Worum geht es beim Krach um die schwarze Fahne?

Ich meine, sie schon als Jugendlicher bei Kundgebungen der „Notgemeinschaft Deutscher Bauern“ Anfang der 60er Jahre gesehen zu haben: die schwarze Fahne mit Pflug und Schwert. Anders als damals löst ihr Zeigen heute heftige Proteste aus. Die Proteste sind angesichts des politischen Umfeldes, das zu der Fahne gehört, auch sehr gut zu verstehen. Meines Erachtens steht die Fahne aber nicht für eine, sondern für zwei sehr verschiedene Erzählungen.

Bauernfahne / Sensenfahne

Die Fahne entstand als individueller Beitrag des Bauernsohns und damaligen Volkshochschullehrers Peter Petersen aus dem Dorf Arenborn in Schleswig-Holstein (später war er Schulungsleiter der NSDAP, hoher Funktionär im Reichsnährstand; nach 1945 dann Landwirtschaftsrat in der Agrarverwaltung in Schleswig-Holstein und Mitglied im Landtag). In seinen Lebenserinnerungen (1) erklärte Petersen die Symbolik der Fahne folgendermaßen: Er habe anknüpfen wollen an die schwarze Bauernfahne Florian Geyers in den Bauernkriegen 1524/25 mit einem Bundschuh als Zeichen (Kleine Anmerkung: Die Bundschuhfahne stand tatsächlich für die Aufstandsbewegung des „Armen Konrad“ in Schwaben unter Joß Fritz und die Fahne war nicht schwarz). Da aber die schleswig-holsteinischen Bauern diese bäuerlichen Symbole mittelalterlicher Lebensart wohl kaum verstanden hätten, hätte er die neue Fahne entworfen mit den Farben des Kaiserreichs schwarz, weiß, rot. Hans Fallada, herausragender  Schriftsteller und Chronist der Landvolkbewegung, der mit seinem Roman „Bauern, Bomben, Bonzen“ (2) zugleich ein wichtiges Dokument deutscher Zeitgeschichte verfasste, beschrieb die Begründung der Gestaltung der Fahne durch ihren Schöpfer durchaus weniger harmlos: „Ich habe mir alles überlegt. Das Fahnentuch ist schwarz. Das ist das Zeichen unserer Trauer über diese Judenrepublik. Drin ist ein weißer Pflug: Symbol unserer friedlichen Arbeit. Aber, dass wir auch wehrhaft sein können: ein rotes Schwert. Alles zusammen die alten Farben: schwarz-weiß-rot.“ (S. 58)

Am Fahnenstiel war noch ein Sensenblatt befestigt. Öffentlich gezeigt wurde die Fahne das erste Mal während einer großen Bauerndemonstration  am 1. August 1929 in der Stadt Neumünster. Polizisten beschlagnahmten unter Einsatz ihrer Säbel die Fahne; es gab Verletzte. Dafür wurde die Stadt für neun Monate von den Bauern boykottiert und an den Rand des Ruins gebracht. Aus einem individuellen Beitrag des Peter Petersen war so die „Landvolkfahne“, die „Blutfahne“, die „Sensenfahne“ geworden.

Die Verknüpfung dieser Fahne mit der Landvolkbewegung ist eben aber auch die Verknüpfung mit den politischen Auffassungen, die führende Personen dieser Bewegung öffentlich in Vorträgen und in der Zeitung „Das Landvolk“ verkündeten: Verherrlichung des Krieges, nationalistisches Getöse, antisemitische Ausfälle, heftige Ablehnung der Weimarer Republik, schließlich Bomben auf Finanzämter und vor dem Reichstag.

 

Landvolk und Bauernsolidarität

Nun zu einer zweiten Geschichte, an die (vielleicht) mit der Landvolkfahne erinnert werden soll: Die Weimarer Republik brachte für die Landwirtschaft durch die Inflation zwar die Möglichkeit, die in Goldmark aufgenommenen Kredite der Vorkriegsjahre durch wertloses Papiergeld abzulösen, sie vernichtete aber auch alle baren Reserven und Sparguthaben. Wegen notwendiger Reparaturen an Maschinen und Ställen ergab sich schnell eine erhebliche Neuverschuldung. Im Gegensatz zu den Vorkriegszinsen lag das neue Zinsniveau mehr als doppelt so hoch; auch die Belastungen der Betriebe mit der Einkommenssteuer, vor allem aber mit den Grundsteuern, waren stark erhöht worden. Weil immer mehr Betriebe ihre Zins- und Steuerschulden nicht mehr bezahlen konnten, kam es 1927 dann zu einer allgemeinen Agrarkrise. Für die politischen Folgen dieser Krise war es wichtig, dass der Staat die ausstehenden Zahlungen mit all seinen Machtmitteln eintrieb (Polizei, Pfändungen, Zwangsversteigerungen von Vieh, von Land und schließlich von ganzen Betrieben).

