Jenseits von Rotkäppchen und den sieben Geißlein

Die Wiederansiedlung und Ausbreitung des Wolfes in Deutschland ist von Konflikten begleitet. Dabei geht es meist weniger um Fakten oder um Probleme und deren Lösungen, sondern sehr viel mehr um die Auseinandersetzung mit bewussten Falschinformationen und Hysterie. Das verwundert nicht, denn die vom Wolf ausgelösten Imaginationen und Assoziationen sind Teil unserer kulturellen DNA. So wird „die Wiederausrottung“ oder zumindest die „Einrichtung von wolfsfreien Gebieten“ gefordert, und bestimmte jagdliche Kreise verlangen die Freigabe einer allgemeinen Jagd auf den Wolf und die grundsätzliche Einführung einer „Notwehrsituation“ bei Begegnungen. Wenn wir uns im rechtlichen Kontext bewegen, was in einer demokratisch-liberalen Gesellschaft die Messlatte sein muss, sind emotionale Annäherungen an das Thema zunächst einmal irrelevant. Sie sind häufig auch kontraproduktiv und zwar sowohl für den Wolfs- als auch für den Weidetierschutz. Es geht aktuell um die Organisation und Rahmengestaltung einer juristisch prinzipiell für möglich erachteten Koexistenz. Die eine Lösung, die alle befriedigt, wird es allerdings nicht geben können.

Fakten

In 20 Jahren hat sich die Zahl der Wölfe in Deutschland auf etwa 1.200 bis 1.500 Tiere in derzeit 128 dokumentierten Rudeln erhöht; das Populationswachstum ist aktuell exponentiell, der Wolf wird sich in vielen weiteren Gebieten ansiedeln. Untersuchungen von tausenden von Kotproben belegen, dass 98 % der Beutetiere Wildtiere sind; ca. 2 % der Beutetiere sind Nutztiere. 2019 wurden rund 2.900 Nutztiere von Wölfen getötet oder verletzt, davon sind 88 % Risse und Schäden an Schaf- und Ziegenherden. Bei der deutlichen Mehrheit der Übergriffe waren die Mindeststandards des Herdenschutzes nicht erfüllt. Bei den Wölfen handelt es sich um eine relativ überschaubare Anzahl von Problemtieren, die gelernt haben, geschützte Herden zu attackieren. Eine korrekte Zäunung vorausgesetzt, werden mittlerweile zumindest für Schäden an kleinen Wiederkäuern in allen Bundesländern vergleichsweise unbürokratische Ausgleichszahlungen geleistet. Richtig ist aber auch, dass die Förderungen noch lange nicht in allen Bundesländern sämtliche Präventionsmaßnahmen erfassen. Vor allem müssen die fallweise erheblichen zusätzlichen Arbeitsbelastungen (v. a. beim Zaunbau) monetär kompensiert werden. Aus unserer Sicht stellen jedoch nicht hauptsächlich die potenziellen Übergriffe des Wolfes betriebliche Existenzen infrage. Ausschlaggebend sind hier andere Faktoren, z.B. der nicht ausreichende agrarpolitische Wille, Weidetierhaltungen auskömmlich zu fördern bzw. unseren Ernährungssektor und das Konsumverhalten grundsätzlich zu ändern.

Für ein konfliktarmes Miteinander

Wissen stärken: Jeder Tierhalter sollte ein seriöses Basiswissen zur Biologie des Wolfes haben. Das hilft, mögliche Auswirkungen auf die Betriebsabläufe einschätzen zu können. Die allermeisten Nutztierrisse spielen sich bei ungenügend geschützten Herden ab. Defizitäre Zäunungen sind schon aus versicherungstechnischen und förderrechtlichen Gründen nicht tolerabel. Hochproblematisch wird es, wenn Wölfe an ungenügenden Zaunanlagen (z. B. Netz zu niedrig) lernen, dass auch korrekt aufgestellte Zäune prinzipiell überwindbar sind. In Schwerpunktgebieten von Wölfen und in Abhängigkeit von der Beweidungsform sind Herdenschutzhunde wichtige Hilfen, um die Sorge um die eigenen Tiere zu senken.

