Entsolidarisierung auf dem Dorf

In Gesprächen mit Bauern in Ostdeutschland landet man immer bei der LPG. Sie ist für viele Landbewohner der ehemaligen DDR nach wie vor Hassobjekt oder Sehnsuchtsort oder auch beides gleichzeitig, für Ökonomen Grundstein eines agrarstrukturellen Erfolgsmodells, für Soziologen der Anfang vom Ende des Niedergangs bäuerlicher Kultur. Die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der ehemaligen DDR entstanden dadurch, dass landwirtschaftliche Betriebe mit ihren Menschen und Orten in übergeordnete ökonomische Strukturen gezwungen wurden. Den freien Bauern, der seinen Beruf liebte, weil er individuell Entscheidungen selbst treffen, seine Verantwortung Tieren und Acker gegenüber wahrnehmen, aber auch ökonomisch klug handeln wollte, musste so ein System geradezu abstoßen. Dem ebenso freien Bauern, der sich vielleicht Jahr um Jahr quälte mit dem Treffen von Entscheidungen auf dem Acker und im Stall, der auch ökonomisch glücklos blieb, eröffnete es eine Möglichkeit, Landwirtschaft zu betreiben ohne allzu großes Risiko und auch noch mit halbwegs geregelten Arbeitszeiten. Die moderne Arbeiterbewegung kam aufs Land. Und nebenbei konnten die meisten Bauernfamilien weiterhin Kleinstlandwirtschaft für den eigenen Bedarf – mit einem Schwein, ein paar Hühnern – betreiben. Gerade in den späteren Jahren der DDR, als längst die nächste Generation aus Bauernfamilien zu Werktätigen in der Landwirtschaft geworden war, betrachteten viele diese Entwicklungen als Errungenschaften. Außerdem, sagt der thüringische Bauer Ulrich Möller, sei es in der DDR durchaus mit Achtung und Ansehen verbunden gewesen, Lebensmittel zu produzieren. „Das war wichtig. Als dann später bei Aldi die Regale voll lagen, brauchten wir die Produzenten nicht mehr.“ Er habe Jahre nach der Wende beim Aufbau seines eigenen landwirtschaftlichen Betrieb mit Behördenwillkür und Bürokratie zu kämpfen gehabt, aber auch mit Neid und Missgunst. Es habe eine Entsolidarisierung auf dem Dorf stattgefunden, so hat es auch Frank Neumann, ein Berufskollege Möllers, in Thüringen erlebt. Plötzlich wurde Geld so viel wichtiger – gerade, wenn man nicht viel hatte.

Wenige Arbeitsplätze

Wieder geht es um die LPG, jetzt 1990, um eine Überführung in einen Betrieb für die Marktwirtschaft, manchmal noch als Genossenschaft mit den ehemaligen und auch zukünftigen Genossen. Fast immer aber mit dem Anspruch, die Landbesitzer, die Nachfahren der oft nicht freiwillig kollektivierten Bauern und Bäuerinnen, möglichst nur mit schmalem Geld abzufinden. Häufig spielen die LPG-Leitungskader entscheidende Rollen. Sie sind diejenigen, die nach einer oder zwei Generationen in einem Betrieb mit vielen angestellten landwirtschaftlichen Spezialisten den Gesamtüberblick, eine entsprechende, höher qualifizierte Ausbildung und auch den unternehmerischen Mut haben, einen so großen Agrarbetrieb aus dem behäbigen Sozialismus auf den rauen Weltmarkt zu führen. Noch Jahre später, so Neumann, beschwerten sich die Kinder der LPG-Landeigner vielleicht darüber, während der LPG-Abwicklung über den Tisch gezogen worden zu sein, verpachteten aber immer weiter das Land langfristig an deren Nachfolgebetrieb. Auch weil die Enkel längst dort in Lohn und Brot sind, oft allerdings zu Löhnen, die kaum genug Wertschätzung für die Arbeit ausdrücken, während sich wenige Chefs die Taschen voll machen. Auf dem Land gibt es nur noch wenige Arbeitsplätze, man muss froh sein, wenn man noch einen der wenigen behält. Schließlich gehört zur beschriebenen Entsolidarisierung nicht nur der Verlust des Gefühls, sondern vielfach auch der dörflichen Infrastruktur. In der LPG gab es Kantine und Küche, Bautrupp und Kindertagesstätte, man bestritt gemeinsam die Dorffeste und stellte die Dorfjugend. Heute ist vielleicht noch der Geschäftsführer des LPG-Nachfolgebetriebs der Bürgermeister und stiftet die Gulaschkanone beim Dorffest, zu dem die wenigen Alten kommen, die noch da sind.

