Gemeinsam können wir das besser!

„26.000 Menschen haben noch im letzten Jahr, vor Corona, gegen die herrschende Agrarpolitik demonstriert“, berichtete die RBB-Abendschau am 16. Januar 2021. Letztes Jahr, im Januar 2020, blickten wir auf ein Jahrzehnt „Wir haben es satt!“, mehr als eine Viertelmillion Menschen insgesamt waren in diesen zehn Jahren auf die Straße gegangen: gegen das Höfesterben und für eine gerechtere Agrarpolitik, für mehr Tierwohl, Klima- und Artenschutz. Auch im Januar 2020 war das Corona-Virus bereits in der Welt, doch hier in Europa fühlten wir uns noch sicher. Ein Jahr später war das anders – Wochen und Monate des Bangens lagen hinter uns: Kann und darf die Wir-haben-es-satt!-Demonstration stattfinden? Eine große Demonstration konnte es dann nicht werden – dafür aber ein vielfältiger und bunter Protesttag, coronakonform mit Maske und Abstand, mit außergewöhnlichen Bildern und ausführlicher Medienberichterstattung.

Am frühen Samstagmorgen ging es los – fast 30 Trecker sammelten sich in der Nähe des Kanzlerinnenamts zum Bannerbefestigen, Schmücken und Besprechen des Ablaufplans. Sicher dachten viele an vergangene Jahre, als der große Treckerzug im Morgengrauen am Stadtgut Blankenfelde startete – nach einem Abend mit Freund*innen und Berufskolleg*innen, die man vielleicht nur zu diesem Anlass im Januar in Berlin traf, nach einer Nacht im Matratzenlager, das liebevoll gepackte Lunch-Paket neben sich.

Dieses Jahr war das alles anders. Aufgrund der Pandemie gab es keine Übernachtungsmöglichkeiten und so konnten nur Trecker aus Berlin und Brandenburg kommen, die am gleichen Tag hin- und zurückfahren konnten – stellvertretend für die vielen Bäuerinnen und Bauern, die sich in den letzten Jahren auf den Weg gemacht hatten und dieses Jahr gerne gekommen wären. Und doch wehte ein erster Hauch vom vertrauten Wir-haben-es-satt!-Gefühl in diesen Morgenstunden durch die Straßen von Berlin.

Um kurz vor 10 Uhr hieß es dann „Aufsitzen und Abfahrt“ zur CDU-Parteizentrale. An der Spitze: Jan Wittenberg, Ackerbauer und Vorstandsmitglied der AbL, und sein gelber Trecker. Seit der ersten Wir-haben-es-satt!-Demo macht er sich jeden Januar auf den Weg nach Berlin und führt den Treckerkonvoi an. Damals sagte er: „Wir kommen wieder, bis wirklich was passiert ist, bis die Politik endlich geliefert hat!“. Und dieses Jahr sollte sein gelber Trecker dann noch eine besondere Rolle spielen!

Angekommen vor der CDU-Parteizentrale sammelten sich die Bäuerinnen und Bauern um die kleine Bühne. Theresa, Gemüsegärtnerin, ist ebenfalls schon seit der ersten Wir-haben-es-satt!-Demonstration mit dabei: „Mir ist wichtig, dass auch wir kleinen Betriebe ein Ohr bekommen!“. Auf ihrem Schild steht: Klimaschutz ist Ernteschutz! „Ich wünsche mir stadtnahe Flächen, damit wir eine regionale Versorgung sicherstellen können in Berlin und uns auch für den Klimaschutz einsetzen – dafür stehe ich hier heute.“

Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der AbL, richtete sich an die Anwesenden und adressierte an die Politik: „Wir brauchen, wir wollen und wir fordern eine andere Agrarpolitik! Frau Klöckner, Frau Merkel, seit 2005 haben 130.000 landwirtschaftliche Betriebe für immer die Hoftüre dicht gemacht. Und dieses Höfesterben, das haben wir satt!“. Er griff die aktuellen Proteste von Bäuerinnen und Bauern beim Lebensmitteleinzelhandel und den verarbeitenden Betrieben auf: „Unsere Berufskollegen im Norden haben in den letzten Wochen die Zentrallager von Lidl, Aldi, Rewe und Edeka dichtgemacht, sie sind zu den Großmolkereien gefahren und zu den großen Schlachthöfen, denn die wirtschaftliche Lage ist eine Katastrophe zur Zeit! Die Milch um die 30 Cent pro Liter, das Kilo Schweinefleisch für 1,20 Euro, das deckt die Kosten nicht, das ist ruinös, und mit diesen Preisen kann man nicht leben. Wir brauchen faire Preise und das fordern wir vehement ein.“ Ein wirklicher Systemwechsel müsse dabei gemeinsam erfolgen: „Wir sind heute damit angetreten, dass wir die Brücke bauen, die Brücke innerhalb der Landwirtschaft, zwischen den Berufskolleginnen und -kollegen, aber auch die Brücke zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft. Dafür sind wir die letzten zehn Jahre auf die Straße gegangen!“.