Ordnungsrecht verstehen: Der Wolf ist in Deutschland nicht jagdbar! Es gilt das EU-Recht, das fast nicht bzw. nur in sehr langen Zeiträumen geändert werden kann. Politische Parteien, die fordern, den Wolf dem Jagdrecht zu unterstellen, haben das EU-Recht nicht verstanden oder zünden politische Nebelkerzen im Wahlkampf. Die EU-Kommission mag bei vielen Vertragsverletzungen der Mitgliedsstaaten (zu) nachsichtig sein; brechen Staaten beim Umgang mit dem Wolf aber die FFH-Richtlinie, macht sie ernst. Es kann dabei um Milliardenbeträge an Strafgeldern gehen. Prinzipiell erlaubt, aber national kaum realisiert, ist die Entnahme problematischer Einzeltiere oder Rudel. Für die Zukunft muss angesichts des exponentiellen Populationswachstums auf EU-Ebene dennoch ordnungsrechtlich nachgebessert werden. Konkret müsste sich das Ordnungsrecht stärker am fachlichen Gefährdungsgrad des Wolfes orientieren und dann die Voraussetzungen für das Töten von Wölfen präzisieren/erleichtern und den Prozess entbürokratisieren.

Konstruktiver Dialog mit dem Naturschutz: Für viele Naturschützer, die selbst keine Weidetiere halten und die nicht vom Ertrag aus dem landwirtschaftlichen Erwerb leben müssen, ist der Wolf eine rundherum positive Bereicherung. So werden mit dem Auftreten des Wolfes schon fast messianische ökologische Wirkungen verknüpft. Die Realitäten sind andere und seine Rolle im Ökosystem ist weit hinter dem Einfluss der Jagd. Eine im Naturschutz weiterhin ignorierte, aber tatsächlich kritische Thematik ist die Erhaltung normativ geschützter Lebensräume des Offenlandes, die zwingend auf Beweidung angewiesen sind (z. B. Heiden). Im Gegensatz zum Wolf sind diese Lebensräume tatsächlich bedroht. Die Präsenz von Wölfen kann im Einzelfall zur partiellen Aufgabe von Weiden führen. Naturschutzverbände sollten den Wolf entglorifizieren und das Thema vorurteilsfrei aufarbeiten. Das würde dann auch zur Akzeptanz des Tötens von Problemwölfen führen.Argumentatives Abrüsten der agrarischen Interessensverbände: Für viele Lobbyisten und Verbände des Agrarsektors ist der Wolf ein willkommenes Ablenkungsmanöver. Wer sich aggressiv gegen den Wolf einsetzt, kann das jahrelange eigene Versagen bei der dringend notwendigen Neuausrichtung des Agrarsektors kaschieren. Fair wäre es, die Probleme mit dem Wolf aufzuzeigen und dann nicht jeden Lösungsansatz abseits der Wolfsausrottung zu diskreditieren und zu bekämpfen. Medien erzeugen Ängste: Es ist das Recht und die Pflicht der Medien zu informieren – auch zum Wolf. Dabei kann seriöses Wissen vermittelt werden, aber es können auch kulturell und genetisch vorgeprägte Ängste missbräuchlich verstärkt werden. Leider fast Standard ist z. B., dass Wolfsrisse vermeldet werden, ohne zu erwähnen, dass die Zäunung auch nach gängigen Standards nicht ausreichend war.Technische Lösungen, Schulung: Die großen Hersteller von Zaunequipment haben sehr schleppend auf die neuen Anforderungen reagiert. Mittlerweile sind viele Sortimente ergänzt, mögliche Lösungen wie Netzzäune mit Erdungsleiter fehlen aber teils noch. In den Kinderschuhen sind signalbasierte Repellent- und Vergrämungstechnologien. Leider fehlt zu vielen Weidetierhaltern – und das ist eine unangenehme Einsicht – der Wille oder das Knowhow, einen wolfsabweisenden Zaun einzurichten. Hier müssen (Online-)Schulungen Abhilfe schaffen. Koordination: In jedem Bundesland werden bei der Herdenschutzförderung eigene Modelle gefahren, aus den Erfahrungswerten von Bundesländern mit relativ langer Wolfspräsenz wird zu wenig gelernt. Nötig ist eine bessere Vernetzung von angewandter Wissenschaft, Herdenschutzberatung und Politik. Eine zentrale Koordination muss aber immer von einer dezentralen Kommunikation und Beratung flankiert werden.

Dies sind Ideen eines konfliktärmeren Miteinanders im gegebenen rechtlichen Rahmen. Wir ergreifen damit nicht Partei für den Sinn oder Unsinn des Wolfes in der heutigen Kulturlandschaft.

14.03.2021
Von: Prof. Dr. Rainer Luick u. Nicolas Schoof, Hochsch. f. Forstwirtschaft Rottenburg

Weidehaltung und Wölfe bergen extreme Zielkonflikte