Bio im Lebensmitteleinzelhandel bleibt leider meist Greenwashing

Ein Interview mit der Geschäftsführerin des BNN über die Anforderungen an neue Absatzwege für Bioprodukte

Unabhängige Bauernstimme: Frau Röder, Sie sind die Geschäftsführerin des BNN (Bundesverband Naturkost Naturwaren e. V.). Wie haben Sie die Entwicklungen des Naturkostfachhandels im vergangenen Jahr wahrgenommen?

Elke Röder: Der Naturkostfachhandel ist, nach einer kleineren Stagnation 2017, im vergangenen Jahr gewachsen. Das Wachstum bei den Tagesumsätzen lag bei 6,2 Prozent. Das ist ein gutes Ergebnis, denn wir brauchen ein organisches Wachstum, auch beim Umsatz. Die Betriebe wollen größer werden, umbauen, ihre Einrichtung erneuern. Mit einem Nullwachstum wäre das nicht möglich.

Auch die Bioanbauflächen wachsen immer weiter. Damit steigt natürlich auch die Menge der Biowaren. Sind wir schon an einem Punkt, an dem mehr Verbandsware angeboten wird, als der Fachhandel aufnehmen kann?

In einigen Rohstoffgruppen ist das so. Wir haben aber zwei unterschiedliche Sichtweisen. Einzelhändler denken nicht in Rohstoffen, sondern in Sortimenten im Regal. Landwirte orientieren sich eher an den Erntemengen ihrer Produkte. Auch weil es immer wieder zu Situationen kommt, in denen Übermengen als EG-Bio vermarktet werden müssen. Einzelhändler sind stark auf ihren Laden fokussiert und motiviert, Spezialitäten und einzigartige Produkte anzubieten. Der Eindruck eines Überangebots bestätigt sich aus diesem Blickwinkel nicht. Diversifizierung im Anbau, in der Tierhaltung kann daher für Landwirte attraktiv sein.


Welche Konsequenzen hat vor diesem Hintergrund die Kooperation von Bioland mit Lidl?

Lidl ist ein Discounter mit einer enormen Größe. Wenn Lidl eine Aktion machen würde, dann wäre der deutsche Bio-Markt leergefegt. Woher soll dann die Ware für die kleineren Läden kommen? Für mich, als Vertreterin des Naturkostfachhandels steht die Frage im Vordergrund, wie man unsere gewünschten, regionalen Strukturen sichern und stärken kann. In jedem Fall wäre hierfür eine präzise Angebotsplanung notwendig, um alle Vertriebswege sicher zu versorgen. Ich bin mir unsicher, ob das das Ziel von Bioland ist, und wenn ja, ob das gelingen kann.


Die ersten Bioland-Produkte sind bei Lidl zu kaufen, die Werbekampagne ist gestartet. Gibt es schon erste Auswirkungen von Bioland im Discounter?

Lidl steigt z.B. bei der Bioland-Milch mit einem echten Kampfpreis, 1,05 Euro, ein. Das sind Konditionen, die auch den Molkereien sehr wenig oder gar keine Spielräume lassen. Möglich, dass Molkereien mit nur 20 bis 30 % Biomilch die niedrigen Preise quersubventionieren, beispielsweise, weil sie auch ihre konventionellen Produkte an Lidl liefern. Es wird sich zeigen, wie reine Biomolkereien das Preisniveau dauerhaft halten können.


Wie kann man als Fachhändler auf solche Entwicklungen reagieren?

Eher nicht über den Preis, auch wenn die Milch ein Eckprodukt mit zentraler Bedeutung ist. Für viele Kunden ist neben dem Preis auch die gute Beratung, die Einkaufsstätte als solche und das tiefe und hundertprozentige Naturkost- und Naturkosmetikangebot ein wichtiges Argument. Ganz wichtig sind hier auch die Authentizität der Menschen im Laden und die regionalen Bio-Angebote.

Welche Entwicklungen nehmen Sie in der Branche war?

Es gibt eine starke Tendenz, sich zu fragen: Wo kommen wir her? – Wo wollen wir hin? Die Entwicklung geht eher weg von der Imitation konventioneller Produkte hin zu individuellen, möglichst einzigartigen Bioprodukten. Dadurch entstehen unterschiedliche, z. T. standortspezifische Sortimente und Ladenkonzepte. Ziel ist es, zu einem hundertprozentigen Biosortiment zu kommen, was die Mitglieder im BNN schon geschafft haben. Denn wir unterstützen die im BNN organisierten Einzelhandlungen mit Sortimentsrichtlinien, die beispielsweise auch für Fisch, für Wildtiere, für diätische Produkte oder Naturkosmetik und Wasch- und Reinigungsmittel den höchsten Standard darstellen. Die BNN-Fachhändler gewährleisten ein verlässliches und natürlich geprüftes Bio-Komplettangebot vom Feinsten. Bei den Kunden ist auch das Thema Verpackung angekommen. Viele bringen inzwischen ihre Verpackungen selbst mit. Das ist nicht immer ganz einfach, wenn es um Fragen der Lebensmittelhygiene an den Frischetheke geht. Immer mehr Bedeutung bekommt also auch die Ökologie in der Einkaufs- und Wertschöpfungskette. Energiesparende Beleuchtung, zertifizierter Öko-Strom, Nachhaltigkeit beispielsweise durch weniger Verpackungen auf der einen Seite und der Bezug aus der Region, von Manufakturen und aus bäuerlicher Bio-Landwirtschaft auf der anderen.


Es geht also um mehr als um den eigenen Einkaufskorb und das Gefühl sich gesund zu ernähren?

Ich denke, viele Menschen, die wirklich etwas verändern wollen, fragen sich: Wo trage ich mein Geld hin? Welche Strukturen, welche Unternehmen möchte ich stärken? In diesen Überlegungen wird schnell klar, dass die Kooperation zwischen Bioland und Lidl nicht konsequent ist. Denn

es geht um viel mehr als allein um den Preis. In Wirklichkeit geht es um das System, in dem angebaut, verarbeitet und verkauft wird. Wenn Lidl etwas für die Landwirtschaft tun wollte, dann müssen sie dies auch bei den anderen 99 % ihres Angebots tun. Bio im Lebensmitteleinzelhandel bleibt leider meist Greenwashing und dient nur dazu, neue Kundengruppen zu ziehen.

Der Systemwandel hin zu mehr Regionalität und mehr handwerklicher Produktion erfordert auch dezentrale Verarbeitungsstrukturen. Hier ist in den vergangenen Jahrzehnten viel verloren gegangen.

Das ist richtig. Wir als Branche unterstützen regionale Manufakturen und neue Initiativen. Allerdings sind es weniger die Facheinzelhändler, sondern die vorgelagerten Strukturen, beispielsweise die Naturkostgroßhändler, die hier neue Projekte mit anschieben. Und natürlich ist es so: Wenn nur noch Großunternehmen existieren und Maschinen kaufen, dann verschwindet das Maschinenangebot für kleine und mittlere Unternehmen und, was noch schwerer wiegt, es fehlt die Innovation. Durch die immer größeren Verarbeitungsstrukturen ist in der Vergangenheit die Technik für handwerkliche Verarbeiter nur bedingt weiterentwickelt worden. Hier brauchen wir innovative Maschinenbauer, die auf die Anforderungen kleinerer Verarbeitungsstrukturen eingehen.


Vielen Dank für das Gespräch!