Arbeiten im Schatten der Schweinehälften

Aufmerksamkeit und erste Hilfestellungen für Arbeiter und Arbeiterinnen in der Ernährungsindustrie

Cindy Thommerel ist die zweite Freiwillige, die von La Confédération Paysanne aus Frankreich nach Oldenburg in Niedersachsen zur Arbeitslosenselbsthilfe Oldenburg e.V. (ALSO) entsandt wurde, um sich ein Bild von den Arbeitsbedingungen von MigrantInnen in der Landwirtschaft und in der Ernährungsindustrie zu machen. Die französische Bauerngewerkschaft setzt sich für die bäuerliche Landwirtschaft und die Rechte von LandarbeiterInnen ein und erstellt derzeit ein Verteidigungsnetz für migrantische LandarbeiterInnen. Dafür sind derzeit vier Freiwillige in Deutschland, den Niederlanden, Marokko und Palästina unterwegs, ab April werden fünf weitere in England, Griechenland, Portugal, Frankreich und Tunesien aktiv. Ihre Arbeit besteht darin, die Arbeitsbedingungen in den Ländern zu beobachten, zu dokumentieren und darüber zu berichten.

 

So auch Cindy in Oldenburg. Ihre Berichte veröffentlicht sie im Internet auf einem Blog. Damit das Projekt sein Ziel erreichen kann, nämlich die Aufklärung der MigrantInnen über ihre (Arbeits)Rechte und die Vermittlung an Menschen und Organisationen, von denen sie Hilfe erwarten können, werden die Texte zeitnah in die Muttersprachen der Betroffenen übersetzt. Viele MigrantInnen in Niedersachsen leben abgeschirmt von der Gesellschaft und haben zum einen keine Ahnung von ihren Rechten, zum anderen auch Angst vor Repressionen seitens des Arbeitgebers. Obwohl die Problematik der „modernen Sklaverei“ von Arbeitsloseninitiativen, Gewerkschaften und Betriebsräten erkannt wurde, ist es schwer, die Ausbeutung rechtlich in den Griff zu bekommen. Viele der ArbeiterInnen in der Ernährungsindustrie arbeiten mit Werkverträgen für ausländische Subunternehmer. „Das führt dazu, dass sich die hier ansässigen Unternehmen überhaupt nicht verantwortlich fühlen für die Bedingungen, zu denen die Leute arbeiten“, erzählt Thommerel. „Die Leute arbeiten in der Fleischindustrie zum Teil 14 Stunden am Tag zu einem geringen Lohn und wohnen mit 15 Personen in einer 4-Zimmer-Wohnung, für die sie völlig unangemessene Miete bezahlen müssen. Auch in der Landwirtschaft erhalten Saisonarbeiter häufig einen unfassbar geringen Lohn, teilweise nur 1,34 €/Stunde. Der Grund hierfür ist die Akkordabrechnung und die nicht bezahlten Überstunden. Die Leute sind zum Teil körperlich kaputt gearbeitet und kennen ihren Anspruch auf soziale Unterstützung nicht.“

                                                                                                                                             

Vorsichtiges Miteinander

Innerhalb der Unternehmen ist es schwer, der Ausbeutung etwas entgegenzusetzen. Die Werksarbeiter sind weitgehend abgeschirmt, sie haben keinen Zutritt in die Gemeinschaftsräume, keine gemeinsamen Pausen und der Betriebsrat ist für sie per Gesetz nicht zuständig. Auch vonseiten der Gewerkschaften ist ein Herankommen an die ArbeiterInnen schwierig, da diese misstrauisch sind und Angst davor haben, ihren Job zu verlieren. Trotzdem versucht die Gewerkschaft Nahrungsmittel, Genuss, Gaststätten (NGG) mit Flyern Aufklärungsarbeit an den Firmentoren zu leisten. Außerdem tourt seit Oktober 2013 eine mobile Beratungsstelle durch das Oldenburger Land, ein VW Bus, in dem Daniella Reim für den gewerkschaftsnahen Verein Arbeit und Leben e.V. tätig ist. Sie verteilt Flyer und informiert die ArbeiterInnen über ihre Rechte. Ihr Vorteil ist, dass sie rumänisch spricht und über die gemeinsame Sprache leichter das Vertrauen der Leute gewinnt. Meist sind es einfache Fragen, wie z.B. zum Kindergeld, über die sie in Kontakt kommt. Immer öfter entwickelt sich daraus ein vorsichtiges Miteinander, in dem die Arbeits- oder besser Ausbeutungsbedingungen zu Tage kommen. Dass die ArbeiterInnen eingeschüchtert sind, merkt Danielle Reim auch daran, dass die Treffen im Schutz von öffentlichen und unauffälligen Orten stattfinden, z.B. auf dem örtlichen Supermarktparkpatz. Inzwischen finden immer mehr Leute den Mut mit ihr zu sprechen. Verstärkung bekommt die Rumänin ab März von einer weiteren Muttersprachlerin aus Bulgarien.

 

Hoffnung Mindestlohn

Große Hoffnungen setzen die Betroffenen in den zum 1.7.2014 beschlossenen Mindestlohn von 7,75 € für die Fleischbranche. Dieser Lohn wird für alle gelten, also auch für die migrantischen ArbeitnehmerInnen. Umstritten ist derzeit aber noch die Aufnahme der Saisonarbeitskräfte, Studierenden und Senioren in den allgemeinen Mindestlohn von 8,50 €, der Anfang 2015 in Deutschland eingeführt werden soll.

www.agricultures-migrations.org/about/le-projet-agriculture-paysanne-trav

01.04.2014
Von: Lea Unterholzner, jAbL