Erhöht der LEH den Standard für 100 % des Frischfleisches?

Tönnies und Greenpeace sehen Offenheit im Handel. Tierwohl-Kennzeichnung soll kommen. Staatliches Label bringt mehr Glaubwürdigkeit. Höhere Kosten durch mehr Platz, Arbeit und Stroh. Mehraufwand muss den Bauern bezahlt werden.

Die Anhebung der Tierwohl-Anforderungen für das gesamte Frischfleisch in den Regalen des deutschen Lebensmitteleinzelhandels (LEH) auf einen übergesetzlichen Standard haben sowohl Dr. Wilhelm Jäger vom Schlachtkonzern Tönnies als auch Martin Hofstetter von Greenpeace gestern auf einer Veranstaltung zur staatlichen Tierwohl-Kennzeichnung ins Gespräch gebracht. „Warum gehen nicht alle auf Stufe 1, dann ist es durch“, fragte Jäger in seinem Vortrag auf der von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) organisierten Veranstaltung in Sendenhorst (Münsterland). Um das Frischfleisch im gesamten deutschen LEH auf einen höheren Standard anzuheben, müssten 30 bis 40 % der Schweine entsprechend gehalten werden, so Jäger. Würde auch Verarbeitungsware wie Wurst einbezogen, seien es etwa nochmal 10 % mehr. Dafür müssten aber noch dicke Bretter gebohrt werden, meinte der Tönnies-Abteilungsleiter. Greenpeace-Agrarexperte Hofstetter äußerte sich dazu optimistisch: „Wir halten es für durchaus realistisch, dass der Lebensmitteleinzelhandel 100 % des angebotenen Frischfleisches mit übergesetzlichen Standards labelt“, sagte Hofstetter.

Die konkreten Tierwohl-Anforderungen könnten denen der geplanten staatlichen Tierwohl-Kennzeichnung entsprechen, die der Abteilungsleiter des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Bernhard Kühnle vorstellte. Für Schweinefleisch seien drei Stufen oberhalb des gesetzlichen Standards vorgesehen: Stufe 1 bedeute u.a. 20 % mehr Platz je Tier im Stall und ständiger Zugang zu Rauhfutter und Beschäftigungsmaterial. Das sei ohne Umbaumaßnahmen möglich. Stufe 2 umfasse u.a. 47 % mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben, Aufteilung der Buchten in verschiedene Klimazonen, eingestreute bzw. weiche Liegeflächen ohne Spaltenboden sowie ein Verbot des Schwanzkupierens. Stufe 3 sehe zudem 100 % mehr Platz, einen Auslauf nach draußen, eingestreute Liegeflächen und einen weitgehenden Verzicht auf Spaltenboden im Stall vor. Ob diese staatliche Kennzeichnung aber kommt, ist derzeit offen. In beiden Regierungsfraktionen gibt es Widerstand, der mit der Forderung nach einer verpflichtenden Kennzeichnung auch für den gesetzlichen Standard verknüpft wird. Kühnle sieht darin für die Verbraucherinnen und Verbraucher keinen Mehrwert. „Bei Bio kennzeichnen wir auch Bio und nicht das Nicht-Bio“, so Kühnle.

Welche Kostensteigerungen mit den Anforderungen auf die Bauern und Bäuerinnen zukommen, stellte Stefan Leuer, Fachberater bei der Landwirtschaftskammer NRW, vor. Die wichtigsten Kostentreiber seien der zusätzliche Platzbedarf pro Tier sowie die ständige Bereitstellung von Rauhfutter und Beschäftigungsmaterial inklusive Arbeitskosten. In Stufe 3 entstünden insgesamt Mehrkosten von gut 60 Euro brutto je Schlachtschwein (+ 36 %), davon 20 Euro je Ferkel. In Stufe 1 seien die Mehrkosten mit 15 Euro je Schlachtschwein deutlich niedriger (+ 9 %). Diese Kosten müssten über höhere Preise und über eine Förderung z.B. für Investitionen ausgeglichen werden. Größter Hemmschuh für die Betriebe sei derzeit die fehlende Klarheit darüber, was genau komme und in welchem Zeitplan.

