Liberalisieren oder gezielt steuern?

Auf europäischer Ebene werden verschiedene Szenarien der zukünftigen Milchproduktion diskutiert

Auf Einladung des europäischen Agrarkommissars Dacian Ciolos fand Ende September in Brüssel eine große Milchkonferenz unter dem Titel „Der EU Milchsektor: Entwicklungen nach 2015“ statt. Nach wie vor sind die Auswirkungen einer Abschaffung der Milchquote für eine flächendeckende Milchproduktion und Grünlandbewirtschaftung nicht klar absehbar. Eine zentrale Frage der Konferenz war, wie zukünftig mit zu erwartenden Marktschwankungen umgegangen werden kann. Welche Steuerungsmechanismen nach 2015 notwendig sein werden, um den Bauern eine zuverlässige Perspektive zu bieten und zu verhindern, dass  Milchproduktion nur noch in besonders begünstigten Regionen stattfindet.

 

Produktionskosten berücksichtigen

Schon lange vor der Konferenz hat der Ausschuss der Regionen (AdR), eine beratende Einrichtung, die die Interessen der regionalen und lokalen Gebietskörperschaften in der Europäischen Union vertritt, zum Auslaufen der Milchquote Stellung bezogen. In seiner Stellungnahme kritisiert der Ausschuss, dass Genossenschaftsmolkereien in den wichtigsten Milcherzeugerländern der EU einen Großteil der Marktanteile kontrollieren. Auch werden die wachsenden Gewinnspannen innerhalb der Wertschöpfungskette für Wirtschaft und Handel kritisiert. Zur Einkommenssicherung für Erzeuger schlägt der AdR vor, die Produktionskosten in den Verhandlungen über den Milcherzeugerpreis zu berücksichtigen und eine mögliche Verlängerung der Quotenregelung bis 2019/2020 zu prüfen.

 

Kommission für Liberalisierung

Schon im Vorfeld der Milchkonferenz hatten erste Ergebnisse aus einer Studie der EU-Kommission zur Entwicklung des Milch- und Molkereimarkts nach 2015 für Aufregung gesorgt. Koordiniert worden ist die Studie von der Wirtschaftsberatung Ernst & Young. Die beteiligten Agrarökonomen, Prof.Ludwig Theuvsen von der Universität Göttingen, Prof. Paolo Sckkai von der italienischen Università Cattolica del Sacro Cuore und Prof. Joost Pennings von der Universität Maastricht, bestätigen zum einen die Notwendigkeit eines Sicherheitsnetzes, dass künftige Marktschwankungen absichern soll. Als Instrumentarium hierfür seien mit Intervention und Beihilfen für die private Lagerhaltung aber ausreichende Maßnahmen vorhanden. Eine zeitweise Verringerung des Angebots durch eine Entschädigung von Milcherzeugern für einen Produktionsverzicht mit öffentlichen Mitteln sei hingegen ineffizient und sollte vermieden werden. Nützlich seien dagegen die weitere Unterstützung von Erzeugerorganisationen und Genossenschaften sowie die Förderung von Produkten mit hohem Mehrwert, insbesondere auch mittels geschützter Ursprungsbezeichnungen (g.U.) und geschützter geographischer Angaben (g.g.A.).

Zu einem ganz anderen Ergebnis kam dagegen eine vom European Milk Board in Auftrag gegebene und von Romuald Schaber, dem Präsidenten des EMB, vorgestellten Studie. Die Autorin, Andrea Fink-Keßler vom Büro für Agrar- und Regionalentwicklung, stellt darin die Möglichkeiten einer flexiblen und temporären Angebotsregulierung mit Hilfe einer Monitoring Agency dar.

 

Monitoring Agency

Anforderungen von Seiten des EMB an ein Steuerungsinstrument sind, dass sich die produzierte Milchmenge flexibel an der Nachfrage orientiert, Preisschwankungen gedämpft werden und ein kostendeckender Preis gewährleistet ist. Es soll ein verlässlicher Rahmen für eine nachhaltige Milcherzeugung geschaffen werden. Die Funktionsweise der vom EMB immer wieder beschriebenen Monitoring Agency beruht auf einer aktiven Steuerung der Milchproduktion durch die Erzeuger. Beschrieben wird das wie folgt: „Die Monitoring Agency bedingt ein europaweit umgesetztes, verbindliches Mengenregulierungssystem mit einzelbetrieblichen Lieferrechten auf der Basis der bestehenden Milchmengenverteilung in Europa. Die Mengenänderungen werden flexibel, d.h. in Abhängigkeit von der Marktlage vorgenommen. Die Anzahl der Mengenanpassungen im Zeitablauf sowie die Höhe der Mengenanpassung ergeben sich daher ausschließlich aus dem Marktverlauf. Die Vertreter der Monitoring Agency ermitteln die jeweiligen Kosten der Milcherzeugung in Europa und legen nach einem definierten Verfahren die Unter- und Obergrenze des anzustrebenden Erzeugerpreises für 1 Kilogramm Milch, 4,0 Prozent Fett, 3,4 Prozent Eiweiß, fest. Dadurch ergibt sich ein Zielbereich (Zielpreiskorridor), in dem sich der durchschnittliche europäische Milchpreis befinden sollte. Verlässt der Marktpreis den vorgegeben Korridor, werden lediglich Parameter (Verhältnis Angebot und Nachfrage) angepasst, nicht jedoch der Preisbildungsmechanismus selbst. Sinkt der durchschnittliche europäische Milcherzeugerpreis unter die untere Grenze des Korridors ab, wird die europäische Milchproduktion sukzessive so lange zurückgefahren, bis sich der Erzeugerpreis wieder im Korridor befindet. Übersteigt der Erzeugerpreis die Preisobergrenze, so wird die Milchmenge sukzessive erhöht, bis sich der durchschnittliche Erzeugerpreis wieder im Korridor befindet.“

Finanziert werden soll die Arbeit der Monitoring Agency durch eine Umlage pro Kilogramm Milch. Eine entscheidende Voraussetzung und damit ein weiterer zentraler Unterschied zum Kommissions- als auch dem Bauernverbandvorschlägen ist die Beibehaltung des Außenschutzes. Nur in einem abgeschlossenen, definierten Raum, in diesem Fall der EU, sind nachhaltige Mengenregelungen möglich. Als traditionellem, wertvollem Lebensmittel kommt der Milch in Europa eine besondere Bedeutung zu. In Europa werden 32 Millionen Milchkühe gemolken. Über Jahrhunderte hinweg hat Milchviehhaltung die Landschaften geprägt, vielfältige Arbeitsplätze geschaffen und Einkommen gesichert.

Für die Entwicklung der Landwirtschaft in Europa werden die jetzt festzulegenden Rahmenbedingungen der Milchproduktion von zentraler Bedeutung sein. Zwei Wege wurden auf der Konferenz in Brüssel deutlich. Entweder man legt den Schwerpunkt auf die Milchindustrie und versucht für sie eine günstige Rohstoffversorgung zu sichern, indem man die Märkte liberalisiert, Grenzen öffnet und damit die Produktion auf begünstigte Regionen konzentriert. Oder man stellt die Milchbauern mit ihren Betrieben, einer regionalen Wertschöpfung, nachhaltiger, flächendeckender, ökologisch sinnvoller Bewirtschaftung in den Mittelpunkt. Dies aber wird nur mit einem kostendeckenden, verlässlichen Milchpreis erreicht werden können.

10.10.2013
Von: Marcus Nürnberger, unabhängige Bauernstimme