Wohin mit dem vielen Geld? - Lebensmittelhändler als Krisengewinner

Die Situation des Lebensmitteleinzelhandels (LEH), seine Rolle in der Auseinandersetzung um die Verteilung der Anteile an der Wertschöpfungskette und seine Versuche, Kosten auf seine Lieferanten abzuwälzen, kommentiert AbL-Marktbeobachter Hugo Gödde.

Es ist wie in jeder Krise. Es gibt Gewinner und Verlierer. Während die einen unter den Lockdowns leiden oder gar ihre Existenz verlieren wie Gastronomen, kleine Möbel- und Bekleidungsgeschäfte oder Kulturschaffende, können andere mit dem Geldzählen kaum nachkommen. Zu dieser Gewinnerbranche gehört auch der Lebensmittelhandel.

So rechnet z.B. Edeka nach einem starken Jahresendgeschäft mit Zuwächsen von teilweise 20% mit einem Ergebnis für 2020 von deutlich über 10%. Auch die selbständigen Einzelhändler rechnen mit erheblich verbesserten Vorsteuerergebnissen. Zudem bestätigt der Januar und Februar diese Entwicklung. Die Vollsortimenter wie Edeka und Rewe profitieren besonders davon, dass in Coronazeiten der Verbraucher gern alles in einem Geschäft kauft, um der Ansteckungsgefahr in den Läden zu entgehen. Da müssen sich die Discounter mit bescheidenen kaum 10% Wachstum fast verstecken.

10% Wachstum - das würde in einem normalen Jahr die Sektkorken knallen lassen. Üblicherweise gelten Raten von 2% schon als erfolgreich. Der Gesamtumsatz der Edeka- Gruppe reicht an 60 Mrd. Euro heran und die Gruppe ist mit Abstand der größte LEH- Konzern in Deutschland. Auf die demnächst veröffentlichten Bilanzen kann man schon gespannt sein.

Teilen ist keine Option
Aber was tun mit dem unerwarteten Geldsegen? – fragt selbst die handelsnahe Lebensmittelzeitung (LZ). Keiner möchte als unmoralischer Krisengewinnler dastehen. Selbst die LZ warnt davor, dass „der Zweit-Porsche in der Garage oder die neue Ferienwohnung auf Malle angesichts der Zahlen der vergangenen Monate in greifbare Nähe gerückt sein“ könne. Das Image des ehrbaren Kaufmanns muss aufrecht erhalten bleiben. Teilen als humane Geste kommt da kaum in den Sinn. Ein kleiner Bonus für die corona-gefährdeten Menschen an der Ladenkasse oder ein Bauernbonus von Lidl für die Initiative Tierwohl ist schon das Maximum. Nein, Solidarität ist nicht die Stärke der Konzerne. Das haben auch die tausende Trecker-Bauern vor den Lagern von Aldi, Kaufland, Edeka und Co. erfahren müssen, die auf faire Geschäftsbeziehungen und gerechte Wertschöpfungsketten gesetzt haben.

Was mancher darunter versteht, wird in einem Bericht der LZ (Nr.4/2021) unter dem Titel „Edeka unterstützt Bauernproteste“ deutlich. Bei den Kundgebungen in Berlin versorgte Edeka „die Teilnehmer aus einem Lastwagen heraus mit Lebensmittel und Getränken, wie auf Bildern von der Demonstration zu sehen ist. Von Seiten der Landwirte wird zudem berichtet, dass sich Edeka mit einigen tausend Euro an den Kosten für Sanitäranlagen beteiligt.“ Ein Brötchen, ein Kaffee und eine Toilette – bisher wurde von besseren Preisen und fairen Beziehungen bei Edeka nichts bekannt.

Der kluge Edeka- Händler investiert
Doch der kluge Händler baut vor und investiert in sein Geschäft. Damit die selbstständigen Kaufleute nicht übermütig werden und zu hohe Rückvergütungen verlangen, setzen die Konzernmanager auf Investitionszuschüsse statt auf „Gießkanne“. Gespickt mit Warnungen der Zentrale wie „nicht blenden lassen, die Rechnung für die Pandemie kommt noch“ erhöhen die Regionalgesellschaften ihre Hilfen für Modernisierungen der Märkte und für Zukunftstechnologien wie elektronische Preisschilder und sparsame Kühltruhen. In allen Edeka- Regionen erhalten Kaufleute Zuschüsse bis 50% der Investitionssumme. Trotzdem sollen die Kaufleute (wie bei Rewe) auch mit Zusatzboni an der Corona-Sonderkonjunktur beteiligt werden. Von Sonderzahlungen über ca. 1% des Einkaufsvolumens mit den Regionszentralen ist die Rede. Aber es werden auch Hilfen diskutiert für Kaufleute mit Einbußen z.B. in Citylagen. „Schließlich sind wir eine Genossenschaft und müssen Kollegen unterstützen, die stark unter dem Lockdown zu leiden haben,“ heißt es da schon mal.

Konzentration und Preiskampf
Modernisierung steht auf der Tagesordnung. Investitionen in Filialnetze, iT-Prozesse, in Online- Geschäfte. Und nicht zuletzt in Konzernzukäufe. Da kommt die Übernahme vieler Real- Märkte gerade recht. Nach plus, Marktkauf, Handelshof und Tengelmann wird jetzt (diesmal mit Kaufland) wieder ein Wettbewerber übernommen und die Lebensmittelmarkt weiter „bereinigt“. Das Kartellamt steht wieder wie ein Papiertiger daneben. Man scheint aus den Konzentrationsrisiken der Pandemie nichts gelernt zu haben. Größer, höher, weiter bleibt das olympische Motto des Handels. Und die Politik schaut zu. Man braucht nicht einmal eine Ministererlaubnis dieses Mal. Andere Mittelständler seien schon mal gewarnt.

Und noch eines ist zu erwarten. Die Kriegskassen sind prall mit Geld gefüllt. Da können wir uns auf heftige Preiskämpfe aller gefasst machen. Die Bauern sollten ihre Schlepper nicht kalt werden lassen. „Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt“ könnte eine andere Bedeutung bekommen.

08.03.2021

Im LEH wird schon mal ein "vergoldeter" Trecker auf die Verkaufsfläche geschoben, um die Nähe zu den Erzeugern zu unterstreichen. Foto: FebL