Treckerfahren ist politisch!

Der Trecker ist das Symbol des bäuerlichen Widerstands. Bäuerinnen und Bauern haben mit Treckern bereits den Atomausstieg angeschoben, den Milchmarkt boykottiert, Importe blockiert und Bündnisse ins Rollen gebracht. Treckerfahren ist also mehr als Ackern, Füttern und Anhänger ziehen – Treckerfahren ist politisch!

Ich werde meinen Trecker, mein Symbol des bäuerlichen Widerstands, im Januar zur „Wir haben es satt“-Demo nach Berlin fahren. Aus meiner Sicht ist es auch 2020 wichtig zu zeigen, dass wir Bäuerinnen und Bauern gemeinsam mit der Gesellschaft auf die Straße gehen – für unsere Höfe, für gutes Essen, für gutes Leben auf dem Land und für einen agrarpolitischen Umbruch. Wir haben es geschafft, uns auf gemeinsame Positionen zu einigen. Das ist manchmal ein zähes Ringen, teilweise harte Verhandlung und immer wieder auch erleichternd einfach. Vor allem aber ist es ein langwieriger Prozess, der immer in Gang ist, und in dem Bäuer*innen eine starke Stimme brauchen. Ich als Bäuerin brauche dieses Bündnis mit der Gesellschaft nicht nur in politischen Verhandlungen, sondern auch in meiner täglichen Arbeit. Der Rückhalt aus der Gesellschaft stärkt unsere Höfe und unsere Arbeit, stärkt mich als Bäuerin.

Ja, auch ich sehe, dass teilweise Unverständnis seitens der Bevölkerung herrscht, dass ich manchmal Ärger mit Anwohner*innen habe, weil sie sich Sorgen um die Tiere auf den Weiden machen. Das wird aber kein Protest gänzlich verhindern. Ich denke, dass wir im „Wir haben es satt“-Bündnis lernen können, damit umzugehen, und die Chance haben, die Landwirtschaft der Zukunft auszuhandeln.

Agrarpolitischer Umbruch zur Landwirtschaft der Zukunft

In der Landwirtschaft der Zukunft werden Bäuer*innen unser Klima schonen, vielen Arten Lebensräume schaffen, für sauberes Trinkwasser sorgen, Tiere artgerecht halten, gesunde Lebensmittel erzeugen und von bäuerlicher Arbeit gut leben können. Damit diese Art der Landwirtschaft flächendeckend und nicht bloß einzelbetrieblich Realität wird, ist ein agrarpolitischer Umbruch überfällig. Wir brauchen dringend eine Gemeinsame Agrarpolitik (GAP), die diese gesellschaftlichen Leistungen in Wert setzt und nicht weiterhin Flächenbesitz fördert. Wir brauchen ein fundiertes Konzept, wie der Umbau der Tierhaltung aussehen und finanziert werden soll. Wir brauchen eine Strategie, wie wir unsere Böden als fruchtbare Grundlage unserer Ernährung schützen. Und wir brauchen einen Markt, auf dem Bäuerinnen und Bauern für Nahrungsmittel faire Preise bekommen, auf dem sich alle Menschen gutes Essen leisten können und auf dem nicht auf Kosten anderer Profit gemacht wird.

Druck auf die Straße bringen

Damit sich die Politik dahin bewegt, müssen wir Druck aufbauen. Neben „Wir haben es satt“ bringen auch andere Organisationen den Druck auf die Straße. Viele Trecker waren in den letzten Monaten unterwegs und haben die Politik zum Handeln genötigt. Wir alle sind Bäuer*innen, die um die Existenz ihrer Höfe fürchten. Wir alle fordern die Politik zum Handeln auf. Der Handlungsdruck ist riesig. Jetzt müssen Landwirtschaft, Gesellschaft und Politik etwas daraus machen.

Werden wir Symptome behandeln oder Ursachen ändern? Werden wir kurzfristig aktionistisch oder zeichnen wir langfristige Perspektiven? Wollen wir einen tiefgreifenden Umbruch oder oberflächliche Veränderungen? Was auch immer wir als Bäuer*innen wollen – 270.000 Betriebe allein werden das Ruder nicht rumreißen. Wir werden Unterstützung aus der Gesellschaft brauchen. Genauso wie die Gesellschaft Bauernhöfe braucht, um gesunde Lebensmittel zu bekommen.

Treckerfahren ist politisch

Wenn ich die Fahrt zur „Wir haben es satt“-Demo vorbereite, wenn ich meinen Trecker kärcher, wenn ich rumtelefoniere und organisiere, überkommen mich manchmal auch Zweifel: Lohnt sich der Aufwand? Kann ich meinen Vater mit der Arbeit auf dem Hof mehrere Tage allein lassen? Ist es sinnvoll, dass ich hunderte Kilometer mit maximal 40 km/h zurücklege, wenn ich auch in wenigen Stunden mit der Bahn in Berlin sein könnte? Kann ich mit meiner Dieselschleuder für klimaschonende Landwirtschaft protestieren?

Ich bin überzeugt – ja! Denn der Trecker ist das Symbol des bäuerlichen Widerstandes. Mein Trecker inmitten der Menschen auf der Demo ist ein starkes Symbol für unser Bündnis aus Landwirtschaft und Gesellschaft. Mit meinem Trecker kann ich nicht nur Heu machen, Kühe füttern und Rundballen fahren. Mit meinem Trecker kann ich Politik machen!

Neben all der Politik gibt es für mich noch einen anderen Grund, mit dem Trecker nach Berlin zu fahren: die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten! Denn manchmal habe ich auch einen beschissenen Tag auf dem Hof mit kaputten Zäunen, Löchern in Stiefeln, Matsch, Streit oder stehenden Maschinen und frage mich, was das alles soll. In solchen Momenten ist es Gold wert zu wissen, dass ich nicht allein bin, sondern überall Bäuerinnen und Bauern sind, die für das Gleiche kämpfen!

23.12.2019

Elisabeth Freesen mit dem Trecker