Lösung oder Sackgasse in Fernost?

China, China, immer wieder China – in Abwandlung des legendären Ausrufes eines Fußballreporters bei der WM 1954 könnte man heute die Wirkungen des internationalen Agrarhandels und der Weltmarktpreise bewerten, die auch unsere Preise beeinflussen. Auf dem deutschen Schweinemarkt brachten im Herbst Winter 2019/2020 die Folgen der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in China mehrere Monate die Preise auf ein Rekordhoch, das die Konten mancher Schweinebauern und vor allem der Fleischexportindustrie füllte. Nach den coronabedingten Schlachthofschließungen und vor allem nach dem Ausbruch der ASP bei uns kehrte sich die Schweinewelt um. China sperrte die Einfuhren und der Preis stürzte um 40 % ab. Schweinestau, Ferkelstau und Sauenstau bestimmen die Diskussionen. Auch Ende Januar bewegt sich die Zahl der „überzähligen“ Schweine immer noch bei fast einer Million. Da China erst Importe zulässt, wenn ein Land ein Jahr lang ASP-frei ist, sieht es für 2021 schlecht aus. Und vor der ASP gingen immerhin etwa 25 % der deutschen Exporte bzw. 70 % der Drittlandsausfuhren der EU ins Reich der Mitte. Nun hofft man auf eine Regionalisierung, d. h. dass China die Importverbote auf die von der ASP betroffenen Bundesländer beschränkt. Doch das scheint eine mehr als vage Hoffnung zu sein, zumal China genügend Schweinefleisch aus den USA, Brasilien, Spanien oder Dänemark bekommt.

Auch andere Märkte

Aber nicht nur den Schweinemarkt dominiert China (weltweit werden 40% der Schweine dort gehalten), auch den Weizen- und Maismarkt treibt China an. Zwar spielen auch das Klima in Australien und Argentinien und die Steuerpolitik Russlands eine Rolle, aber der erhöhte Bedarf Chinas zum Re-Start seiner Schweineproduktion bestimmt die Marktlage. Weizen- und Maispreise stiegen in den letzten Wochen auf den internationalen Märkten auf über 210 Euro/Tonne, Tendenz steigend.

Selbst die Weltmarktpreise für Milch sollen in den nächsten Monaten ansteigen – wegen des einsetzenden Wirtschafts- und Konsumwachstums in China. Wenigstens melden das die neuesten Marktprognosen aus Fernost. Ob aber davon etwas bei unseren Bauern ankommt, erscheint zweifelhaft, auch wenn sich Campina, Arla und auch das DMK alle Mühe geben, in Fernost Fuß zu fassen. Tatsächlich scheint Chinas Milchmarkt ein Fass ohne Boden, zumal der chinesische Verbraucher einer Dauerwerbung ausgesetzt wird, endlich auf eiweißreichen Konsum umzustellen (mit dem Hauptargument: die Körpergröße der EU- und US-Bürger zu erreichen!). Doch die hohen Zuwachsraten sind zwischen den Exportländern EU, USA, Australien und besonders Neuseeland hart umkämpft.

Milchmarkt umkämpft

Noch verdienen die Exporteure bei uns gut an Milchpulver, Butter und Käse, aber die Marktanteile sind für die Europäer schwer zu halten. Besonders Neuseeland, das 90 % seiner Milch vor allem nach China exportiert, steht unter erheblichem Druck. Denn Chinas mittelfristiges Agrarziel ist die Ernährungssouveränität und möglichst sogar der Export, auch wenn dies bei Milch schwieriger ist als bei Schweinefleisch. Deshalb wird die heimische Landwirtschaft stark gefördert und Fonterra, die größte Molkerei Neuseelands mit 80 % Marktanteil, sollte helfen. Aber deren Investitionen beim Auf- und Ausbau riesiger Produktions- und Molkereianlagen in China brachten keinen schnellen Erfolg. Im Gegenteil: Die Folge waren finanzieller Stress (Buchwertreduktion ihrer chinesischen Milchfarmen um 115 Mio. Euro im Jahr 2019) und politischer Stress mit der chinesischen Führung. Pekings Alternative ist, selbst in den Lieferländern zu produzieren. Inzwischen sind zwei oder drei der fünf Molkereien in Neuseeland mit einem Marktanteil noch unter 10% in chinesischer Hand. Die Ziele dieser Investition dürften die kostengünstige Produktion auf Gunststandorten und Druck auf Fonterra sein. Auch Australien steht auf dem Entwicklungsplan, unterstützt durch bilaterale Handels- und Zollabkommen, nachdem die USA unter Trump ausgestiegen waren.

