Klima des Aufbruchs nötig

Klimawandel und Landwirtschaft für die Generation Mengenlehre: Zum einen spürt die Landwirtschaft seit den letzten drei trockenen Jahren massiv die Auswirkungen des Klimawandels; Betriebe probieren mit unterschiedlichen Anpassungsstrategien zu reagieren. Zum anderen praktiziert die Landwirtschaft nach wie vor unter vielen Aspekten in einer Art und Weise, die den Klimawandel weiter vorantreibt. Aber es gibt eben, legt man beide Aspektkreise verschoben übereinander, auch die Schnittmenge: Maßnahmen, die Bauernhöfen helfen, mit den negativen Auswirkungen des Klimawandels umzugehen, und gleichzeitig den negativen Einfluss, den die Landwirtschaft auf den Klimawandel hat, reduzieren. „Diversifizierung“, sagt Frank Ewert vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) bei einer Veranstaltung des deutschen Maiskomitees, „kann beidem gerecht werden“, deshalb steht sie auf seiner Vortragsfolie in der Schnittmenge. „Genau, Vielfalt kann beides: Wasser sparen und mit weniger Wasser zurechtkommen“, bestätigt auch der Praktiker Jan Wittenberg, Bio-Ackerbauer und Mitglied im AbL-Bundesvorstand. Zudem sei Vielfalt auf dem Acker Risikominimierung und Experimentierfeld. Irgendwas gelinge immer, egal ob als Hauptkultur oder in seiner Zwischenfruchtmischung mit neun verschiedenen Arten. „Wichtig ist, das System nicht zu überlasten und Ertragsverzicht zu tolerieren“, sagt Wittenberg. Luzerne und Lupine gelängen bei ihm auch unter trockenen Bedingungen, sie bedürften aber neuer Vermarktungswege. Natürlich gingen Fruchtfolgeerweiterungen mit so etwas einher, man dürfe aber eben nicht dabei stehen bleiben, zu lamentieren, dass man die Ackerbohnen nicht bezahlt kriege, sondern müsse auch Neues wagen. Ackerbohnen, Erbsen oder Hafer als Winterungen, davon spricht Hans Peter Kaul von der Wiener Universität für Bodenkultur auf der Veranstaltung des Maiskomitees. Der enorme Wachstumsvorsprung im Frühjahr, der auf seinen Bilder sichtbar wird, sei auch eine Chance, die möglicherweise folgende Trockenzeit auszutricksen. Die Züchtung sei gefordert, ihren Fokus auf bestimmte Sorteneigenschaften zu verändern, so Kaul. „Bislang hat die Züchtung den meisten Pflanzen das Wurzelwachstum ja geradezu abtrainiert.“ Das sei aber essentiell, wenn es um das Erschließen weniger und auch tieferer Wasserreserven gehe. Christine Kalzendorf, Beraterin bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen für Grünland und Futterbau, wirbt ebenfalls für mehr Flexibilität und Vielfalt. „Früher gab es nur zwei Arten fürs Grünland, die wir so empfohlen haben: Lieschgras und deutsches Weidelgras.“ Lange habe man in Niedersachsen auf den Grünlandstandorten ja gar nicht damit gerechnet, in solche Trockenheitsszenarien zu kommen, dass man die angelegten Reserven aufbrauche und bestimmte Gräser aus den Narben verschwänden. Es profitierten Kräuter wie der Spitzwegerich, Zichorie oder Wegwarte und sie empfehle jetzt verstärkt Gräsermischungen mit dem tiefwurzelnden Knaulgras oder Wiesenschwingel. Die Luzerne sei eher eine Mimose, die schwieriger gelänge, besser dagegen mache sich oft Rotklee. „Vor allem müssen wir vielfältiger werden.“ Kalzendorf berichtet von großem Interesse und Nachfragen bei den Bauern und Bäuerinnen. „Wir hatten einen Grünlandtag mit 400 Beteiligten. Alle fragen sich: Wie muss ich mich aufstellen?“

