Sozialdumping im Schlachthof

Die Fleischbranche strauchelt am Kostensparmodell „billige Arbeitskräfte“

Großschlachthöfe sind seltsame Orte und werden kritisch beäugt. Obwohl Fleisch nach wie vor in großen Mengen verzehrt wird, machen sich die meisten Menschen hierzulande vom Schlachten der Tiere nur ungern ein Bild. In gigantischem Ausmaß von zigtausend Tieren pro Tag wird aus einem handwerklichen, wenn auch blutigen Verarbeitungsschritt eine unvorstellbare Massenabfertigung. Die Fleischindustrie wird politisch jedoch meist gern gesehen und unterstützt: sie verspricht Arbeitsplätze und bringt Geld in die Region. Doch seit einiger Zeit bröckelt genau dieser Lack: Die als effizient geltenden großen Strukturen mit hohem Rationalisierungsgewinn liefern sich in Wirklichkeit einen gnadenlosen Preiskampf, der auch über die Lohnkosten ausgetragen wird. Gewerkschaften bemängeln dies schon seit langem. Seit Anfang des Jahres sind die Medien aufmerksam geworden und die gängige Praxis der Schlachthöfe dringt verstärkt in die Öffentlichkeit (siehe auch Bauernstimme 05/2013): auf Kosten der Festangestellten, die nach Schätzungen von Gewerkschaftern in Extremfällen nur noch 10 % der Belegschaft ausmachen, werden große Teile der Produktion an Netzwerke aus Werkvertragsfirmen übertragen. Vor allem rumänische und bulgarische Arbeiter kommen über Firmen mit offiziellem Sitz in ihren Heimatländern nach Deutschland, arbeiten teilweise ohne Arbeitsvertrag zu Billiglöhnen von z.B. 3,50 Euro pro Stunde, haben wenig bis gar keine soziale Absicherung und werden oft unter katastrophalen Umständen untergebracht.

                                                                                              

Widerstand

Einer, der diese Zustände öffentlich anprangert und auf Änderungen drängt, ist der katholische Prälat Peter Kossen, Bischofsvertreter im niedersächsischen Vechta. Er freut sich darüber, dass regional und bundesweit das Thema Mindestlöhne und Arbeitsbedingungen sowohl für heimische als auch für ausländische Arbeiter gerade in Wahlkampfzeiten eine wichtige Bedeutung bekommen hat: „Ich hoffe, dass da Haltung hinter steckt und nicht nur im großen Stil kosmetische Veränderungen vorgenommen werden – ein paar Wohnungen aufhübschen oder für ein paar Monate einen Euro mehr, bringt nichts. Es braucht eine grundsätzliche, gesetzlich abgesicherte Herangehensweise.“ Laut Matthias Brümmer, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in der Region Oldenburg, ist eine Möglichkeit in Sicht: „Aufgrund des öffentlichen Drucks sind die Unternehmen endlich bereit, über Tarifverträge zu verhandeln. Und von der Politik kommt das Signal, dass ein Ergebnis anschließend in das sogenannte Arbeitnehmer-Entsendegesetz aufgenommen werden kann. Damit würde es allgemein verbindlich für die gesamte Branche und alle Arbeiter, egal welcher Herkunft, gelten.“ Sowohl Kossen als auch Brümmer wollen, dass in den Verhandlungen, für die sich seit neustem auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen einsetzt, nicht nur über Lohn sondern auch über die Bereitstellung von Arbeitsmaterial, Transport und Unterkunft gesprochen wird. Der Ausgang ist noch offen und selbst wenn eine Einigung erzielt ist, muss sie auch umgesetzt werden. Deshalb fordert Brümmer parallel eine bessere Ausstattung der Kontrollorgane, beispielsweise des Zolls. Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer verfolgt derweil noch eine andere Idee, die er in die Tagesordnung der Agrarministerkonferenz Ende August in Würzburg einbrachte: Er will, dass sich der Bund dafür einsetzt, zukünftig die Förderung von Schlachthöfen mit EU-Mitteln der Gemeinsamen Agrarpolitik an Sozialstandards zu binden.

 

Neue Gedanken

Einig sind sich mittlerweile alle, dass die rumänischen Arbeiter Informationen und Beratung vor Ort brauchen, um sich selbst wehren zu können. Angedacht ist auf Landesebene in Niedersachsen ein mobiles Angebot direkt vor den Werktoren und Unterkünften. „Wenn ein ständiger Kontakt besteht, dann können die Menschen endlich aus dem bisherigen Sumpf des Schweigens ausbrechen“, wünscht sich Kossen. Der kirchliche Sozialdienst Caritas, für dessen regionale Organisation der Prälat zuständig ist, hat der Landesregierung schon ein Angebot für die Umsetzung gemacht. Deutlich wird immer wieder: Vor allem muss sich die Denkweise über Arbeit und deren Wert ändern. So berichtet ein Bauer, der die Wirtschaftlichkeit seiner Milchviehhaltung trotz hoher Arbeitsbelastung nicht mehr gegeben sah, von einem Erlebnis aus dem Bereich der Landwirtschaft: Sein Bankberater riet zu Wachstum: Bauen und einen Mitarbeiter anstellen. „Aber wie soll ich den nach der Investition und bei geringen Milchpreisen bezahlen?“ „Da nehmen sie jemanden aus Rumänien oder Polen, das kostet nicht viel.“ Was bleibt da noch zu sagen? Peter Kossen meint, „wir müssen uns Gedanken über unser Menschenbild machen und immer wieder unsere Vorstellungen vom Zusammenleben diskutieren und überprüfen. Fertig sind wir damit nie.“

10.09.2013
Von: christine weißenberg, unabhängige Bauernstimme