Milchdialog: „Wir können es uns schlicht nicht leisten, locker zu lassen“

Nachdem Bäuerinnen und Bauern am 11.11. ihre Forderungen an die Verarbeitungsunternehmen übergeben hatten, holten sie sich jetzt bundesweit deren Antworten ab. Der Milchindustrie-Verband (MIV) hatte seine Antwort auf die Forderungsschreiben bereits zuvor gegeben: mehr Export.

Fast alle Verarbeitungsunternehmen, die schon beim Auftakt der Aktion „Schluss mit lustig – Uns geht die Luft aus“ in ganz Deutschland Besuch von den Bäuerinnen und Bauern erhalten hatten, wurden am 19.11. wieder aufgesucht: Die Bäuerinnen und Bauern holten sich die offizielle Antwort der Verarbeiter auf das eine Woche zuvor abgegebene gemeinsame Forderungspapier persönlich ab.

„Wir bedanken uns bei allen Kolleginnen und Kollegen, die sich auch gestern wieder auf den Weg gemacht haben, um ihre Interessen zu vertreten. Das verleiht ihren Forderungen den Nachdruck, den es braucht, um zu zeigen, dass die aktuelle wirtschaftliche Situation insbesondere der tierhaltenden Betriebe wirklich absolut nicht mehr zu stemmen ist“, bewerten die teilnehmenden landwirtschaftlichen Organisationen und Verbände des Milchdialogs den gestrigen Aktionstag. „Einige Verarbeiter haben mit Vorab-Antworten und auch mit der direkten Ansage, dass die Bauern keine Antwort erhalten würden und daher gar nicht kommen bräuchten, schon Einiges unternommen, um sie von einem erneuten Besuch vor den Werkstoren abzuhalten. Umso stärker ist es zu bewerten, dass die Bauern sich ganz überwiegend davon nicht haben beeindrucken lassen. Wir lassen uns mit unseren wirklich berechtigten Forderungen nicht einfach abwimmeln. Wir können es uns schlicht nicht leisten, locker zu lassen.“

„Es geht uns nicht darum, einzelne Verarbeiter zu brandmarken, es geht darum flächendeckend das Erzeugerpreisniveau anzuheben. Deshalb werden natürlich auch die Verarbeiter angesteuert, die besser als die Konkurrenz bezahlen, deshalb werden auch Bio-Verarbeiter genauso besucht wie konventionelle Verarbeiter. Wir erwarten von allen die größtmögliche Anstrengung, das Erzeugerpreisniveau in der geforderten Größenordnung kurzfristig anzuheben und von jedem einzelnen Verarbeitungsbetrieb, dass er daran mitwirkt. Dass die Branchenriesen dabei den größten Einfluss haben, liegt auf der Hand, macht das Engagement aber auch der kleineren Verarbeiter absolut nicht entbehrlich“, stellen die Teilnehmer des Milchdialogs klar.

„Wir werden jetzt gemeinsam die Antworten der Molkereien und Schlachtbetriebe auswerten und in der kommenden Woche dazu Stellung beziehen. Dann werden wir auch sehen, was unsere nächsten Schritte sein müssen“, skizzieren die Milchdialog-Teilnehmer die weiteren Planungen. „Wir hoffen sehr, dass die Antworten mehr als eine Situationsbeschreibung enthalten, an der man vermeintlich nichts ändern kann. Wer für sich in Anspruch nimmt, es als Branche oder Sektor ohne politische Eingriffe regeln zu wollen, muss mehr bieten als ein schulterzuckendes Akzeptieren der Situation.“

„Um es noch einmal klarzustellen: Wir erwarten, dass unsere Verarbeiter den Ernst der Lage wirklich wahrnehmen und erwarten ihre Bereitschaft, in allen Bereichen alles dafür zu tun, dass die dringend benötigten Mehrerlöse für die tierhaltenden Betriebe auch erwirtschaftet werden können. Uns ist klar, dass mehr Geld nicht vom Himmel fällt, dafür muss etwas getan werden. Was sie dafür tun wollen, das wollen wir von unseren Verarbeitern hören“, betonen die Teilnehmer des Milchdialogs.

