Tierwohl durch die kostensparende Hintertür

Branchenlösung versucht sich am Spagat zwischen Weltmarkt und Inlandsansprüchen

Tierwohl eignet sich nicht zur Marktdifferenzierung!“, verkündete Johannes Röring, Vorsitzender des Fachausschusses Schweinefleisch im Deutschen Bauernverband (DBV), bei der Vorstellung der „Initiative Tierwohl“ auf dem Veredelungstag des DBV Anfang September im westfälischen Senden. Die Aussage wirkt fast wie eine trotzige Entgegnung auf einen Kritikpunkt der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) an der gerade erst zwischen DBV, Handelsketten und Schlachtunternehmen getroffenen Vereinbarung: „Bei der geplanten Branchenlösung für mehr Tierwohl wird beim Fleisch die Transparenz und damit die Wahlfreiheit der Kunden gescheut“, kritisiert Bernd Voß, Bundesvorsitzender der AbL. Rörings nicht weiter begründete Aussage zur Marktdifferenzierung wird auch durch die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Bundesverbands der Verbraucherzentralen in Frage gestellt: „61 % der Verbraucher fühlen sich beim Einkauf von Fleischprodukten nicht ausreichend darüber informiert, unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden.“ Die Initiative Tierwohl entstand als Reaktion auf den hohen gesellschaftlichen und mittlerweile politischen Druck auf Tierhaltungsanlagen im industriellen Stil. Die gesamte konventionelle Fleischerzeugung soll einbezogen werden ohne ein neues Siegel auf den Markt zu bringen. Auf gar keinen Fall soll die internationale Wettbewerbsfähigkeit oder die Verkaufsmenge eingeschränkt werden, d.h. es dürfen nicht zu hohe zusätzlichen Kosten bzw. Preisanstiege entstehen.

 

Freiwillig auswählen

Herausgekommen ist eine Vereinbarung über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Die TierhalterInnen sollen sich freiwillig beteiligen können, indem sie betriebsindividuell passende Maßnahmen aus einem Katalog umsetzen. Dafür sind Durchschnittskosten pro Tier (€/Tier) kalkuliert worden, die durch einen von den Handelsketten gespeisten Fonds ausgeglichen werden sollen. Die folgenden Katalogbestandteile für Mastschweine wurden bisher veröffentlicht: Block A umfasst die Grundanforderungen für Betriebe zur Teilnahme - einziges Ausschlusskriterium: eine zu geringe Fensterfläche. Block B ist der Wahlpflichtbereich, aus dem einzelne Maßnahmen bis zu einem Wert von 3,00 €/Tier gewählt werden müssen. Es bestehen Überlegungen, die Wahl von entweder 10 % mehr Platz (2,80 €/Tier) oder Zugang zu Rauhfutter (2,00 €/Tier) verpflichtend vorzuschreiben. Das nach EU-Recht verbotene, aber dennoch stattfindende, routinemäßige Kupieren der Ringelschwänze wurde in einen dritten Block C ausgelagert. Dessen Umsetzung bereitet nach Aussagen einiger Mitglieder der Projektgruppe erhebliche Probleme. Was auch daran liegt, dass das derzeit gängige zwangsbelüftete  Haltungssystem auf Vollspalten als Ausgangspunkt gesetzt ist. Da die Mehrkosten gering bleiben sollen, sind Um- bzw. Neubauten von Ställen nicht möglich. Dabei zeigen sowohl Bio- als auch Neulandställe seit Jahren praktische Haltungsformen mit Freilauf und Stroheinstreu, in denen Schweine ihre Schwänze behalten können.