Frage des Wassers

Bei Wissenschaftler Ewert ist der Begriff Diversifizierung noch weiter gefasst. Er forscht auch, wie sich ein räumlich sehr kleinteiliger Anbau auf den Klimaschutz auswirkt. Und er sagt, dass nicht jede Anpassung an den Klimawandel auch dem Klimaschutz dient. Mindestens zwiespältig fällt der Blick auf die Feldberegnung aus. Sie ist eine der meist genannten und auch von der Beratung immer wieder empfohlenen Anpassungsmaßnahmen. In bestimmten Regionen wie Ostniedersachsen ist sie seit Jahrzehnten bereits stark verbreitet und wird gerade dort in den letzten Jahren noch stärker eingesetzt. „Es ist die Verteilung der Niederschläge, gar nicht unbedingt die absolute Summe, außerdem die vermehrten Tage mit richtig hohen Temperaturen, die einem das Leben schwer machen“, sagt Martin Schulz, AbL-Vorsitzender und Bauer im Wendland in Niedersachsens sandigem Nordosten. Es sei aus seiner Sicht absolut ineffizient, wenn Roggen fünf Mal beregnet werde, um dann am Ende 50 dz zu ernten. In der Gegend mit der langen Beregnungstradition wird sichtbar, wohin die Reise gehen könnte, wenn nicht doch ein grundsätzlicheres Umdenken stattfindet. Schon jetzt sind die Wasserrechte begrenzt und es wird über alternative Quellen wie die Nutzung des Elbehochwassers oder des Waschwassers aus der nahen Uelzener Zuckerrübenfabrik nachgedacht.

Blick aufs Ganze

Es gebe einen „Run der Betriebe auf die Beregnung“, sagt auch Ekkehard Fricke von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und Geschäftsführer des Fachverbandes Feldberegnung in der Veranstaltung des Maiskomitees. Aus seiner Sicht könne Beregnung jedoch auch zum Klimaschutz beitragen. Was nütze es, viel an teurer Produktionstechnik, Saatgut und Stickstoff aufgewendet zu haben, um am Ende wegen zu wenig Wasser nichts geerntet zu haben? Bleibt man bei den vorhandenen Produktionssystemen, mag das sogar richtig sein. Angesichts der Maßgabe des Ressourcenschutzes auch beim Wasser wirkt es jedoch rückwärtsgewandt. Wissenschaftler Ewert fordert dazu auf, einen Schritt zurück zu treten und auch die Ernährung, die Lebensmittelindustrie und die landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten in den Blick zu nehmen. Ebenso sagt Martin Schulz: „Klimaschutz ist auch eine Eiweißstrategie, die auf heimische Futtermittel statt Importfutter setzt, oder eine Reduzierung des hohen Stickstoffeinsatzes bei uns.“ Moorböden seien die effektivsten Co2-Speicher. Auf ihnen nicht mehr zu ackern, sei sehr effektiver Klimaschutz. „Es darf keine Tabus geben aber wir müssen die Betriebe bei den Überlegungen mitnehmen“, sagt Schulz. Auch Frank Ewert erläutert nüchtern: „Tierhaltung und Ackern auf Moorstandorten kumulieren zu einer klimaschädlichen Situation, hinzu kommen N-Überschüsse.“ Auch Jan Wittenberg verweist darauf, dass – abgesehen von Weidehaltung – weniger Futterbau einer der größten Hebel in Sachen Klimaschutz sei, den die Landwirtschaft zu bieten habe. Damit ist man wieder beim großen Ganzen: eine andere Ernährung mit weniger Fleisch, vor allem aber auch andere Wertschöpfungsketten für bäuerliche Betriebe. Denn nur wenn sich Vielfalt und der damit verbundene Klimaschutz für die Bauern und Bäuerinnen langfristig rechnet, können sie sie umsetzen. Und nur mit umsetzenden Bauern und Bäuerinnen kann Klimaschutz gelingen. Und damit verbindet sich die jetzt wirtschaftende Generation Mengenlehre mit der jetzt zu Recht fordernden Generation Future.

09.06.2021
Von: cs

Angewandte Forschung, um Klimawandel zu verstehen Foto: Hüging/Uni Bonn