Die Bauern begannen zu protestieren und organisierten sich in der „Landvolkbewegung“. Inhaltlich begann diese als eine Steuerboykottbewegung: „Keine Steuern aus der Substanz“ war die Forderung. Zwangsversteigerungen wurden durch gemeinsames Auftreten verhindert; durch persönlichen Druck wurde erreicht, dass keine Gebote mehr bei öffentlichen Versteigerungen abgegeben wurden. Das gelang mit Erfolg in dutzenden von Fällen. Da tauchte etwas auf, was bis dahin keine so große Bedeutung gehabt hatte: Solidarität unter Bauern! Ganze Dörfer hielten zusammen im Bestreben, Pfändungen und Zwangsversteigerungen zu verhindern. Besonders bekannt wurde der „Ochsenkrieg“ im Dorf Beidenfleth am 19. November 1928: Zwei gut angesehene Bauern konnten ihre Steuern nicht bezahlen. Gerichtsvollzieher pfändeten zwei Ochsen und wollten sie wegführen. Etwa 200 bis 300  Bauern waren vor Ort und  hatten Strohsperren errichtet, die angezündet wurden, als die Gerichtsvollzieher mit den Ochsen näher kamen; alles geriet in Panik. In einem großen Prozess wurden nicht weniger als 57 Bauern angeklagt und verurteilt. Aber welch ein Verfahren! Ernst von Salomon (ebenfalls ein  Schriftsteller  und Augenzeuge des Prozesses) beschrieb das Auftreten der Bauern folgendermaßen (3, S.216 f):

Diejenigen Bauern, die dabei gewesen waren, aber nicht unter Anklage standen, verlangten auch, angeklagt zu werden. „Es nahten Bauern, die nicht beim Feuer waren, aber die Feuerhörner gehört hatten und sich auf dem Weg befanden, sie wohnten zu weit entfernt. Sie bezichtigten sich des versuchten Landfriedensbruchs ... es griff um sich, wie ein ansteckendes Fieber, von weit her strömten die Bauern unter wilden Selbstanklagen, der Staatsanwalt konnte kaum die Straßen von Itzehoe, wo der Prozess stattfand, betreten, ohne sogleich von kräftigen und ernsten Männern umgeben zu sein, die ihn flehentlich baten, die schwere Schuld  von ihnen zu nehmen und ihnen durch eine Anklage den inneren Seelenfrieden  wiederzugeben“ und weitere Geschichten dieser Art mehr. Vielleicht sind es solche Geschichten, an die mit der schwarzen Fahne erinnert werden soll:  Bauern können in Zeiten großer Not auch zusammenstehen, können solidarisch sein.

Leider ist es aber so, dass die zwei Seiten der Landvolkbewegung nicht voneinander zu trennen sind. Deshalb kann das Zeigen der Fahne heute nur missverstanden werden. Ab 1929 ging die Bedeutung der Landvolkbewegung zurück; auch eine neu gegründete „Landvolkpartei“ blieb ohne Bedeutung. Große Teil der enttäuschen Bauern wandten sich nun der NSDAP zu. Hätte es anders ausgehen können? Festzustellen ist, dass weder die Reichs- noch die Landesregierung versuchten, mit Hilfsprogrammen auf die Bauern zuzugehen, ihnen eine Perspektive zu geben. Erst als auch vermehrt Großbetriebe im Osten in wirtschaftliche Turbulenzen gerieten, legte die Reichsregierung unter starkem Einfluss des Reichspräsidenten Hindenburg – der selbst Eigentümer eines stark verschuldeten Gutsbetriebes war – mit der „Osthilfe“ ein Hilfsprogramm auf (Steuerstundungen, Entschuldungsmaßnahmen). Nutznießer waren Großbetriebe und auch großbäuerliche Betriebe. Die Zusage Adolf Hitlers, dass den Skandalen um die Osthilfe nicht weiter nachgegangen würde, war dann sogar ein entscheidender Grund dafür, dass Hindenburg ihn zum Reichskanzler ernannte.

 

Literatur:

1) Peter Petersen: Fliegender Sand, Norderstedt 1985

2) Hans Fallada: Bauern, Bonzen, Bomben, Reinbek 1968

3) Ernst von Salomon: Der Fragebogen, Hamburg 1951 (E. von Salomon war wegen Beteiligung am Mord an Walther Rathenau zu Zuchthaus verurteilt; sein Bruder Bruno war erster Schriftleiter der Zeitung „Das Landvolk“; er unterstützte die spanische Republik im Kampf gegen die Faschisten)

14.03.2021
Von: Onno Poppinga, em. Prof. für Agrarpolitik

Gerichtsprozess gegen die protestierenden Bauern 1929 in Neumünster Foto: Stadtarchiv Neumünster