Unerwarteter Trecker-Andrang bei der DMK
Zu einer unerwartet großen Trecker-Demonstration im Rahmen der Aktion „Schluss mit lustig – Uns geht die Luft aus“ kam es in Bremen. Nach Angaben der Bremer Polizei nahmen an dem 16 Kilometer langen Demonstrationszug, der in der Nähe des Deutschen Milchkontors enden sollte, mehr als doppelt so viele Traktoren teil als erwartet. Statt 200 hätten sich etwa 500 Fahrzeuge auf den Weg nach Bremen gemacht, teilte laut Nordwest Zeitung ein Polizeisprecher mit.

Milchindustrie-Verband sieht Lösung in mehr Export
Bereits vor dem Aktionstag hatte der Milchindustrie-Verband (MIV), dem auch die DMK angehört, zu den Protesten und Forderungen Stellung genommen. „Demonstrationen – wie die in der vergangenen Woche – tragen nicht dazu bei, das Problem zu lösen“, heißt es in der MIV-Stellungnahme. „Vielmehr müssen die Molkereien und die Landwirte gemeinsam darauf hinarbeiten, die Vermarktung und damit einhergehend auch die Kommunikation für die Milch zu stärken. Hinzu kommt, dass jeder seinen Einfluss auf die Agrarpolitiker geltend machen kann. Wenn Änderungen gewünscht werden, muss man seine Mehrheiten finden. Die Endverhandlungen zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) 2023 laufen gerade. Der MIV setzt sich weiterhin für einen marktwirtschaftlichen Ansatz ohne staatliche Mengensteuerung ein“, so der MIV.

Aus Sicht des MIV „ist ein Baustein, um die Situation zu entspannen, Exporte weiter zu fördern, um Märkte zu sichern und damit auch langfristig einen guten Milchpreis sicherzustellen“. Gerade die andauernden Handelskriege mit den USA oder Russland schadeten der Milchvermarktung. Erschwerend hinzu komme der drohende Brexit. Mengenbeschränkende Maßnahmen seien nur zielführend, wenn von Anfang an klargestellt werde, welche Länder ihre Produktion drosseln sollen. Leider zeigten die aktuellen Entwicklungen eine andere Tendenz: Alle großen Milchländer dehnen derzeit die Produktion aus. „Die Politik kann der Milchbranche auch substanziell helfen, indem sie dafür sorgt, dass die Molkereien nicht von Kostensteigerungen erdrückt werden, wie zum Beispiel durch Änderungen im Verpackungsrecht oder Kennzeichnungsrecht“, sagt der MIV-Vorsitzende Peter Stahl. Das alles koste Geld.

Die von den Bauern und Bäuerinnen geforderten Preiserhöhungen sind nach Ansicht des MIV „nicht realistisch“. Seine Erklärung: „Denn die Marktpreise der Rohmilch richten sich nach Angebot und Nachfrage. Hinzu kommt, dass die Märkte untereinander verbunden sind: Ca. 15 Prozent der europäischen Milch werden am Weltmarkt zu Weltmarktpreisen abgesetzt. Auch diese schwanken und dies bei volatilen Devisenkursen. 50 Prozent der deutschen Milcherzeugnisse werden im Ausland verkauft, das meiste im EU-Binnenmarkt. Darüber hinaus ist Deutschland ein großer Importeur von Milcherzeugnissen. Die geforderte Preiserhöhung ist aus unserer Sicht nicht einfach so zu realisieren. Außerdem ist der Protest für eine nationale Preiserhöhung in den Augen des MIV der falsche Ansatz. Der MIV erwartet kurzfristig keine drastischen Preissteigerungen, die eine Preiserhöhung wie die geforderten 40 Prozent folgen lassen könnten. Der deutsche Milchpreis liegt meistens im Durchschnitt der europäischen Nachbarn und voraussichtlich wird sich das auch nicht ändern.“ Und weil, wie der MIV schreibt, die Molkereien die wirtschaftlichen Verhältnisse auf den Höfen sehr gut kennen, gibt er einen weiteren Punkt zu bedenken „Zu Bedenken ist, dass einige Kostenpositionen auf den Höfen dem Berufsstand selbst zuzuschreiben sind: Höhere Pacht/ Landpreise werden zwischen den Landwirten direkt verhandelt.“

Um sich in „einem schwierigen Marktumfeld“ zu behaupten, dazu tragen nach Ansicht des MIV „Forderungsschreiben, die in den Betriebsstätten unser Mitgliedsunternehmen abgegeben werden, leider nicht bei.“

23.11.2020
Von: FebL/PM

Abholung der Antworten bei der Bayernland eG in Amberg. Foto: BDM