Noch ist Fonterra das Maß der Dinge auf dem Weltmarkt und seine „Dairy“-Preise geben auch für die deutsche exportorientierte Milchindustrie die Richtung an. Aber man sollte die chinesische Milchwirtschaft nicht unterschätzen. Immerhin zu 70 % wird dort in neuen großen Betrieben mit modernsten Melkanlagen und Fütterungssystemen sowie Tiergenetik produziert. Und die großen EU- und US-Konzerne für Stallbau, Technik und Genetik sind komplett am Start. Sie sind mindestens so gefragt wie die Produktlieferanten.

Schweineproduktion wächst

In der Schweinefleischproduktion ist man nach dem dramatischen Einbruch 2019/2020 mit einem Rückgang von 35 % wieder auf Wachstumskurs. So sollen 2021 wieder 15 % mehr Schweine erzeugt werden – mit 44 Mio. Tonnen immer noch 20 % unter den „normalen“ 54 Mio. Tonnen. Trotzdem erwarten Analysten, dass der Importbedarf nach einer Verdoppelung im Jahr 2020 in diesem Jahr um 10 % zurückgehen wird. Und auch der EU-Export soll nach plus 50 % gegenüber 2018 im Jahr 2021 um 6 % sinken. Und Deutschland wird von dem nach wie vor sehr hohen Bedarf wegen der eigenen ASP-Problematik nichts abbekommen. Voraussichtlich 2024, so die Analyse der Rabobank, wird China auf eigenen Produktionsfüßen stehen und kaum noch auf Importe angewiesen sein, ja, tendenziell den Export in den asiatischen Raum anstreben. Denn die Zentralregierung in Peking treibt den Ausbau der eigenen Erzeugung massiv voran. Schon heute soll nach eigenen Angaben der Sauenbestand bei 90 % der Vor-ASP-Zeit liegen. Mit hoher staatlicher Förderung werden industrielle Strukturen gepuscht. Hinterhofhaltungen und Kleinstbetriebe, die bisher noch einen hohen Anteil halten, sind die Verlierer der Seuche und verschwinden zusehends. Trotz eines unglaublich hohen Preises von vier bis fünf Euro/kg in den letzten 17 Monaten werden sie nur noch im Übergang für die Versorgung genutzt und mit hohen biohygienischen Auflagen bedrängt. Dafür entstehen immer neue Schweinehochhäuser mit mehreren Stockwerken, gleichmäßig über das Land verteilt, um die Seuchenrisiken zu diversifizieren. Als Vorzeigeunternehmen, berichtet top agrar, gilt Tianzow Breeding, das Anfang 2021 eine neue Anlage in Betrieb nimmt mit sechs Ställen in sechs Etagen für 20.000 Sauen. Revolutioniert werden sollen auch die Tiergenetik, die Schlachthofstruktur, der Viehhandel und der Internethandel für die Tier- und Warenströme. Anfang Januar ging in China der weltweit zweitgrößte Börsenhandel für Schweinefleisch an den Start zur Absicherung von Preisschwankungen. Die ersten Ergebnisse signalisieren eine deutliche Preissenkung für den Herbst. Die deutsche Schweineerzeugung sollte sich sehr realistisch auf die zukünftigen Exportchancen nach Asien einstellen. Das lukrative Weltmarktgeschäft, und Billigproduktion wird vorherrschen – wenn nicht mal wieder Viren alles durcheinanderwirbeln.

16.02.2021
Von: Hugo Gödde, Marktbeobachter

Ob China die Märkte entlastet?