EuroNatur-Preis an die Gemeinde Mals: Ohne Pestizide – für eine zukunftsfähige Landwirtschaft

Der diesjährige Preis der EuroNatur - Stiftung Europäisches Naturerbe für „herausragende Leistungen für den Naturschutz“ ist an die Südtiroler Gemeinde Mals vergeben worden. Im Rahmen der Preisverleihung stellte EuroNatur-Präsident Thomas Potthast den vorbildhaften Charakter der Malser Bürgerinnen und Bürger heraus: „Als Gemeinschaft haben sich die Malserinnen und Malser bürgerschaftlich und schließlich auf Basis einer Volksabstimmung dafür ausgesprochen, keine schädlichen Pestizide mehr zu akzeptieren und sich für eine zukunftsfähige Landwirtschaft entschieden. Eine echte Gemeinschaftsentscheidung, die Mals zu einer umkämpften Ausnahme in der pestizidorientierten Obstanbauregion Südtirol macht. Sie macht Mals zudem zu einem Vorbild für viele andere Kommunen in ganz Europa.“

In seiner Laudatio unter dem Titel „Bürgermut rettet Zukunft“ ging Prof. Dr. Hubert Weiger, EuroNatur-Präsidiumsmitglied und BUND-Ehrenvorsitzender, auch auf die Region um die Gemeinde Mals ein. Geprägt durch eine vielfältige landwirtschaftliche, teilweise bis heute kleinräumige Nutzung habe sich hier eine bedeutende Bürgerbewegung gegen den mit der Anwendung in den Apfelplantagen verbundenen massiven Pestizideinsatz entwickelt. „Südtirol ist heute eines der größten Obstanbaugebiete Europas, vor allem durch intensive Apfel-Monokulturen geprägt. Jeder zehnte in Europa produzierte Apfel kommt aus Südtirol. Bis zu 20 Mal jährlich werden die Apfelplantagen mit Pestiziden bespritzt und im wahrsten Wortsinne eingenebelt. Damit liegt Südtirol, für viele von uns der Inbegriff der heilen Natur, an der Spitze des Pestizideinsatzes in Europa“, so Weiger.

Mm 05.09.2014 entschieden in einer Volksabstimmung mit einer Zustimmung von 75,68% - bei fast 70% (69,22%) Wahlbeteiligung der 4800 Wahlbürger von Mals -, dass ab 2018 im Gemeindegebieten der Einsatz von Pestiziden verboten wird und im Juli 2015 wurde das per Satzung beschlossen. „Im Jahr 2016 wurde aber, um diese Entwicklung zu verhindern, vom Südtiroler Landtag ein Gesetz beschlossen, dass nur noch das Land für die Regelung des Pestizideinsatzes zuständig ist. Auf der Grundlage dieses Gesetzes und wegen der Frage der Rechtmäßigkeit der Volksabstimmung reichten 2016 130 Landwirte Klage gegen das Pestizidverbot ein und im Oktober 2019 entschied das Verwaltungsgericht Bozen zu Ungunsten von Mals, weil eine Gemeinde nicht für eine Pestizidverordnung zuständig ist. Dagegen ist die Gemeinde in Berufung vor den Staatsrat in Rom gegangen“, erläutert Weiger in der Laudatio.

Sein Fazit: „Der mutige Wiederstand der Mehrheit der Malser Bevölkerung gegen den Pestizid-Einsatz ist rechtlich bis heute vielfältig blockiert und nicht umgesetzt worden. Die auch in Deutschland bekannten Unterstützer wie der Journalist Alexander Schiebl, das Umweltinstitut München vertreten durch Karl Bär und der Verleger des Oekom-Verlages Jakob Radloff, werden inzwischen wegen übler Nachrede verklagt. Dabei geht es offensichtlich vor allem um die Verhinderung eines negativen Images von Südtirol durch den Pestizid-Einsatz, denn das Hauptexportland von Südtirol für seine Produkte ist Deutschland. Damit verdeutlicht der Fall Mals exemplarisch, wie eng Pestizideinsatz und Agrarindustrie verbunden sind, wie staatliches Handeln sich in vielen Fällen nicht als Garant des öffentlichen Wohls, sondern als Unterstützer partikularer wirtschaftlicher Interessen versteht, wie ungenügend die staatlichen Unbedenklichkeitsbescheinigungen für Pestizide sind und dass es zwingend notwendig ist, unabhängige Forschungsinstitute endlich vor der Zulassung einzubeziehen und tatsächlich ganzheitliche Wirkstoff-Untersuchungen durchzuführen.“

09.10.2020
Von: FebL

Der EuroNatur-Preis 2020 wurde stellvertretend an vier Vertreter und Vertreterinnen der Gemeinde Mals (im Vordergrund) vergeben. Im Hintergrund Hubert Weiger (li.) und EuroNatur-Präsident Thomas Potthast . Foto: EuroNatur