Unzureichende Zulassungsverfahren bei Gentechnik-Pflanzen

Die Behörden in der EU und der Schweiz gehen bei der Zulassung von Gentechnik-Pflanzen nicht angemessen mit den Risiken um. Bei den Zulassungsverfahren genügen die derzeitigen Standards nicht den gesetzlichen Anforderungen, die verlangen, dass unter Anwendung höchster wissenschaftlicher Standards nachgewiesen werden muss, dass die Gentechnik-Pflanzen und daraus gewonnene Nahrungsmittel als sicher angesehen werden können. Zu diesem Ergebnis kommt ein jetzt in Berlin vorgestelltes internationales Forschungsprojekt.

Unter dem Titel RAGES (Risikoabschätzung von gentechnisch veränderten Organismen in der EU und der Schweiz) befasste sich ein internationales Team von ExpertInnen seit 2016 intensiv mit der Zulassungsprüfung von Gentechnik-Pflanzen. Das Projekt ist vollständig unabhängig von den Interessen der Gentechnik-Industrie. Im Ergebnis zeigt sich, dass von den Behörden längst nicht alle relevanten Risiken geprüft werden, sondern vor allem diejenigen, die sich mit möglichst einfachen Mitteln untersuchen lassen.

„Kurz gesagt ist die derzeitige Praxis der Zulassungsprüfung in großen Teilen nicht dafür gemacht, die tatsächlichen Risiken zu prüfen. Vielmehr ist diese Praxis auf die Interessen der Firmen ausgerichtet, die ihr patentiertes Gentechnik-Saatgut und die entsprechenden Ernten möglichst weltweit vermarkten wollen. Die Politik hat es in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten versäumt, ausreichende Vorgaben für die Durchführung der Zulassungsprüfung zu machen und eine von der Industrie unabhängige Risikoforschung zu organisieren“, fasst eine der beteiligten ForscherInnen, Angelika Hilbeck vom European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility (ENSSER), die Ergebnisse zusammen.

In sechs Berichten wird unter anderem gezeigt, dass die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA nicht berücksichtigt, dass die von den Pflanzen produzierten Insektengifte wesentlich giftiger sein und weit mehr Insektenarten beeinträchtigen können, als ursprünglich angenommen. Die EFSA akzeptiert zudem seit vielen Jahren auch Daten von Feldversuchen, in denen die Gentechnik-Pflanzen nicht mit hohen Mengen und wiederholten Spritzungen von Glyphosat behandelt werden. In den Anbauländern sei dies aber übliche Praxis. Im Ergebnis ist die Zulassungsprüfung ungeeignet, um die tatsächlichen Risiken eines Verzehrs von Nahrungsmitteln abzuschätzen, die aus diesen Pflanzen hergestellt werden. Viele Risiken bleiben bei der Zulassungsprüfung sogar gänzlich außen vor. Dazu gehören Auswirkungen auf das Immunsystem und insbesondere die möglichen Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen gentechnisch veränderten Eigenschaften der Pflanzen.
„Trotz dieser offensichtlichen Mängel der Risikoprüfung gibt es bisher wenig Interesse an einer sachlichen und kritischen Diskussion. Stattdessen sehen wir zunehmend populistische und sachlich oft nicht fundierte Äußerungen vor allem von Seiten industrienaher Wissenschaft. So wird medial ein angeblicher pauschaler ‚Konsens‘ darüber konstruiert, dass gentechnisch veränderte Pflanzen als sicher anzusehen seien, den es so nicht gibt“, kritisiert Christoph Then von Testbiotech.

Die von RAGES aufgezeigten Probleme betreffen auch die Diskussion um die sogenannte „neue Gentechnik“. RAGES zeigt unter anderem, warum Pflanzen, die mit Hilfsmitteln wie der Gen-Schere CRISPR verändert werden, eingehend auf Risiken geprüft werden müssen.

Durchgeführt wurde das Projekt RAGES in Zusammenarbeit von ENSSER, dessen Schweizer Partnerorganisation CSS (Critical Scientists Switzerland), GeneWatch UK und Testbiotech. Finanziert wurde es von der Stiftung Mercator Schweiz.

Ein zusammenfassender Abschlussbericht des Projektes findet sich hier.