Weidende Kühe sind kein Problem

So einhellig wie die wissenschaftliche Auffassung, dass die Klimaerwärmung Mitte des 19. Jahrhunderts begann, so einhellig ist auch die Annahme, dass dieser Vorgang aufs engste mit dem Prozess der Industrialisierung verknüpft ist. Die historischen Quellen der Klimaveränderungen sind dabei vor allem die Nutzung der fossilen Energiequellen (Steinkohle, Braunkohle, Öl, Gas) und die starke Zunahme bei der Verwendung von Mineralien (z. B. verschiedene Erze und auch andere bergbaulich gewonnene Stoffe). Viele einflussreiche zeitgenössische Ökonomen – von Albrecht Daniel Thaer bis zu Karl Marx – gingen davon aus, dass wie selbstverständlich nicht nur das Gewerbe, sondern auch die Landwirtschaft sich durch die Industrialisierung zu einer kapitalistischen Agrarindustrie entwickeln würde, die mit industriellen Prozessen und in großen Strukturen wirtschaften würde. Das war aber mitnichten der Fall. Stattdessen entwickelte sich eine Struktur, die ein Agrarsoziologe ein Jahrhundert später als „die jahrzehntelange Symbiose von kapitalistischer Industrie und bäuerlich-handwerklicher Gesellschaft“ bezeichnete.

Acker, Grünland, Nutztiere

Wenn die Industrialisierung die Quelle der Klimaveränderungen ist, dann war die Landwirtschaft bis zu Beginn der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts daran nicht beteiligt. Bis zu diesem Zeitraum waren die bodengebundene Tierhaltung, die Futtergewinnung und die Düngung nicht mit einem relevanten Zuwachs der Abgabe von Methan in die Atmosphäre verbunden. Die Ertragszuwächse, die es erfreulicherweise gab, waren das Ergebnis optimierter biologischer Prozesse und nicht des Zukaufs fossiler Energie. Im Hinblick auf die Frage nach dem Anteil der Landwirtschaft an der Klimaveränderung kann man die mit der damaligen Tierhaltung verbundenen Mengen an Methan deshalb als „Grundlinie“, als „Nullpunkt“ ansehen. Es ist davon auszugehen, dass diese Mengen immer entstehen werden, solange Ackerland, Grünland und Nutztiere die Grundlage der menschlichen Ernährung bilden.

Der Flächenanteil der Futter- wie auch der Körnerleguminosen ging ab den 1950er Jahren schnell zurück. Das Zusammenwirken von intensivierter mineralischer Düngung und neu entwickelten Pestiziden ermöglichte auch ohne Leguminosenanbau hohe und sichere Erträge auf den Äckern (im Gebiet der ehemaligen DDR wurde dieser Vorgang erst in den 90er Jahren abgeschlossen). In der Folge kam es, wenn auch erst nach mehreren Jahren, zu einer Verschlechterung der Bodenfruchtbarkeit (weniger Humus; Verringerung des Porenvolumens). Dadurch konnte es in den Ackerböden häufiger zu reduzierenden Bedingungen und damit zur Freisetzung von Stickoxyden kommen. Durch die zunehmend schwerer werdende Landtechnik wurde das Problem noch verstärkt.
Die Nutzung der Moore zur Energiegewinnung wurde genauso beendet wie das tiefe Umpflügen. In den 60er Jahren wurden durch die Agrarkulturverwaltungen der Bundesländer allerdings intensive Meliorationsmaßnahmen veranlasst, die die Vorfluter stark vertieften. Ziel dieser Maßnahme war, durch Absenken des Grundwasserspiegels die Voraussetzungen für eine motorisierte Bodenbearbeitung zu verbessern und den Umbruch von Grünland zu erleichtern. Das führte zur Entwässerung von Mooren und von anmoorigen Böden mit der Folge einer starken Freisetzung von Methan. Im Gegensatz zur (extensiven) Nutzung anmooriger Flächen als Grünland führt die Ackernutzung zu Humus- und Methanverlusten über einen langen Zeitraum und in sehr großem Umfang.

