Der Wissenschaftliche Beirat fordert umfassende Transformation des Ernährungssystems

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) hat sein Gutachten „Politik für eine nachhaltigere Ernährung: Eine integrierte Ernährungspolitik entwickeln und faire Ernährungsumgebungen gestalten“ an Bundesministerin Julia Klöckner (BMEL) übergeben. „Um unsere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, brauchen wir eine umfassende Transformation des Ernährungssystems. Die gegenwärtige Gestaltung unserer Ernährungsumgebungen macht es Konsumenten und Konsumentinnen sehr schwer, sich nachhaltiger zu ernähren“, so Harald Grethe, Vorsitzender des Beirats. „Wir benötigen stärkere politische Steuerungsimpulse für die Unterstützung nachhaltigerer Konsumentscheidungen.”

Der WBAE definiert vier Zieldimensionen nachhaltiger Ernährung, die sogenannten „Big Four“: Gesundheit, Soziales, Umwelt und Tierwohl. Hinsichtlich einer aktiv gestaltenden Ernährungspolitik, die diese vier Ziele adressiert, ist Deutschland nach Ansicht des WBAE im internationalen Vergleich Nachzügler. Die Verantwortung werde zu stark auf die Konsument*innen verlagert. „In dem komplexen, durch starke Lobbyeinflüsse geprägten Politikfeld der Ernährung ist eine so zurückhaltende Ernährungspolitik das falsche Signal“, so der Agrarökonom Achim Spiller. Notwendig sei deshalb der Aufbau eines eigenständigen Politikfeldes.

In seinem Gutachten plädiert der WBAE für eine faire Gestaltung unserer Ernährungsumgebungen. Der Einfluss der Ernährungsumgebung wird laut WBAE in der öffentlichen und politischen Diskussion unterschätzt, die individuelle Handlungskontrolle dagegen überschätzt. Die Gesundheitspsychologin Britta Renner betont: „Um nachhaltigere Ernährungsentscheidungen in der Breite der Bevölkerung und im Alltag zu ermöglichen, benötigen wir einen fairen Rahmen in Form von verständlichen Informationen, einem einfacheren Zugang, mehr Wahlmöglichkeiten und Preisanreizen, die die nachhaltigere Wahl attraktiver machen.“

„Das Gutachten zeigt, dass in der öffentlichen Diskussion zu häufig symbolpolitisch gestritten wird, bspw. über Plastikverpackungen, statt über zentrale umweltpolitische Stellschrauben wie die Notwendigkeit eines deutlich reduzierten Konsums tierischer Produkte“, heißt es in einer Mitteilung des WBAE. Die Umweltethikerin Lieske Voget-Kleschin betont: „Wir brauchen eine Neuausrichtung und Stärkung des Politikfeldes Ernährung, damit die Transformation unseres Ernährungssystems gelingt und faire Ernährungsumgebungen für alle ermöglicht werden.”

Mit dem Gutachten legt der WBAE neun zentrale Empfehlungen für diese Transformation vor:

  1. Systemwechsel in der Kita- und Schulverpflegung herbeiführen – „Kinder und Jugendliche in den Fokus“. Der WBAE empfiehlt u.a. die Einführung einer qualitativ hochwertigen und beitragsfreien Kita- und Schulverpflegung und ein Bundesinvestitionsprogramm „Top-Mensa”.
  1. Konsum tierischer Produkte global verträglich gestalten – „Weniger und besser”. Der WBAE empfiehlt u. a. eine Abschaffung der Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes für tierische Produkte und die Einführung eines verpflichtenden Klimalabels für alle Lebensmittel.
  1. Preisanreize nutzen – „Die Preise sollen die Wahrheit sagen“. Der Beirat empfiehlt, deutliche Preisanreize für eine nachhaltigere Ernährung zu setzen (z.B. durch die Einführung einer Verbrauchssteuer auf zuckerhaltige Getränke) und diese durch eine Entlastung einkommensschwacher Haushalte sozialverträglich zu gestalten.
  1. Eine gesundheitsfördernde Ernährung für alle ermöglichen – „Ernährungsarmut verringern“. Der Beirat empfiehlt u. a., die Kosten einer gesundheitsfördernden Ernährung in staatlichen Grundsicherungsleistungen adäquat zu berücksichtigen.
  1. Verlässliche Informationen bereitstellen – „Wahlmöglichkeiten schaffen“. Der WBAE empfiehlt u.a. verpflichtende Nachhaltigkeitslabel für Gesundheit („Nutri-Score”), Treibhausgasemissionen („Klimalabel”) und Tierwohl, eine stärkere Regulierung von an Kinder gerichtete Werbung und Social Influencing sowie die Entwicklung eines „digitalen Ecosystems nachhaltigere Ernährung” mit Anwendungen für Verbraucher*innen.
  1. Nachhaltigere Ernährung als das „New Normal” – „Soziale Normen kalibrieren”. Der WBAE empfiehlt u. a., kleinere Portionsgrößen verfügbar zu machen, den Leitungswasserkonsum durch eine kostenlose Bereitstellung im öffentlichen Raum zum Standard zu machen und die Potenziale der Reformulierung realistisch einzuschätzen und zu nutzen.
  1. Angebote in öffentlichen Einrichtungen verbessern – „Großküchen nachhaltiger gestalten”. Der WBAE empfiehlt, in der Senioren-, Krankenhaus- und Rehaverpflegung Ernährung nicht nur versorgungspraktisch zu betrachten, sondern eine hochwertige Qualität des Essens und der Ernährungsumgebung sicherzustellen (u.a. verpflichtende Umsetzung der DGE-Qualitätsstandards).
  1. Landbausysteme weiterentwickeln und kennzeichnen – „Öko und mehr”. Der WBAE empfiehlt, den Ökolandbau weiter zu fördern, aber auch, weitere ökoeffiziente Landbausysteme zu entwickeln und für Verbraucher*innen kenntlich zu machen.
  1. Politikfeld „Nachhaltigere Ernährung” aufwerten und institutionell weiterentwickeln – „Eine integrierte Ernährungspolitik etablieren”. Der WBAE empfiehlt eine umfassende konzeptionelle und institutionelle Neuausrichtung und Stärkung des Politikfeldes, das die vier Ziele nachhaltigerer Ernährung integriert in den Blick nimmt. Dies erfordert eine stärkere Vernetzung zwischen den Ressorts (insb. Ernährung und Landwirtschaft, Gesundheit, Umwelt) und Politikebenen (von der Kommune bis zur EU) sowie den Ausbau personeller Kapazitäten mit deutlichen Budgeterhöhungen.
22.08.2020
Von: FebL/PM

Prof. Grethe auf der Pressekonferenz zur Übergabe des WBAE-Gutachtenes mit Ministerin Klöckner. Bildquelle: BMEL/Twitter