Dauergrünland oder Prärie?

Diese Frage nach der zutreffenden Bezeichnung der hiesigen Wiesen und Weiden habe ich mir sehr oft in diesem Sommer 2020 gestellt. Mein Blick schweifte dabei nicht nur über die eigenen Flächen, sondern auch über die der kleinen und großen Betriebe in der Nachbarschaft. Was da aussah wie ein Stoppelfeld, ist in Wirklichkeit Dauergrünland. Dabei war der Sommer für sehr viele Menschen in Deutschland wohl eher ein Durchschnittssommer. Aber der Blick in die Natur zeigt ein anderes Bild, wie sich an blühenden Kürbissen, Zucchini und Kastanien im Oktober feststellen lässt. Dem trockenen Erntejahr entsprechend war der Strohballenaltar beim Erntedankgottesdienst auf unserem Hof nur spärlich mit Feldfrüchten bedacht und das Thema bewusst gewählt: Wasser! Insbesondere die Grasstandorte der Mittelgebirge, wo die Futtergrundlage der Milchkühe und der anderen Wiederkäuer auf den Höfen wachsen soll, waren im dritten Dürrejahr in Folge hart getroffen. Bewässerung, wie wir sie von Spezialkulturen oder bisher von Mais und Kartoffeln auf Sandböden kennen, ist in den Hanglagen und beim hohen Bedarf der Grasbestände praktisch und ökonomisch unmöglich. Woanders dagegen geht in den Weiten der Ozeane den Menschen wegen steigender Meeresspiegel durch geschmolzene Eismassen ihr Land und die Lebensgrundlage verloren. So stellen sie sich dar, die zwei Extreme rund ums Wasser in Zeiten des rasanten, vom Menschen angeheizten Klimawandels. Dass Dürre eine der ersten Folgen dieser drastischen Veränderungen in unseren Breitengraden sein würde, hatte keine Prognose vorhergesagt.

Von einer Erwärmung um wenige Grad, höheren Niederschlägen und einer Verbesserung der Standortbedingungen wurde da vor zehn Jahren geschrieben. Auch von Extremwetterlagen mit zunehmenden Hitzephasen und Starkregen und einer Verlagerung von Niederschlägen innerhalb der Jahreszeiten war die Rede. Aber die inzwischen drei Jahre Dürre mit fatalen Auswirkungen auch für die Laubwälder sowie die Austrocknung der Böden bis unter die Baumwurzeln hinab waren in keiner Prognose zu finden. Das Helmholtz-Zentrum veranschaulicht mit seinem Dürremonitor sehr gut, was niemand beim Blick übers Land sieht. Auf einer Deutschlandkarte wird hier der Dürrezustand des Oberbodens bis 25 cm und des Unterbodens bis 1,8 Meter dargestellt. Die tagesaktuelle Darstellung weist aktuell den Oberboden nur im Westen der Republik als ungewöhnlich trocken bis von moderater Dürre betroffen aus. Ganz anders im Unterboden: In ganz Deutschland ist es trocken. Es überwiegen schwere Dürre, extreme Dürre und außergewöhnliche Dürre. Kein Wasser im Unterboden ist die deutliche Botschaft. Der Klimawandel ist da! Wir sehen ihn jeden Tag. Und die politischen Konsequenzen? Ein halbherziger Kohleausstieg, bei dem sich die Konzerne noch ihre Pfründe sichern dürfen. Den Bedürfnissen der Bäuerinnen und Bauern, die sich schon 2018 an den Klimademos beteiligt haben, wird das in keinster Weise gerecht. „Kohle machen“ auf Kosten des Klimas scheint immer noch kein Tabu zu sein. Auch der viel zu niedrig angesetzte CO2-Preis trägt nicht zum Umdenken bei. Wenn die Ankündigungen zum Green Deal der EU und die wachsende Kritik am Mercosur-Abkommen wegen negativer Klimawirkungen erste Hoffnungsschimmer sind, so macht auch eine zunehmend differenzierte Betrachtung wie von Wissenschaftler Frank Mitloehner Mut. Aus seiner Sicht sind die Kühe keine Klimakiller, sondern Teil einer Lösung der Klimakrise. Es ist nötig, langfristig Kohlenstoff im Boden zu binden, bisher war die Weidehaltung ein hervorragender Weg dafür. Um aber z. B. im Ackerbau umzusteuern, ist es nun notwendig, in den gerade finalen Verhandlungen zur gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) andere Schwerpunkte zu setzen. Die AbL hat Vorschläge für eine klimafreundliche Landwirtschaft gemacht und ein Punktemodell entwickelt, das Umwelt- und Klimaschutz besonders honoriert. Auch wenn der Agrarrat in Brüssel nicht mutig genug war, diese aufzugreifen, so liegt es jetzt an Deutschland, die Spielräume zu nutzen, Mut zu zeigen und neue Wege der Agrarförderung einzuschlagen. Gemeinsam mit uns sind „Fridays for Future“ als Bewegung der jungen Menschen dabei, Druck zu machen. Bündnisse zu schmieden, innerhalb der Landwirtschaft und über deren Grenzen hinaus ist wichtiger denn je. Nur gemeinsam können wir den Klimawandel stoppen. Packen wir es mutig an!

30.10.2020

Bernd Schmitz, Vorsitzender der AbL-NRW