Nach ihm sprach Alexander Gerber, Vorstand von Demeter und BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft). „Es ist Zeit, dass jetzt gehandelt wird. Wir müssen das Klima, das Tierwohl, die fairen Preise – wir müssen sie gesund bekommen, für eine Land- und Ernährungswirtschaft der Zukunft.“

Dann wurde das Banner entrollt, welches vor Jan Wittenbergs gelbem Trecker verdeckt auf dem Boden lag – am linken Hinterrad des Treckers begannen Helfer*innen den Reifen mit grüner Sprühkreide einzufärben, während der Trecker langsam über das Banner rollte. Unter der leuchtend grünen Spur war zu lesen: „15 Jahre CDU-Agrarpolitik hinterlassen Spuren. Höfesterben, Dumpingpreise, Klimakrise. Gemeinsam können wir das besser!“ Unter lautem Jubel wurde das frisch „gestaltete“ Banner ins Aktionsbild eingefügt, begleitet von Botschaften wie „Faire Preise und Fairer Handel“, „Bauern vor Investoren – Bodenmarkt reformieren“ und „EU-Agrarpolitik – Für viele Bäuerinnen und Bauern“. Die Kameras der Fotograf*innen und Medienvertreter*innen klickten und filmten – und dann ging es auch schon zurück zum Kanzlerinnenamt.

Dort hatten, während die Bäuerinnen und Bauern an der CDU-Parteizentrale demonstrierten, viele fleißige Helfer*innen 10.000 Fuß-, Stiefel- und Treckerreifenabdrücke an Wäscheleinen aufgehängt. Als die Trecker einrollten, empfang sie ein Meer aus wogenden Blättern, es sah aus wie eine riesige Welle, die sich auf und ab bewegte. Auch hier musste dieses Jahr auf eine große Bühne verzichtet werden, Demo-Reden wurden im Vorfeld aufgezeichnet.

Elisabeth Fresen, Bundesvorsitzende der AbL, sagte in ihrer virtuellen Demo-Rede: „Wir Bäuerinnen und Bauern können Klimaschutz. Wir können Tiere schützen, Arten schützen, wir können die Basis sein für ein resilientes, regionales Ernährungssystem – wenn wir dafür faire Preise bekommen und wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen.“ Mit Blick auf die aktuelle nationale Ausgestaltung der Gemeinsamen europäischen Agrarpolitik wendete sie sich direkt an die Bundeslandwirtschaftsministerin: „Frau Klöckner, knüpfen Sie die Subventionsgelder an konkrete ökologische und soziale Leistungen, an artgerechte Tierhaltung auf der Weide, an vielfältigen Ackerbau, an schonende Bodenbewirtschaftung! Setzen Sie die Subventionsgelder endlich im Sinne der Gesellschaft und im Sinne von uns Bäuerinnen und Bauern ein! Installieren Sie Marktkriseninstrumente, die einen Preisverfall verhindern und bedarfsgerechte Erzeugung belohnen. Wir appellieren an alle politisch Verantwortlichen, dass sie sich im Wahljahr 2021 gemeinsam mit uns einsetzen, für eine bäuerliche und gesellschaftlich akzeptierte Landwirtschaft. Lasst uns gemeinsam die Agrarwende lostreten!“

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner veröffentlichte derweil eine Pressemitteilung, in der das BMEL versuchte, jede einzelne Forderung des Wir-haben-es-satt!-Bündnisses detailliert zu widerlegen, und in der den Demonstrant*innen „Polarisierungen“ und „Pauschalisierungen“ vorgeworfen wurden. Nein, so geht Brückenbauen nicht!

„Agrarwende lostreten!“ stand dann auch in großen Lettern auf dem Banner zum Aktionsbild, den wehenden Fußabdrücken, eingerahmt von Treckern. Ein klares und bildgewaltiges Statement für eine Agrarwende – gemeinsam mit Bäuer*innen und Gesellschaft!

16.02.2021
Von: Iris Kiefer, AbL-Kommunikation

Ein Meer von Fussabdrücken vor dem Kanzleramt Foto: WHES