Dran bleiben!

Wie mutig und vorausschauend war es, als einige Bäuerinnen und Bauern, konventionell und biologisch wirtschaftend, vor 40 Jahren die AbL e.V. als bäuerliche Interessenvertretung gründeten. Vier Jahrzehnte mit unzähligen Diskussionen, Analysen, Veranstaltungen, Aktionen, Demonstrationen, Hoch- und Tiefpunkten. Das kommt uns heute zugute. In der aktuellen Protestbewegung von „Land schafft Verbindung“ (LsV) gibt es Rufe, alles agrarpolitisch wieder auf null zu setzen und die Reset-Taste zu drücken, wie ein Sprecher auf der Kundgebung in Hamburg unter Beifall sagte. Realistisch ist dies nicht. Das bewusste Ignorieren von jahrzehntelangen agrarpolitischen Versäumnissen lässt sich nicht durch Knopfdruck wegwischen, es fällt uns allen jetzt auf die Füße. Auf 80 Millionen „Agrarexperten“ schimpfen, die nicht säen und ernten, aber mitreden wollen? Hilfreich ist das auch nicht. Warum sollen nicht Mitbürger*innen ein Recht darauf haben, mitzureden, wie wir als Gesellschaft insgesamt mit Mensch, Tier und Umwelt umgehen wollen? Wir brauchen schließlich für die anstehenden Veränderungen ihre Unterstützung. Das kann auch eine Chance sein.

Demonstrieren jetzt Konventionelle gegen Bios, quasi Bauern gegen Bauern, wie Ministerin Klöckner und einige Medienvertreter*innen behaupten? Die AbL hat auf den Kundgebungen und in vielen Pressegesprächen gegen diese interessengeleiteten Spaltungsversuche gesprochen. Wäre es so, wie sie sagt, dann könnte sich die Ministerin als Moderatorin zurückziehen. Aber sie hat für die Agrarpolitik maßgeblich Verantwortung übernommen. Gefragt sind jetzt vorausschauendes Handeln und Gestalten.

In Gesprächen mit nachdenklichen LsV- Demonstrierenden werden Gemeinsamkeiten in den Ansichten deutlich. Viele Bäuer*innen sind zu Veränderungen bereit, sie müssen aber in der Praxis umsetzbar sein und bezahlt werden. Einig sind wir, dass wir klare wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen brauchen, damit wir die Existenzen unserer Betriebe sichern und unseren Beitrag zur Erhaltung der Lebensgrundlagen leisten können. Dafür gehen wir auf die Straße. Es lohnt sich, zusammenzukommen und über die Herausforderungen und Lösungswege zu reden und lösungsorientiert zu streiten.

Die AbL ist für rasche Korrekturen bei offensichtlich ungerechten Festlegungen. Wir wollen gemeinsam den Druck auf die Lebensmittelketten, Großmolkereien, Schlachtunternehmen verstärken, um faire Preise für unsere Arbeit zu bekommen. Wir wollen flächendeckend umwelt- und klimaschonenden Ackerbau mit vielgliedrigen Fruchtfolgen, einheimischen Eiweißfutteranbau, kleinere Schläge und Landschaftselemente, weil uns die Artenvielfalt und der Klimaschutz am Herzen liegen. Wir wollen den Nutztieren mehr Platz, Auslauf und Weidehaltung geben, aber bei diesen Umbauschritten nicht auf den Kosten sitzen bleiben. Wir wollen eine Reform der EU-Agrarpolitik, bei der unsere Leistungen mit klimaschonendem Ackerbau und artgerechter Tierhaltung wertgeschätzt und honoriert werden, statt Direktzahlungen nach der Flächengröße. Wir wollen den Ausverkauf landwirtschaftlichen Bodens an außerlandwirtschaftliche Spekulant*innen stoppen. Und beim internationalen Agrarhandel wollen wir fairen Handel mit unseren Berufskolleg*innen aus aller Welt und die Achtung der internationalen Bäuer*innen- und Menschenrechte.

Die AbL hat nach intensiven Diskussionen zu all diesen Herausforderungen Positionen erarbeitet. Kein Grund für uns zur Überheblichkeit. Eher ein Weckruf, dass wir selbst sowohl in unseren landwirtschaftlichen, aber auch in den nichtlandwirtschaftlichen Verbänden bequeme Wagenburgen verlassen müssen. Auch dafür sind wir am 18. Januar 2020 das zehnte Mal in Folge in Berlin mit 27.000 Menschen auf die Straßen gegangen und haben unsere Trecker politisch in Bewegung gesetzt. Ein AbL-Vertreter hat auf der LSV-Kundgebung gesprochen, ein LSV-Vertreter hat auf der Wir-haben-es-satt-Kundgebung gesprochen, beide Reden fanden breite Zustimmung. „Verbindungsbrücken zwischen den Bewegungen bauen“, hat ein Bauer auf der bayerischen AbL-Landesversammlung vorgeschlagen. Das ist ein sehr gutes Mittel, um den politischen Handlungsdruck Richtung Berlin und Brüssel zu verstärken. Es bleibt spannend, bleibt mit uns dran.

04.02.2020
Von: Elisabeth Fresen, Martin Schulz, AbL-Bundesvorsitzende

Elisabeth Fresen, Martin Schulz, AbL-Bundesvorsitzende