Zäsur Wende

„Wer irgend konnte, ging weg“, berichtet auch Bauer Marco Schirma aus der Nähe von Nordhausen über die Nachwendejahre. Aus seinem Schuljahrgang seien eine Zahnärztin und er zurückgekommen, sie säßen jetzt auch beide im Gemeinderat ihres Dorfes. „So viele Strukturen sind weggebrochen, Arbeitsplätze wegrationalisiert.“ Es blieben oft nur die Verlierer, frustriert, gedemütigt, abgewickelt. Einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb neu zu gründen, erscheint im Osten noch immer kompliziert. Es gibt auch nach wie vor nicht viele vor Ort, die es sich zutrauen. Neuanfänger kommen von außen, vielleicht gar nicht aus der Landwirtschaft. Die, die es tun und taten, stießen früher oder später auf Schwierigkeiten mit inzwischen etablierten Großstrukturen, die von Politik und Interessenverbänden immer schon für die richtige, ökonomisch sinnvolle Art Landwirtschaft zu betreiben, gehalten und entsprechend protegiert wurden und werden. „Es geht in der Politik und beim Bauernverband immer ganz schnell um Flächenkonkurrenz“, sagt Reiko Wöllert, Geschäftsführer der AbL Mitteldeutschland und selber ein Bauer, der ohne landwirtschaftlichen Hintergrund einen 30-Hektar-Grünlandbetrieb bei Eisenach angefangen hat. Auch Wöllert beschreibt die Wendeerfahrung als Zäsur: „Es wurde einem etwas übergestülpt, nicht selbstbestimmt wusste man nicht, was kommt.“ Die Spaltung der Gesellschaft, die heute so häufig beklagt wird, begann vielleicht im Osten in dem Moment, wo es darum ging, in dieser Extremsituation zu verzagen oder etwas anzufangen, zu bleiben, wegzugehen, wiederzukommen ...

Zukunft der Demokratie

Die Politiker aus dem Westen, gepaart mit glücksritterartigen Vertretern des Kapitals, versprachen die heute geradezu abgedroschen klingenden blühenden Landschaften und sagten aber nicht dazu, dass sie nur für den Teil der Menschen blühen würden, die sich nicht zu sehr auf sie verließen. Auch ökonomisch wirkt die Wende gerade auf dem Land vielleicht noch mehr nach als in der Stadt, nicht erst, seit Investoren inzwischen Land und Betriebe für ein Vielfaches der Nachwendepreise von den inzwischen oft ins Rentenalter gekommenen ehemaligen Genossen kaufen. Dazu kommt, so sagt es Burkhardt Kolbmüller vom Verein LandNetz in Thüringen, dass immer mit einem patriarchal-gönnerhaften Blick von der Stadt aufs Land geguckt wurde. Es gebe ja den Spruch, dass sich die Zukunft der Demokratie auf dem Land entscheide. Insofern sei es mehr als geboten, dem Land und seinen Bewohnern den nötigen Respekt und Ernst entgegenzubringen. Offenbar hat sich auf dem Land das Gefühl der Fremdbestimmung nach der Wende zu Recht stärker gehalten als in den Städten. Dagegen gelte es Kommunen mit mehr, auch finanzieller, Autonomie auszustatten. Oft wisse man vor Ort sehr gut alleine, so Kolbmüller, wo die Baustellen lägen. Kleine, unkomplizierte Förderprogramme müssten hier angeboten werden. Bei ihm geht es um Perspektiven im ländlichen Raum, die nur noch wenig mit Landwirtschaft zu tun haben, „sie spielt keine große Rolle mehr“. Was im Westen ein schleichender Prozess auf den Dörfern ist, in denen immer weniger Bauern und Bäuerinnen leben, arbeiten, Kommunalpolitik und andere ehrenamtliche Arbeit prägen, hat im Osten mit politisch gewollten Brüchen stattgefunden. Jetzt stehen die Politiker der verantwortlichen Parteien vor dem selbst gemachten Scherbenhaufen aus landwirtschaftsfremden Finanzinvestoren, die die Betriebe übernehmen, und Menschen, die sich, weil sie sich bevormundet und nicht repräsentiert fühlen, einer Partei mit rassistischem Gedankengut zuwenden. Das Experiment der Erfahrung, dass diese in einer Regierung die Verwerfungen, die Unzufriedenheit und die ökonomischen Ungerechtigkeiten der letzten 30 Jahre auch nicht richten werden – weil sie es weder wollen noch könnten – bleibt uns hoffentlich erspart.

04.10.2019
Von: cs