Schweinestau und Exportorientierung - ein Umdenken ist notwendig

Aktuell stauen sich laut Angaben der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) etwa 670.000 Schweine in den deutschen Ställen. Nicht zuletzt aufgrund der immer wieder auftretenden Ausbrüche von Coronainfektionen in großen Schlachthöfen wie bei Vion an den Standorten in Emstek und Landshut und Tönnies am Standort in Weißenfels rechnet die ISN mit einem Abbau des Staus nur in kleinen Schritten.

Doch anstatt die Ursachen eines aus dem Ruder gelaufenen Systems der Exportorientierung anzugehen, sucht die Fleischbranche nach Ansicht der Tierschutzorganisation PROVIEH neue Absatzmärkte in Asien. Die internationale Abhängigkeit und der Druck, unter globalen Wettbewerbsbedingungen produzieren zu müssen, habe zu einer Abwärtsspirale beim Tierschutz und den Einkommen in der deutschen Landwirtschaft geführt. Ferkel werden aus den Anrainerstaaten nach Deutschland transportiert, weil hier wegen der verfallenden Preise die Ferkelerzeuger ihren Betrieb einstellen müssen. Regionale Landschlachter weichen großen Schlachtkonzernen, zu denen die Tiere oft über weite Strecken transportiert werden müssen. Hinzu kommen Klima- und Umweltprobleme: Die Futtermittel werden auf anderen Kontinenten produziert, für deren Anbau dort künstlich gedüngt werden muss. Die nährstoffreiche Gülle fällt hingegen bei uns an, was hier zu Überdüngung und Umweltschäden führt, so die Tierschutzorganisation.

Die Orientierung auf den deutschen und europäischen Binnenmarkt und die Etablierung lokaler und regionaler Vermarktungsketten ist nach Ansicht von PROVIEH der Weg, der aus dem Dilemma führt. „Und hierfür ist eine Reduktion der Tierzahlen unvermeidlich: weniger Tiere, die aber besser gehalten werden. Damit tier- und umweltschutzorientierte Tierhaltung eine Chance hat und die deutsche Landwirtschaft unter diesen Vorgaben produzieren kann, muss der Binnenmarkt vor ausländischem Billigfleisch geschützt werden. Dafür braucht es ambitionierte Handelsabkommen mit hohen Tier-, Umwelt- und Arbeitsschutzstandards und Transparenz in den Lieferketten“, erklärt PROVIEH.

Die Exportorientierung basiere aber wesentlich auch auf den Gewohnheiten des Fleischverzehrs, die bei uns entstanden sind: Nur die “wertvollen” Teilstücke werden hier nachgefragt, während Innereien, Pfoten, Ohren und Schwänze ins Ausland gehen. „Wir brauchen deshalb auch hierzulande Strategien zur Komplettverwertung.“

PROVIEH fordert daher:
· Regionalität - Feste Ferkelerzeuger-Mäster-Beziehungen, regionale Futtermittel und Schlachtstätten. Das alles führt zu kurzen Transportwegen und einer vom Weltmarkt unabhängigeren Tierhaltung.
· Verwertung des gesamten Tieres - Verbraucheraufklärung muss wieder das gesamte Schwein als Lebensmittel in den Fokus rücken.
· Reduzierung der Tierzahlen – Die Tierhaltung muss wieder an die regionale Fläche gebunden werden für mehr Umweltschutz und Tierhaltungsstandards, die sich an den Bedürfnissen der Schweine orientieren.

19.12.2020
Von: FebL/PM

Der aktuelle Schweinestau in deutschen Ställen. Grafik: ISN