Zeit zu handeln

So ein bisschen erinnert mich der Beginn der „Fridays for future“-Bewegung an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Eigentlich wissen wir alle seit Jahren, dass wir den Klimaschutz nicht ernst nehmen, aber doch muss eine 15-jährige Schwedin jeden Freitag vors Parlament ziehen und mit einem Pappschild für Klimaschutz streiken, damit wir aufwachen. Ich bin im Wendland Widerstand gegen die Atompolitik gewohnt, aber dennoch bin ich zutiefst beeindruckt, was die Schülerinnen und Schüler innerhalb eines Jahres weltweit auf die Beine gestellt haben. Niemand kann das Thema glaubhafter rüberbringen als eine Generation, die die Klimafolgen massiv zu spüren bekommen wird, wenn wir nicht schnell umsteuern. Das Positive an dieser Bewegung ist, dass zumindest die allermeisten Parteien in Deutschland einsehen, dass hier gehandelt werden muss. Frau Merkel und Bundesminister Müller sprechen sogar von der Schicksalsfrage. Aber nüchtern betrachtet, haben sie in ihrer wirklich langen Regierungsverantwortung bei diesem Thema nicht wirklich gehandelt. Auch mit den Beschlüssen vom 20. September haben sie eher ein Konjunkturprogramm als ein ambitioniertes Klimaschutzprogramm beschlossen.

Das Landwirtschaftsministerium hat ein Zehn-Punkte-Papier eingebracht, mit dessen Maßnahmen der CO2-Ausstoß um 12,5 bis 33 Mio. Tonnen gesenkt werden soll. Die vorgeschlagenen Veränderungen reichen von der Verschärfung des Düngerechts (was aus Gründen des Wasserschutzes momentan diskutiert wird) über Moorschutz, eine stärkere Förderung des Ökolandbaus, Verbesserung des Humusaufbaus bis zur Effizienzsteigerung in Landtechnik und Tierhaltung, was zu Emissionsminderungen führen soll. Den größten Einzelposten von bis zu 7,5 Mio. Tonnen CO2 jährlich soll die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung und der Wandel zu mehr Nachhaltigkeit in der Gemeinschaftsverpflegung bringen.

Das alles sind Maßnahmen, die wir als Bäuerinnen und Bauern unterstützen können, auch wenn uns einige davon sehr viel abverlangen werden, weil sie ordnungsrechtlich durchgesetzt werden und die Betriebe das aus eigener Tasche bezahlen müssen. Andere Punkte könnten auch Chancen bieten, über regionale Kreisläufe die Wertschöpfung auf den bäuerlichen Betrieben zu erhöhen. Einige, aus meiner Sicht große Stellschrauben, werden aber ausgeklammert. So ist von einer Eiweißstrategie, um die Abhängigkeit von Sojaimporten zu reduzieren. keine Rede. Ebenso sehen Wissenschaftler das Potential bei der Wiedervernässung von Mooren bei 50 Mio. Tonnen CO2-Einsparung jährlich. Auch wenn es für die Betriebe hart ist, die auf diesen Böden wirtschaften, ist es volkswirtschaftlich vermutlich sinnvoller, diesen Betrieben einen Umstieg der Bewirtschaftung zu finanzieren, weil das Potential sehr hoch ist.

Ich frage mich aber, wie ehrlich die Politik beim Thema Klimaschutz ist. Runtergebrochen auf jeden Bundesbürger erzeugen wir im Schnitt neun bis zehn Tonnen CO2 jährlich. Um die Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten, müssen wir auf zwei Tonnen CO2 pro Nase runter. Für all das haben wir nur noch 30 Jahre Zeit, nachdem wir in 30 Jahren fast nichts erreicht haben. Die Politik suggeriert uns, dass wir das alles ohne Komfortverlust schaffen. Ich persönlich bin sehr skeptisch, ob das geht, aber mit jedem Jahr, in dem wir nicht handeln, wird die Last für die verbleibende Zeit größer. Wir Bäuerinnen und Bauern haben in den letzten drei Jahren zu spüren bekommen, wie Klimawandel aussehen kann und zu welchen wirtschaftlichen Verlusten er führen kann. Wenn wir unseren Kindern etwas von unserem Wohlstand erhalten wollen, müssen wir jetzt dringend handeln.

04.10.2019
Von: Martin Schulz, AbL-Bundesvorsitzender

Martin Schulz, AbL-Bundesvorsitzender