Kleinbäuerliche Landwirtschaft im Süden Brasiliens

Durch gezielte Förderprogramme unterstützt das auf Exporte von Cashcrops ausgerichtete Agrarland bäuerliche Familienbetriebe.

 

Brasilien ist das fünftgrößte Land der Erde und hat mittlerweile in den sog. „G-20“ Runden eine wichtige Position als stark aufstrebende Wirtschaftsmacht, sein Exportvolumen steigt stetig. Brasilien ist bekannt für Großgrundbesitz und Landlosenbewegung. Was weniger bekannt ist und deshalb im Fokus des Artikels stehen soll, ist dass es in Brasilien noch ca. 4,5 Mio. bäuerliche Familienbetriebe gibt, die durchschnittlich 18 Hektar bewirtschaften. Nur in China und Indien gibt es mehr bäuerliche Betriebe als in Brasilien. Vor allem im Süden Brasiliens gibt es noch viele Kleinbauern, deren Vorfahren vor ca. 200 Jahren größtenteils aus Europa nach Brasilien kamen. Der brasilianische Staat hatte das Land vermessen und in 25 Hektar große Betriebe aufgeteilt. Das Land - oder viel eher die subtropischen Waldgebiete und das Grasland - konnten die Aussiedler kaufen und urbar machen. Sie betrieben Subsistenzwirtschaft und bauten lokale Märkte auf.

 

Grüne Revolution

Die Modernisierung der Landwirtschaft Brasiliens begann Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie wurde von außen eingeführt und gelenkt. Ziel war es, Brasilien an den kapitalistischen Agrarmarkt anzupassen und internationale Konzerne zu bedienen. Die Kreditvergabe war auf „Modernisierung“ ausgerichtet. Finanziert wurden vor allem Maschinen, Saatgut, Düngemittel und Pestizide. Soja und Weizen-Saatgut wurden subventioniert - für den Saatgutkauf von traditionellen Nahrungsmittelpflanzen gab es keine Kredite. Viele Betriebe gerieten in einen Schuldenkreislauf. Konnten sie ihre Schulden nicht abbezahlen, mussten sie Land verkaufen. Die Betriebe schrumpften. Durch die Rationalisierung wurden immer weniger Arbeitskräfte  gebraucht. Viele junge Leute wanderten in die Städte ab. Dies führte zu den großen Bauerndemonstrationen, die Anfang der 1980er Jahre trotz der Militärdiktatur stattfanden.

 

bäuerlichen Landwirtschaft

Lange Zeit gab es in Brasilien nur das die Großgrundbesitzer stützende Landwirtschaftsministerium MAPA. Vor mehr als zehn Jahren wurde ein zweites Ministerium für die ländliche Entwicklung gegründet, das MDA. Dessen Finanzvolumen ist wesentlich kleiner als das des MAPA, dennoch  hat es wirkungsvolle Programme zur Entwicklung des ländlichen Raumes gestartet und fördert damit explizit die Kleinbauern. Von der Unterstützung beim Landerwerb, für bäuerliche Investitionen bis hin zur Absatzförderung der bäuerlichen Erzeugnisse auf lokalen Märkten reichen die Hilfen. Für Paulo Alfredo Schönardie, der seine Doktorarbeit über „Bäuerliche Landwirtschaft im Süden Brasiliens“ verfasst hat, sind die staatlichen Programme ein Teil der „Wiederbelebung der bäuerlichen Landwirtschaft“. Erstmals wurden damit die über 4,5 Mio. kleinbäuerlichen Betriebe Brasiliens anerkannt. Parallel zu den Förderprogrammen zur Stützung der bäuerlichen Strukturen wurde ein Programm zur Lebensmittelbeschaffung (PAA) und das Lebens­mittelversorgungsprogramm für Schulen (PNAE) eingeführt. In Brasilien bekommen Kinder, die staatliche Schulen besuchen, umsonst eine warme Mahlzeit pro Tag. Früher wurden die Küchen aus Produkten der transnationalen Agrarindustrie bestückt. Heute sind die Schulen und staatlichen Einrichtungen, wie Krankenhäuser, gesetzlich verpflichtet, mindestens 30 % ihrer Lebensmittel direkt von Kleinbauern zu beziehen. Dazu kauft die nationale Organisation CONAB Erzeugnisse der Familienbetriebe auf, die dann an die staatlichen Einrichtungen weiter gegeben werden. Die CONAB hat ihr Budget von 2003 bis 2011 von 43,5 Mio. auf 210 Mio. US- Dollar erhöht. Hier ist die staatliche Unterstützung der Kleinbauern unmittelbar wirksam und sichert das Einkommen der Kleinbauern.

 

Hilfe für Kleinbauern

Auch das Null-Hunger-Programm, 2003 vom damaligen Präsidenten Lula de Silva eingerichtet, hat Millionen Menschen vom Hunger befreit und vielen Kleinbauern durch die staatlichen Aufkauf-Programme zu bescheidenem Wohlstand verholfen. Stig Tanzmann von Brot für die Welt sieht in den staatlichen Aufkauf-Programmen eine Möglichkeit für die Familienbetriebe, aus dem Schuldenkreislauf auszusteigen: „Es ist ein wegweisendes Modell, das viel besser funktioniert als andere Entwicklungsprogramme, die ich kenne. Vor allem weil es dem ländlichen Raum eine langfristige und ganz anders geartete Perspektive bietet. Familienbetriebe haben so die Möglichkeit, lokale Absatzmärkte zu erschließen, auf denen sie eine Vielfalt an Feldfrüchten absetzen können.“ In einem weiteren Förderprogramm unterstützt der Staat Betriebe, die lokales Saatgut vermehren, indem er die Abnahme des Saatguts sichert und dies dann an andere Betriebe weiter verteilt. Das erste zertifizierte ökologische Gemüsesaatgut Brasiliens wurde so produziert. Allein 2011 sind, laut Brot für die Welt, 4,5 Mio. US-Dollar für regional angepasste Sorten investiert worden. Tanzmann: „Auch von diesem Modell Brasiliens können wir viel lernen: Brasilien hat Saatgutzüchtung und Entwicklung als eine gesellschaftliche Aufgabe erkannt und unterstützt diese, anstatt die Züchtung alleine den Profitinteressen der Saatgutkonzerne zu überlassen.“

Die stattlichen Unterstützungsprogramme laufen vor allem im Süden Brasiliens. Natürlich nicht ohne Spannungen mit den Großgrundbesitzern. In nördlicheren Regionen berichten Partnerorganisationen von Brot für die Welt, dass die Großgrundbesitzer versuchen, den Zugang von Kleinbauern zu den staatlichen Aufkaufprogrammen zu verhindern. Es ist ein erster Erfolg der Bauernproteste, dass vor allem im Süden Brasiliens ein agrarpolitischer Wandel stattfindet.

19.11.2013
Von: Annemarie Volling, Die Dissertation „Bäuerliche Landwirtschaft im Süden Brasilie