und auch in Australien üblich sind, woher Nicholas Bond, der neue Chef der internationale Einkaufszentrale Aldi Global kommt. In Deutschland sind laut LZ mit großen Lieferanten bereits solche Verträge abgeschlossen worden – mit gewaltigen Mengen, auch wenn es nur um Trinkmilch und nicht um andere Molkereiprodukte geht. Laut LZ werden knapp 3,5 Milliarden Liter Konsummilch über den LEH verkauft und „Bruchteile von Cents entscheiden über Gewinn und Verlust.“ Trinkmilch gilt im Unterschied zu Joghurt oder Käse als margenschwach.

Solch langfristige Absprachen über zwei oder drei Jahren widersprechen auf dem ersten Blick den sehr „volatilen“ Marktbewegungen, wie uns Analysten des Weltmarktes immer wieder erklären. Und sie vertragen sich auch nicht mit dem Bild, dass der Handel regelmäßig die Molkereien gegeneinanderhetzt, um durch immer weitere Unterbietungsangebote der Lieferanten den Preis zu drücken. Viele Molkereien machen dabei mit, um Kapazitäten auszulasten. Manchen wie DMK geht dabei ein spezieller Ruf voraus.

Funktionieren kann das Modell nur, wenn regelmäßige Anpassungen eingebaut werden. Dabei sind Kostenfaktoren wie Erzeugerpreise, Lohn-, Verpackungs- oder Logistikkosten zu berücksichtigen. In Großbritannien orientiert man sich an einem Rohstoffwert – vergleichbar in Deutschland mit dem ife-Wert des Instituts für Ernährung in Kiel, das seit Jahren einen Milchwert aus Terminmarktpreisen für Butter und Magermilchpulver berechnet. Der liegt aktuell bei ca. 38 ct/kg und damit deutlich über den Milchauszahlungspreisen für die Bauern.

Wonach richtet sich der Auszahlungspreis?
Im Endeffekt soll sich der Abgabepreis der Molkereien quasi automatisch an einen geregelten Orientierungspreis anpassen. Voraussetzung ist, dass die Lieferanten ihre Kosten nachweisen. Und da zieren sich viele Molkereien. Ihre Kalkulationen offen zu legen, lässt sie zurückschrecken. Mehr Transparenz könnte dem Handel Vorteile verschaffen. Und der kurzfristige Erfolgsdeal juckt immer noch vielen Managern in den Fingern. Andererseits verbessere sich die Planungssicherheit für Investitionen und Neuheiten.

Milchbauern könnten sich von längeren Laufzeiten und weniger schwankenden Milchpreisen mehr Einkommensstabilität versprechen, wenn der Basispreis „akzeptabel“ ist. Hohe schwankende Preise nutzen besonders den Spekulanten, nicht jedoch denen, die täglich ihre Milch abliefern müssen. Außerdem wird für Erzeuger öffentlicher, wie hinter verschlossenen Türen verhandelt wird.

Aldi erklärt, dass man in einem begrenzten Marktsegment dazu beitragen will, „dass weltmarktbedingte Rohstoffschwankungen nicht zu Lasten der deutschen Landwirte gehen“. Andere Handelskonzerne bleiben skeptisch.

Der Marktbeobachter meint, dass mal wieder der Teufel im Detail steckt. Aldi ist sicherlich nicht über Nacht zum Bauernfreund geworden. Planungssicherheit für Kapazitäten, Mengen, Preise ist sicher zu begrüßen. Aber ob die Abkehr von Verhandlungsritualen mehr Fluch oder Segen bringt, hängt u.a. von verschiedenen Antworten ab:
- Auf welcher Basis werden Einkaufspreise vereinbart?
- Wie offen ist die Kalkulation? Wer macht sie und wonach richtet sie sich (Futter, Fleischpreise usw.)?
- Gibt es Nachverhandlungen?
- Wer legt die Regeln für die Anpassung (produzierte Mengen, Weltmarktpreise) fest?
- Wie sind Qualitätsanforderungen, Zuschläge usw. berücksichtigt?
- Was passiert bei Preissprüngen oder Krisen?

Immerhin kommt mal Bewegung in den verknöcherten Milchmarkt und ihre so scheinbar „unabänderlichen Gesetzmäßigkeiten“. Für die Milchbäuerinnen und -bauern ist es entscheidend, sich einzumischen und es nicht wieder den „Marktpartnern“ zu überlassen.

28.06.2021
Von: hg

Noch liegen die Folgen der von Aldi angekündigten Änderungen bei den Milchkotrakten für die Milkchbauern und -bäuerinnen eher im Dunkeln. Klar hingegen sind Aldi's aktuelle Milchpreise: Den Liter Trinkmilch gibt es für 79 Cent. Fotos: Aldi; FebL