Kriege und Klimawandel als Herausforderung für die Hungerbekämpfung

Kriege und Klimawandel sind die größten Herausforderungen für die Hungerbekämpfung. Die Zahl der Hungernden hat in den letzten Jahren ebenso zugenommen wie die Zahl der Flüchtlinge weltweit. Immer mehr Menschen fliehen vor Gewalt und verlieren in Folge des Klimawandels die Grundlage für eine nachhaltige Ernährung und sichere Existenz. Das teilt die Welthungerhilfe bei der Präsentation ihrer Jahresbilanz 2018 mit.

„Viele Menschen haben keine Reserven und Widerstandskräfte mehr für die zunehmenden Wetterextreme. Dürren, Überschwemmungen und Stürme vernichten Felder und Vieh und verschärfen den Hunger. Die Ärmsten des Südens tragen die Hauptlast für ein Problem, das vor allem die reichen Länder des Nordens verursacht haben. Die Bekämpfung des Klimawandels ist eine Frage der Gerechtigkeit. Es gibt genügend Ressourcen, um alle Menschen ausreichend zu ernähren“, betont Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe.

Die Daten sind alarmierend: die Zahl der Hungernden ist in den letzten Jahren wieder angestiegen – aktuell auf 821 Millionen Menschen weltweit. 2017 konnten sich etwa 39 Millionen Menschen aufgrund von Klimaereignissen nicht mehr ausreichend ernähren. Klimagerechtigkeit funktioniert nach Ansicht der Welthungerhilfe nur, wenn in allen Bereichen, also in Politik und Wirtschaft, aktiv und grundlegend umgesteuert wird. Das erfordere Mut zur Veränderung.

„Für die Regierungen in unseren Partnerländern bedeutet dies, dass Verträge für Landnutzung und der Abbau von Rohstoffen den Bedürfnissen der vor Ort lebenden Bevölkerungsgruppen gerecht werden müssen. Die Wahrung der Menschenrechte muss die Richtschnur ihres Handels sein. Der Anbau von Energiepflanzen für Industrieländer darf nicht das Recht auf Nahrung der Menschen konterkarieren und zur Vertreibung von Menschen führen“, erklärt Marlehn Thieme.

Deutschland gehört laut Thieme derzeit zu den zehn weltweit größten „landimportierenden“ Staaten. 22 Mio. Hektar Ackerland müssen für unseren Konsum bewirtschaftet werden. Davon werden nur 12 Mio. Hektar durch die Produktion im eigenen Land gedeckt. Den Rest müssen Flächen im Ausland bereitstellen. So beziehen wir Futtermittel aus Brasilien und Argentinien und Palmöl aus Indonesien, Malaysia und Papua-Neuguinea. „Unser Konsumverhalten hat einen hohen Preis und beansprucht Flächen, die nicht mehr für die Versorgung der lokalen Bevölkerung zur Verfügung stehen. In einem unserer Projekte in Sierra Leone haben wir erlebt, wie der Anbau von Palmölplantagen für den Export Kleinbauern von ihrem Land vertrieben und die Ernährung der Familien gefährdet hat“, so Thieme.

Die Welthungerhilfe arbeitet mit Partnern an der Einführung eines Food Security Standards, eine Art Label für die Ernährungssicherung, mit dem die langfristigen Folgen von landwirtschaftlichen Produktionen abgeschätzt werden können. Damit könnte überprüft werden, ob etwa der Aufbau einer Palmölplantage die Ernährung der Familien, die dort leben, gefährdet. Und neben entsprechenden Rahmenbedingungen braucht es auch Geld. Der Koalitionsvertrag ist für die Präsidentin da eindeutig: die Ausgaben für Verteidigung und Entwicklungszusammenarbeit sollen im gleichen Verhältnis steigen. „Wir fordern, dass die Bundesregierung diese klare Zusage einhält. Doch die aktuellen Zahlen zeigen in eine andere Richtung. Laut Kabinettbeschluss zu Eckwerten des Bundeshaushalts für 2020 (20.3.2019) bleiben die Mittel für das BMZ mit 10,25 Mrd. EUR auf dem Niveau von 2019. Der Verteidigungsetat soll hingegen 2020 um etwa 2 Mrd. EUR steigen. Das steht in klarem Widerspruch zu Wort und Willen des Koalitionsvertrages“, kritisiert Thieme.

Und mit Blick auf das Ende Juni in Osaka stattfindende G20-Treffen fordert die Welthungerhilfe die internationale Staatengemeinschaft auf, Mut zu Veränderung zu zeigen. „Auch beim EU-Gipfel gab es keinen Konsens für eine klimagerechte Politik. Wir brauchen endlich Taten“, unterstreicht die Präsidentin der Welthungerhilfe abschließend.

26.06.2019

Marlehn Thieme (Präsidentin der Welthungerhilfe) und Mathias Mogge (Generalsekretär der Welthungerhilfe) stellen auf der Pressekonferenz den Jahresbericht 2018 vor. Foto: Welthungerhilfe/Maurice Weiss