Grünland zu Acker

Die sichere Möglichkeit, Ackerbau auf hohem Ertragsniveau ohne Anbau von Leguminosen durchzuführen, ermöglichte die Abschaffung der Viehhaltung und die Bildung von „reinen“ Ackerbaubetrieben. Durch die Motorisierung und die Abschaffung der Zugtiere wurde auch das bisher für sie erforderliche Grünland für andere Nutzung frei. Folge war ein wirklich massiver Umbruch von Grünland. Gab es auf dem Gebiet der Bundesrepublik (bis 1990 BRD und DDR) 1950 ca. 7 Millionen ha Grünland, waren es 2015 nur noch 4,7 Millionen ha. Eine sehr wichtige zusätzliche Beschleunigung des Umbruchs erfolgte durch die EU-Agrarpolitik, die von 1993 bis 2005 den Anbau von Silomais mit hohen Beträgen förderte, die Nutzung von Grünland dagegen nicht.
Grünlandumbruch ist immer gleichbedeutend mit einem starken Verlust an Humus (Größenordnung 100 t organische Substanz je ha). Damit einher gehen starke Nitratauswaschungen und Methanfreisetzungen und das über einen Zeitraum von vielen Jahren. In die gleiche Richtung – wenn auch wohl nicht ganz so verheerend – wirkte sich der von der Beratung empfohlene regelmäßige Grünlandumbruch mit folgender Neuansaat aus. Aus standortabhängigen, in ihrer Artenzusammensetzung sehr vielseitigen und ertragssicheren Grünlandflächen wurde so ein einförmiges Vielschnittgrünland mit geringer Biodiversität und geringer Nutzungselastizität, aber höheren Masseerträgen.

Grundlegend an den Veränderungen in der Viehhaltung im Prozess der Industrialisierung war ohne Zweifel, dass die Zahlen für die Rinder insgesamt nur moderat zunahmen, die für Kühe, Schafe und besonders Ziegen sogar abnahmen, die Zahlen für Schweine und für Geflügel dagegen geradezu „explodierten“.Während bei den Wiederkäuern – den Tieren also, die über ihr Verdauungssystem zellulosereiche Pflanzen aufschließen können und dabei auch Methan ausatmen – wenig Zunahme erfolgte, gab es bei der „flächenungebundenen Veredelung“ dramatische Zuwächse. Schweine und Geflügel geben zwar direkt nur wenig Methan ab, ihre Ausscheidungen als Gülle, Jauche oder Stallmist dagegen sehr wohl.

Rinder

In der Rinderhaltung gab es unterschiedliche Entwicklungen. Während die Fütterung bei den Milchkühen stark intensiviert wurde (starke Erhöhung des Kraftfuttereinsatzes; Erhöhung der Rohprotein- und Energiegehalte im Grundfutter) entwickelte sich neu die Mutterkuhhaltung mit ausschließlicher Grundfutterversorgung. Durch die Ausrichtung der Zucht auf immer höhere Milchleistungen wurden die Kühe deutlich größer und schwerer. Infolge dieser „Rahmenerweiterung“ erhöhten sich die aufgenommenen Mengen an Futter erheblich (von ca. 12 bis 15 kg TM Tag auf 20 bis 25 kg TM). Die Milchleistung pro Kuh stieg – für den Durchschnitt aller spezialisierten Milchviehrassen und Doppelnutzungskühe – von 2.725 kg 1951/52 auf 7.780 kg 2017. Mit Blick auf die mit der stark erhöhten Futteraufnahme pro Kuh notwendigerweise einhergehenden zunehmenden Menge an ausgeatmetem Methan ist zu beachten:

  • Kraftfutter verdrängt Grundfutter. Da aber die Methanbildung bei dem zellulosereichen Grundfutter höher ist als bei dem stärkereichen Kraftfutter, ist die Zunahme an Methan bei der Intensivierung der Fütterung geringer als die Zunahme der Futtermengen pro Kuh.

  • Da das Futter auf dem Grünland immer früher und häufiger geschnitten wurde, enthielt (und enthält) es weniger Gerüstsubstanz und ist leichter verdaulich (schnellere Passagerate).

  • Mit dem starken Anstieg der Futtermenge je Kuh ging auch ein starker Anstieg der Menge an Gülle (bzw. Stallmist) einher. „Über'n Daumen“ lässt sich abschätzen, dass die Erzeugung von 1 kg Milch notwendigerweise von 3 Liter Gülle begleitet wird.

