„Heuschrecke des Jahres 2020“ an Ex-Bauernpräsidenten Dr. Klaus Kliem verliehen

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Mitteldeutschland (AbL) hat die „Heuschrecke des Jahres 2020“ an Ex-Bauernpräsidenten Dr. Klaus Kliem verliehen, weil dieser seinen Stammbetrieb an ALDI verkauft hat. Für die AbL ein weiterer Beleg dafür, endlich ein wirksames Agrarstrukturgesetz zu beschließen. Dabei verweist die AbL auf die Ankündigung von Thüringens Landwirtschaftsminister, am 14. Oktober einen Entwurf für ein solches Gesetz vorzulegen.

Etwa 30 Thüringer Bauern und Bäuerinnen der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Mitteldeutschland (AbL), Abgeordnete und Mitarbeiterinnen des Landtages und andere Interessierte waren im thüringischen Bad Langensalza vor dem Sitz der Agrar-, Dienstleistungs-, Industrie- und Baugesellschaft mbH (ADIB) dabei, als Dr. Klaus Kliem die diesjährige „Heuschrecke des Jahres“ verliehen wurde. Nur einer fehlte: der Preisträger – er scheut nach Ansicht der AbL offensichtlich das Licht der Öffentlichkeit.

„Die Discounter, allen voran ALDI, werden von Vertretern des Bauernverbandes gerne für die schlechten Einkommen der landwirtschaftlichen Betriebe verantwortlich gemacht. Dr. Klaus Kliem war lange Jahre Präsident des Thüringer Bauernverbandes und ist immer noch sein Ehrenpräsident – dass er nun auch seinen Stammbetrieb an ALDI verkauft, ist schlicht unmoralisch. Die Jury war sich darin einig, dass er mit dieser Skrupellosigkeit neue erschreckende Maßstäbe gesetzt und sich somit die jährlich verliehene ‚Heuschrecke des Jahres‘ redlich verdient hat“, sagt Michael Grolm, Landesvorsitzender der AbL Mitteldeutschland. Anfang August war der Verkauf der ADIB GmbH in Bad Langensalza an ALDI nach Recherchen von AbL und MDR bekannt geworden, allein dabei gingen 6.000 ha über den Tisch. Die Familie Kliem war Mehrheitsgesellschafterin der ADIB GmbH und bekam für den Verkauf 14,7 Mio €.

„Mit dem Verkauf an ALDI leistete Dr. Kliem dem gesamten Berufsstand einen Bärendienst, denn das Ziel von Discountern wie ALDI liegt auf der Hand: möglichst große Marktmacht vom Acker bis zur Ladenkasse“, so Grolm und weiter: „Die Konzentration im deutschen Lebensmitteleinzelhandel ist sowieso schon enorm, wenn sich dies auch im landwirtschaftlichen Bereich fortsetzt, können Bauern und Bäuerinnen einpacken!“

„Mit der Verleihung des Preises will die AbL auch nochmals aufzeigen, wie dringend wir Agrarstrukturgesetze in allen ostdeutschen Bundesländern brauchen, die den weiteren Ausverkauf der heimischen Landwirtschaft an Investoren verhindern. Denn Herr Kliem steht für ein System, dass es bislang den altgedienten Kadern ermöglicht, mit dem Verkauf „ihrer“ Betriebe privat Kasse zu machen. Der vom Thüringer Landwirtschaftsminister für den 14. Oktober angekündigte Gesetzentwurf wird sich daran messen lassen müssen, ob er einen solchen Verkauf hätte verhindern können - wir haben als AbL hierfür einen umfangreichen Vorschlag auf den Tisch gelegt. Alle anderen Landesministerien fordern wir hiermit dringend auf, nicht noch mehr Zeit verstreichen zu lassen“, so Grolm weiter und abschließend: „Wir haben Ministerpräsident Ramelow aufgefordert, Dr. Klaus Kliem den Thüringer Verdienstorden abzuerkennen und sich beim Bundespräsidenten dafür einzusetzen, dass ihm auch das Bundesverdienstkreuz aberkannt wird, denn als Vorbild sollte er nun wirklich nicht mehr gewürdigt werden. Bislang gab es darauf leider noch keine Reaktion.“

Zum Hintergrund erklärt die AbL Mitteldeutschland::Die Agrar-, Dienstleistungs-, Industrie- und Baugesellschaft mbH (ADIB) mit Sitz in Bad Langensalza ist eine Agrar-Holding, welche wiederum eine Vielzahl weiterer Gesellschaften aus den Bereichen Landwirtschaft, Verarbeitung und Distribution betreibt. Die bewirtschaftete Fläche der ADIB beläuft sich auf rund 6000 ha, die Familie von Dr. Kliem war Mehrheitsgesellschafterin der ADIB. Nach Informationen des MDR betrug der Kaufpreis 40 Mio. €, davon dienten 12 Mio. € zur Tilgung von Altschulden – dies ergibt einen Nettoerlös von 28 Mio. €.

Für die Familie Kliem ergeben sich aus der Gesellschafterliste des Handelsregisters folgende Geschäftsanteile:

Geschäftsanteile

Nettoerlös

Kliem, Dr. Klaus 

27,25 %

7,6 Mio. €

Kliem,Gabriele

7,55 %

2,1 Mio. €

Kliem, Martin

8,95 %

2,5 Mio. €

Kliem, Constanze

8,96 %

2,5 Mio. €

Anteil Fam. Kliem

52,71 %

14,7 Mio. €

Verkauft wurde die ADIB an die Boscor Land- und Forstwirtschafts GmbH & Co. KG. Hauptgesellschafter von Boscor ist die Lukas-Stiftung, eine der Aldi-Familienstiftungen mit Sitz in Schleswig-Holstein. Da es sich um einen Anteilskauf (Share Deal) handelt, erfolgt der Flächenübergang ohne Kontrolle oder Regulierung durch die Landwirtschaftsbehörden. Das Grundstückverkehrsgesetz: „Gesetz über Maßnahmen zur Verbesserung der Agrarstruktur und zur Sicherung land- und forstwirtschaftlicher Betriebe“ (GrdstVG) wird einfach umgangen.

Bereits am 27.09.2019 wurden sämtliche Geschäftsanteile der Geithainer Landwirtschafts GmbH von der bisherigen Gesellschafterin, der Aschara Landwirtschafts GmbH, an die Boscor Land- und Forstwirtschafts GmbH & Co. KG, vertreten durch die Komplementärin Boscor Land- und Forstwirtschafts Verwaltungs GmbH, verkauft. Diese Gesellschaft wurde erst im Jahr 2018 von der Lukas-Stiftung speziell zum Zwecke der Geschäftsbeteiligung an Agrar- und Forstunternehmen gegründet. Theo Albrecht höchstpersönlich vertritt die Stiftung im Außenverhältnis. Die Anteile der Aschara GmbH wurden von der ADIB Agrar-, Dienstleistungs-, Industrie- und Baugesellschaft mbH gehalten. Die Familie Kliem hielt 52,42 % des Kapitals.

 

 

09.10.2020
Von: FebL/PM

Verleihung der "Heuschrecke des Jahres 2020" an Ex-Bauernpräsident Dr. Klaus Kliem vor der Villa der Agrar-, Dienstleistungs-, Industrie- und Baugesellschaft mbH (ADIB) im thüringischen Bad Langensalza in Abwesenheit des Preisträgers. Foto: AbL Mitteldeutschland