 

Tierwohl versteckt

Schon bei der diesjährigen Einführung des zweistufigen Tierschutzlabels vom Deutschen Tierschutzbund war ein wesentlicher Kritikpunkt, dass die Anforderungen für die Einstiegsstufe, z.B. beim Schwänzekürzen, hinter den gesetzlichen Tierschutzstandards zurückbleiben. Das Label stellt jedoch, zumindest für den Verbraucher, eine erkennbare Auslobung veränderter Haltungsbedingungen dar - verbunden mit dem entsprechend höheren Preis. Denn darin sind sich alle einig: mehr Tierwohl im Stall verursacht Kosten. Dem Tierschutzlabel verheißt der Einkaufsleiter für Frischwaren bei Rewe, Guido Siebenmorgen, jedoch genau deshalb ein Nischendasein und begrüßt umso mehr die neue Initiative. Dabei sollen die Kosten für die Tierschutzmaßnahmen der jeweils teilnehmenden LandwirtInnen auf die gesamte Fleischmenge umgelegt werden. Auf diese Weise werden sie, solange die Zukunftsvorstellung Siebenmorgens, dass alle Tierhaltungsbetriebe mitmachen, nicht erfüllt ist, in der Masse „versteckt“ und die Preise des Gesamtmarktes bewegen sich komplett, aber nur leicht nach oben. So ist kein Konsumrückgang zu befürchten und die Händler umgehen logistische Probleme: Denn der Fleischmarkt besteht aus Teilstücken, deren Mischungen und Bezugsquellen wöchentlich neu zusammengestellt werden. Als Kennzeichung kann sich Siebenmorgen auf den Fleischverpackungen folgenden Vorschlag eines Kollegen gut vorstellen: „Mit dem Kauf dieses Produktes unterstützen Sie die Initiative Tierwohl.“ Das klingt schon wie gedruckt, doch weiß dann trotzdem niemand, ob das Tier aus einem Betrieb stammte, der sich an der Initiative beteiligt, und wenn ja, welche Veränderungen an den Haltungsbedingungen vorgenommen wurden – ein Auslauf oder eine Schalentränke?

 

Angebrachte Zweifel

Auf dem Veredelungstag äußerte ein Bauer in der Mittagspause am Buffet seine Skepsis: „Das läuft doch wie das QS-System: erst gibt es einen Aufschlag für die, die mitmachen – und später wird das der neue Standard und es gibt keinen Cent mehr.“ Siebenmorgen sieht die Fondsfinanzierung jedoch gewährleistet über die noch anstehende Selbstverpflichtung der beteiligten Handelsketten, die etwa 80 % des Lebensmittelhandels vertreten. Aufgrund der zahlreichen Absprachen entlang der Wertschöpfungskette gilt die kartellrechtliche Prüfung als eine noch ausstehende Hürde für die Initiative Tierwohl. Offen bleibt, welchen Preisaufschlag für Fleisch der Handel bereit ist, den Verbrauchern zuzumuten. Denn diese werden, ob sie wollen oder nicht, an der Theke die Zusatzbeträge zahlen, die der Handel beim Einkauf an den Fonds gibt. Die im Ermessen des Handels liegende „Schmerzgrenze“ ergibt letztendlich, wie viele LandwirtInnen teilnehmen, bzw. bis zu welchem Niveau die Tierschutzstandards angehoben werden können. Was bleibt für die Bauern und Bäuerinnen? Auch zukünftig müssen sie weiter auf den Kostenwettkampf durch neue Technik und Effizienzsteigerung setzen, um wettbewerbsfähig mit Weltmarktpreisen konkurrieren zu können – auf Kosten anderer Höfe und Berufskollegen, die nicht mehr mithalten können und auf Kosten der Tiere. Zusätzlich können einige den Spagat versuchen innerhalb dieses Systems auf niedrigstem, kostenausgleichendem Niveau der Forderung nach mehr Tierwohl zu entsprechen – ohne dass ihre Bemühungen dabei nach außen sichtbar werden. Sie sind abhängig vom Handel und müssen hoffen, dass die Mehrkosten ausgeglichen werden. Wie wäre es stattdessen auf eine echte Differenzierung durch konsequente Programme, wie z.B. bei Neuland, zu setzen? Und sich durch die Einhaltung klarer, nachvollziehbarer Standards selbstbewusst den Werten der einkaufenden Menschen zu stellen und dafür, auch durch werbende Unterstützung des Handels, einen angemessenen Preis für die Produkte zu erlösen?

10.10.2013
Von: Christine Weißenberg, unabhängige Bauernstimme