D. h. Gülleanfall je Kuh (ca.)
1951/52 8.000 Liter
2017 23.000 Liter

Durch die „Verdichtung“ der Nährstoffe im Futter nahmen die Gehalte an Stickstoff (bzw. Protein), Phosphor usw. in der Gülle deutlich zu, so dass die mögliche Freisetzungsrate von klimawirksamen Gasen deutlich anstieg.

Diese Intensivierung der Milchviehhaltung ist die Folge einer Agrar- und Wirtschaftspolitik, die über Jahrzehnte genau das zum erklärten Ziel hatte. Übergeordnetes Ziel war es, über eine Steigerung der Produktivität die Voraussetzung für niedrige Lebensmittelpreise im Inland und für gute Exportchancen auf Drittlandsmärkten zu schaffen. Funktion der Überschüsse – die von Beginn der EU-Milchmarktordnung an die Verhältnisse prägten – war es, für eine ständige Steigerung der Produktivität als Antwort auf niedrige Auszahlungspreise zu sorgen. Wichtige Schritte in diesem Zusammenhang waren der Bau neuer Laufställe für die Kühe und der Übergang von der Stallmist- zur Güllewirtschaft. Mit Blick auf Methan- und Ammoniakfreisetzungen hatte das erhebliche Konsequenzen. Während bei der Anbindehaltung Kot und Harn in einer schmalen Rinne gesammelt und – weitgehend – getrennt gelagert werden (in der Jauchegrube und auf dem Misthaufen), fallen im Laufstall – mit Ausnahme der wenigen eingestreuten Laufställe – Kot und Harn als Gemisch an, eben als „Gülle“. Hinzu kommt, dass im Laufstall Kot und Harn auf eine viel größere Fläche (gegenüber der Kotrinne) verteilt werden. Die Begünstigung der Entstehung von Methan und Ammoniak setzt sich bei der Lagerung fest. Während im gestapelten Mist (zumeist) ein Rest an Sauerstoff vorhanden ist und eine Milchsäuregärung verursacht (mit erheblichen CO2-Freisetzungen), finden bei der Lagerung der Gülle überwiegend anaerobe Prozesse statt.

Obwohl sehr viele Fragen zur Messung von Methanentstehung bei der Milchviehhaltung noch offen sind oder kontrovers diskutiert werden, haben große Molkereiunternehmen wegen des großen öffentlichen Interesses an der Klimadiskussion bereits damit begonnen, das Thema für ihre Marketinginteressen zu nutzen. So fördern sie diejenigen ihrer Lieferanten, die für ihren Betrieb einen „ökologischen Fußabdruck“ berechnen lassen. Dabei lässt jede Molkerei anders rechnen; die Werte sind nicht vergleichbar. Die Ergebnisse werden stets nur als „CO2-Äquivalent je kg Milch“ angegeben. Das führt natürlich zu einer sehr einseitigen Sichtweise, korrespondiert aber mit dem Eigeninteresse der Molkereien an Lieferanten, deren Kühe eine hohe Milchleistung haben und die Herden mit sehr großen Kuhzahlen aufgebaut haben. Das Konstrukt „… je kg Milch“ entfaltet also weiter seine propagandistische Wirkung.

Schlussbemerkung

Die Einführung einer „Grundlinie“ für den Methananfall einer Milcherzeugung, die flächengebunden ist (ob in Form einer „bäuerlich-handwerklichen Gesellschaft“ oder in einer anderen Form), eine Menge, die immer anfallen wird, solange Grünland und Feldfutterbau weltweit wichtige Grundlagen der menschlichen Ernährung sind, ist dringend erforderlich – aber noch nirgends zu erkennen. Sie würde einerseits die sachlich unangemessenen Anforderungen der Politik an die milcherzeugenden Betriebe hinsichtlich der Reduzierung der klimawirksamen Gase senken, andererseits den notwendigen Zusammenhang mit den Folgen der Industrialisierung der Landwirtschaft herstellen und zugleich die „Köpfe freimachen“ für ein Nachdenken über eine Landwirtschaft, die sich durch positive Umweltwirkungen auszeichnet.

Der vollständige Text steht zum Download besreit.

03.11.2020
Von: Onno Poppinga, em. Prof für Agrarpolitik

Kühe auf die Weide