„Bis weißer Rauch aufsteigt“

Endlich einmal etwas tun zu können, den ganzen Frust und die Ohnmacht in Aktion zu wandeln und dann noch in so eine: Jeder, der schon mal mit einem Trecker auf einer Demo mit anderen Treckern unterwegs war, weiß, wie sich das anfühlt, wenn man als Könige der Landstraße im Konvoi hoch oben den Straßenverkehr dominiert. Meist winken noch lachende Passanten aufmunternd am Straßenrand. Für viele Bauern und Bäuerinnen, die am 22. Oktober zu tausenden in ganz Deutschland auf ihre Trecker gestiegen sind, um zu einem der dezentralen Aktionsorte oder nach Bonn zur zentralen Kundgebung der Bewegung „Land schafft Verbindung“ zu fahren, war das Ganze sicher ein befreiendes und erhebendes Erlebnis. Inspiriert durch die beeindruckende Demo der niederländischen Berufskollegen, die am 1. Oktober den mehr oder weniger kompletten morgendlichen Berufsverkehr Hollands lahmgelegt hatten, gründete sich schnell danach in sozialen Netzwerken eine Basisbewegung von Bauern und Bäuerinnen in Deutschland. Der Unmut über das Agrarpaket der Bundesregierung und die Düngeverordnung ist der letzte Tropfen, der das Fass mit einer emotionalen Melange aus vermeintlich zu wenig Anerkennung in Gesellschaft und Politik, aus zu vielen – zum Teil als fachlich unakzeptabel angesehenen – Umwelt- und Tierwohlauflagen und dem zermürbenden Gefühl, schon seit Jahren und Jahrzehnten mit viel und körperlich schwerer Arbeit zu kaum kostendeckenden Preisen Lebensmittel zu produzieren, zum Überlaufen bringt. Zunächst stellen Bauer Willi und die Agrarbloggerszene grüne Kreuze als stillen Protest auf, später erwächst von vielen anderen der Wunsch, auch laut auf das Dilemma aufmerksam zu machen. Innerhalb kürzester Zeit versammeln sich zehntausende im Netz hinter den bewusst unkonkret gehaltenen Forderungen nach Respekt und Anerkennung, der Ablehnung des Agrarpaketes und des Mercosur-Handelsabkommens. Maike Schulze-Broers, Bäuerin aus dem Landkreis Uelzen und eine der Organisatorinnen, spricht auf der Demo in Bonn von einer überwältigenden Welle der Solidarität und des Zuspruchs in den drei Wochen der Bewegung.

Vereinnahmend

Bewusst wird die Distanz zu Verbänden proklamiert. Sorge herrscht vor der Gefahr, sich vereinnahmen zu lassen. Bayer und BASF bieten auch finanzielle Unterstützung an, die die Organisatoren ablehnen. In den dezentralen Orgateams waren von Anfang an auch örtliche Bauernverbandsfunktionäre, was wenig verwunderlich ist, schließlich finden sich die sowieso schon Aktiven schneller zusammen. Spätestens als dann auf der eilig anberaumten Bauernverbandskundgebung in Bonn eine Woche vor dem 22. Oktober „weitere Demos“ angekündigt werden, verschwinden Bauernverbandsvertreter – ob freiwillig oder gedrängt – zum Teil aus den Orgateams der neuen Bewegung. Die meisten Organisatoren dieser neuen Basisbewegung sind voller Energie, aber eben weitestgehend ohne Erfahrung und entsprechend unsicher. So soll die eigentlich unverfängliche Forderung nach fairen Preisen nicht erhoben werden, wohl weil sie für viele Bauern und Bäuerinnen mit dem Bundesverband deutscher Milchviehhalter verbunden ist, der auch nicht mit eigenen Transparenten am 22. Oktober auftauchen soll. Da ist es Ironie des Schicksals, dass die, die sich fast übervorsichtig mit keinen Verbänden in Verbindung bringen lassen wollen, weil es irgendwie schädlich sein könnte, von der tageszeitung ausgerechnet in die Nähe der AfD herangeschrieben wurden. Sie war die einzige Partei, die den Bauern und Bäuerinnen signalisierte, dass es keine Änderungen in der Wirtschaftsweise brauche – kein Wunder, wenn man Klimawandel und Artensterben für Hokuspokus hält. Aber so wenig, wie zwangsläufig alle Befürworter eines Tempolimits auf Autobahnen Grün-Wähler sind, wählen Bauern und Bäuerinnen, die am 22. in Bonn demonstrieren, die AfD. Aufpassen, sich nicht von ihr einlullen zu lassen, müssen sie dennoch. Es kann eben nicht alles so bleiben, wie es ist. Es ist geradezu bauernfeindlich, so etwas zu behaupten. Denn damit entzieht man den Bauern und Bäuerinnen tatsächlich die Existenzgrundlage, um die sie zu Recht fürchten.

Wie weiter?

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) machte vor der Demo einmal mehr klar, dass aus ihrer Sicht nur dann die Landwirtschaft in Deutschland eine langfristige Perspektive hat, wenn sich die landwirtschaftliche Praxis mit den berechtigten Ansprüchen der Gesellschaft versöhnen lässt. Nach der Demo bot sie den Dialog an, als Roadshow, ganz d'accord mit der Massenbewegung der Traktoren. Aber erst, wenn im Dialog auch gemeinsame verbindliche Vereinbarungen getroffen werden, kann die Sache zum Erfolg werden. Am 22. war das noch nicht ausgemacht, wurden Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) in München weniger und Staatsekretär Herrmann Onko Aeikens (CDU) in der Höhle des Löwen auf dem Münsterplatz in Bonn mehr ausgepfiffen, ebenso wie sich outende dialogbereite BMEL-Mitarbeiter. Demoorganisatorin Schulze-Broers machte aber auch deutlich, dass sie sich etwas anderes wünscht, ein Szenario „wie bei der Papstwahl, wo gesprochen und verhandelt wird, bis ein Konsens gefunden ist und weißer Rauch aufsteigt“. Ob das ein frommer Wunsch bleibt, hängt auch davon ab, ob die Bewegung es aushält, inhaltlich zu werden und Kompromisse zu machen. Die Stimmung auf dem Münsterplatz schwankte zwischen Wut, Mut und Zuversicht wie auch Resignation und Besorgnis. Was bleibt, wenn die Tausende nachts müde und kaputt wieder in der Einsamkeit ihrer Höfe zu Hause ankommen? Der Ärger, nicht wie die Holländer die Autobahnen dichtgemacht zu haben, weil man am Ende doch gemacht hat, was die Polizei wollte? Der Shitstorm im Netz, der sich über Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied ergoss, als der sich mit den Demonstrierenden solidarisierte, wenn sie denn friedlich blieben? Der Frust über ironische Verbraucherkommentare wie: Demo gegen Umweltschutz und Tierwohl, und dafür wollen die Anerkennung? Oder doch das Gefühl, allen mal gezeigt zu haben, was eine Harke ist? Wahrscheinlich von allem ein bisschen und hoffentlich die Erkenntnis, dass die Arbeit jetzt erst richtig losgehen muss.

29.10.2019
Von: cs

Viele Bauern demonstrierten in vielen Städten mit vielen Treckern. Konkrete Forderungen suchte man dagegen vergebens.