Carl Ahrens-Westerlage, Schweinemäster aus Neuenkirchen und Mitbegründer des Vereins zur Förderung der Offenstallhaltung, stellte in einem eindrucksvollen Vortrag vor, was Schweinehaltung nach Stufe 3 in der Praxis bedeutet. Seine knapp 1.500 Mastplätze verteilen sich auf nunmehr fünf Mastställe, die in unterschiedlichen Jahren seit 2001 auf Offenstallhaltung mit Stroheinstreu, weitgehend mit Auslauf, umgebaut wurden. Ahrens-Westerlage hält Schweine mit nicht kupierten Ringelschwänzen (Langschwänzen). Das sei aber alles andere als einfach. Erste Voraussetzung seien gesunde und „gut erzogene“ Ferkel, die schon mit Stroheinstreu vertraut sind. Besonders wichtig sei eine intensive Beobachtung der Tiere, um frühzeitig auf Verhaltensänderungen reagieren zu können. Neben dem Herausnehmen einzelner Problemtiere gelte es, den Tieren immer wieder Abwechslung zur Beschäftigung zu verschaffen. Ahrens-Westerlage erläuterte eindringlich, welche Probleme er bei der Genehmigung seiner Um- und Neubauten hatte, obwohl er den Tierbestand nicht erhöht hat. Weil Standardwerte für Emissionen von Auslauf-Ställen fehlten, habe die Genehmigungsbehörde überhöhte Werte angesetzt. „Wir mussten alles neu genehmigen lassen. Das hat uns mehr als 20.000 Euro gekostet“, berichtete er.

Vermarktet werden die Tiere von Ahrens-Westerlage u.a. über die Firma Tönnies in ein besonderes Markenprogramm. Dr. Wilhelm Jäger führte aus, dass es derzeit in Deutschland über 30 verschiedene Label für Schweinefleisch gebe. „Wir finden es gut, wenn das staatliche Tierwohl-Kennzeichen Fahrt aufnimmt“, so Jäger. Denn eine staatliche Kennzeichnung habe eine besondere Glaubwürdigkeit beim Verbraucher und die Vielfalt der Programme erfahre dadurch eine gewisse Standardisierung, „die wir dringend brauchen“, fuhr Jäger fort. Um die Akzeptanz der Verbraucher für höhere Preise macht sich der Marktkenner wenig Sorgen. Die üblichen Preisschwankungen seien größer als die erforderlichen Preisaufschläge für mehr Tierwohl. „Wir müssen als Branche insgesamt wieder selbstbewusster an die Kunden herantreten“, forderte er.

Martin Hofstetter von Greenpeace kritisierte die Handelsketten dafür, dass sie für Tierwohl derzeit keine Marketingaktivitäten bzw. Werbung entfalteten. Er erwarte aber, dass der LEH in Kürze die Zusage geben werde, die Finanzierung der Initiative Tierwohl über das Jahr 2020 hinaus fortzuführen und dann die Kennzeichnung der einzelnen Schweinefleischwaren mit einer konkreten Haltungs-Stufe (Nämlichkeit) verlangen werde. Für Ferkelerzeuger, die von Aufpreisen im Laden nicht direkt profitieren könnten, sei ein Finanzierungs-Fonds einzurichten, in den auch der Bund einzahlen solle, so Hofstetter.

Sauenhalter Günther Völker von der AbL bezweifelte, ob das ausreichen werde angesichts der notwendigen Änderungen auf den Höfen. Der Wissenschaftliche Beirat des BMEL beziffere die Mehrkosten für eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierhaltung auf 5 Milliarden Euro pro Jahr. Das erfordere zusätzliche staatliche Finanzierungsinstrumente. „Ich glaube nicht an die große Güte des LEH“, so Völker.

Hugo Gödde, Sprecher des NEULAND-Markenverbunds und Moderator der Veranstaltung, sieht in der einsetzenden Differenzierung im Fleischbereich große Chancen für die Landwirte. „Beim Thema Tierwohl sind die Bauern gefragt, denn die Qualität hängt direkt mit ihrem Tun zusammen. Das können weder der Handel noch die Schlachter umsetzen. Das bedeutet, dass die Bauern jetzt wieder mitreden können. Das muss uns bewusst werden, damit wir das nutzen können“, rief Gödde die versammelten Schweinehalter auf.

26.06.2019
Von: FebL/PM

Diskutierten auf der Veranstaltung der AbL zur Tierwohl-Kennzeichnung (im Bild v.l.n.r.): Martin Hofstetter (Greenpeace), Stefan Leuer (LWK NRW), Bernhard Kühnle (BMEL), Hugo Gödde (Moderation), Dr. Wilhelm Jäger (Tönnies), Carl Ahrens-Westerlage (Schweinemäster).