Eine Pionierin der muttergebundenen Kälberaufzucht

Erst kürzlich sorgten für die Tiere unzumutbare Kälbertransporte „quer durch Europa“ wieder für Schlagzeilen und Tierschützer forderten beispielsweise vor dem Landwirtschaftsministerium in Baden-Württemberg den Stopp der Transporte. Als „Lösungsstrategie zur Vermeidung von Kälbertransporten“ wurde auf der virtuellen Frühjahrstagung der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Bayern (AbL) die muttergebundene Kälberhaltung vorgestellt.

„Im konventionellen Bereich ist hier noch viel Pionierarbeit zu leisten“, erklärt Isabella Hirsch, stellvertretende Vorsitzende der AbL Bayern, unter Hinweis auf bereits bestehende, vielversprechende Initiativen im Biobereich, in Ökomodellregionen, bei der Schweißfurth-Stiftung oder mit der von Bioland und Demeter getragenen Bruderkalb-Initiative Hohenlohe, Preisträgerin des Bundeswettbewerbs Ökologischer Landbau 2021.

Pionierarbeit im konventionellen Bereich leistet seit rund zehn Jahren Kristina Schmalor aus dem Sauerland in Nordrhein-Westfalen, dort auch stellvertretende Vorsitzende des AbL-Landesverbandes, auf ihrem Hof mit 70 Kühen und 75 ha extensivem Grünland, die ihre Erfahrungen mit der muttergebundenen Kälberaufzucht im Rahmen der Frühjahrstagung vorstellt. „Es war zu Beginn gar nicht so einfach, der Kuh, der über Generationen das Kalb immer weggenommen wurde, wieder beizubringen, ihr eigenes Kalb aufzuziehen“, erklärt Schmalor mit Blick auf die Anfänge zur Umsetzung dieses Haltungssystems. Als Vorteile des Systems nennt sie unter anderem, dass „die Kälber und Kühe insgesamt viel, viel fitter“ sind, die Kälber „total gut“ wachsen und die Kühe auch bei Laktationsbeginn fitter sind und besser fressen. Und ein weiterer Vorteil: „Es ist ein sehr, sehr arbeitsarmes System“, so Schmalor. Zu beachten sei aber, dass man sich mit jedem Tier und seinen Eigenheiten beschäftigen müsse. Es könne deshalb „gerade für größere Betriebe eine Herausforderung“ sein, ein solches System zu etablieren, „weil das System davon lebt, dass man Einzeltiere kennt“. Gleichzeitig müsse man aber auch lernen bzw. sich darauf einlassen, „Kontrolle abzugeben und sich darauf zu verlassen, dass Kuh und Kalb das schon machen“.

Die nicht zur Nachzucht benötigten Tiere werden mit 12 Monaten geschlachtet. Das Fleisch von Tieren in dem Alter ist mager und feinfaserig und damit sehr beliebt bei den Kunden. Geschlachtet und zerlegt wird in einem kleinen Familienbetrieb etwa sieben Kilometer vom Hof entfernt. Dort besteht auch die Möglichkeit, Räume des Schlachters zu mieten, um gleich vor Ort zu vakuumieren und zu etikettieren. „Das machen wir auch und mussten so bei uns am Hof nicht bauen“, erklärt Schmalor. Der Verkauf der Erzeugnisse erfolgt über Dorfladen und Lieferservice direkt nach Hause.

Ihren Weg zur muttergebundenen Kälberaufzucht hat Kristina Schmalor in einem Beitrag auf terrABC.org genauer dargestellt. Auch Hintergrundinformationen und Fotos von ihrem Hof sind auf der Online-Plattform zu finden. Ihr Vortrag auf der Frühjahrstagung der AbL Bayern ist hier im Netz einsehbar.
Weitere Vorträge und Videos der Frühjahrstagung der AbL Bayern zum Thema "Milchviehhaltung im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und Tierschutz" finden sich hier.

13.03.2021

Ein Blick in den Stall auf dem Hof von Kristina Schmalor: Vorne rechts ist der Kuhstall, vorne links können die Kälber durch einen Kälberschlupf in den Kälberstall wo sie Wasser und Futter haben. In der Mitte ist der große Bereich, in dem sich Kühe und Kälber zweimal täglich zum Säugen treffen. Ganz hinten kalben die Kühe und bleiben mit ihren Kälbern für zwei bis drei Tage alleine. Foto: Schmalor