Neuland betritt Vermarktungsneuland

Für die einen ist es der Pakt mit dem Teufel, für die anderen ein geradezu notwendiger Schritt, um das Versinken von Neuland in der Bedeutungslosigkeit zu verhindern. Ab Ende August liefert die Neuland Fleischvertriebs GmbH im westfälischen Bergkamen Neuland-Schweine über den Tönnies-Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück, aus denen dann Teile als abgepackte Ware – Hack, Schnitzel, Nackensteaks, Geschnetzeltes, ... – in Aldi-Filialen landen. Unter der Aldi-Eigenmarke „Fair und Gut“ bietet der Discounter dann Schweinefleisch aus artgerechter Tierhaltung im Premiumsegment und in ausgewählten Regionen mit dem Neuland-Label an. Bedingung der Neuland-Vermarkter war, dass die belieferten Regionalgesellschaften – jeweils zwei von rund jeweils 30 bei Aldi Nord und Aldi Süd, eine Regionalgesellschaft wiederum umfasst 50 bis 70 Märkte – in Gegenden liegen, die weiße Flecken auf der bisherigen Neuland-Vermarktungskarte sind. Aldi sicherte das vertraglich zu, ebenso wie einen Neuland-Festpreis für eine abgestimmte Abnahmemenge pro Woche bei einer Ganztiervermarktung und einer Laufzeit von fünf Jahren. Solche langfristigen Festlegungen seien für den konventionellen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) sehr ungewöhnlich, sagt Hugo Gödde, langjähriger Geschäftsführer der Neuland-Vermarktungsgesellschaft. Gleichzeitig finde ein Veränderungsprozess statt, so Gödde, in dem der LEH zu einer treibenden Kraft in Sachen Marktdifferenzierung werde, gesellschaftliche Anforderungen erfüllen wolle und dafür auch bereit sei, anders zu verhandeln und abzuschließen. „Aldi ist auf uns zugekommen, sie wollten die Pioniere artgerechter Tierhaltung.“ Bei Göddes Nachfolger Christoph Dahlmann landen nun die Reaktionen vor allem der Neuland-Metzger. „Da ist alles dabei, vom Vertrauens- und Imageverlust der Marke bis hin zu einem pragmatischen Umgang, dass so ein Schritt durchaus nachvollziehbar sei“, sagt Dahlmann. Für einige Kritiker wäre es wohl zumindest ein gefühlter Unterschied gewesen, wenn es ein Deal mit Edeka geworden wäre, einem Unternehmen, dem zumindest noch das Image des individuellen unabhängigen Kaufmanns anhängt, auch weil es eine inhabergeführte Filialstruktur gibt. Dabei sei, so Dahlmann, die Frage zu stellen, ob nicht eine Edeka-Fleischbedientheke mit freundlicher Beratung, wechselnden Produktangeboten und weniger Verpackungsmüll eine größere Konkurrenz zum Neuland-Fleischerfachgeschäft darstelle, als eine Aldi-SB-Fleischtruhe mit immer gleichem, abgepacktem Hack und Schnitzeln. Dahlmann ist wichtig zu unterstreichen, dass Neuland ein bäuerliches Programm bleibt. Von der Erzeugerseite her ändere sich durch die Aldi-Belieferung nichts - im Gegenteil: „Wir erhoffen uns kleineren und mittleren Betriebe Möglichkeiten zu eröffnen, in das Neuland-System einzusteigen.“

Veränderungsdruck

Auch bei Martin Steinmann, Neuland-Schweinebauer in Westfalen, damit in der dortigen Erzeugergemeinschaft und Vertreter der AbL bei Neuland, landeten die unterschiedlichen Reaktionen. Aldi stünde für groß und billig und nichts wert, aber vermarktungsmäßig sei bei Neuland in den letzten 15 Jahren eben kaum was passiert, so Steinmann. Darüber hätten sie auch unter den Bauern und Bäuerinnen im Aufsichtsrat viel diskutiert und der Zusammenarbeit mit Aldi schließlich zugestimmt. Neuen bäuerlichen Betrieben, die auf artgerechte Tierhaltung umstellen und über Neuland vermarkten wollten, habe man keine Perspektive bieten können, sagt Hugo Gödde. Denn neue Metzger habe man in der vielleicht noch stärker vom Strukturwandel gebeutelten Fleischerfachgeschäfteszene kaum motivieren können, Neuland auch zu ihrem Programm zu machen. So ähnlich formuliert es auch Neuland-Bauer Martin Schulz, der im Norden die Neuland-Vermarktung organisiert. „Über viele Jahre ist das kaum relevant gewesen, weil es kaum landwirtschaftliche Betriebe gab, die sich für eine Umstellung auf Neuland interessiert haben“, so Schulz, „in den letzten ein, zwei Jahren hat sich das aber geändert. Viele Schweinehalter merken, dass sie an ihrer Tierhaltung etwas ändern müssen angesichts der gesellschaftlichen Debatte.“ Er ist auch AbL-Vorsitzender und kommt nun in die Situation, den Veränderungsdruck durch „Wir haben es satt“ und eine kritisch hinterfragende Öffentlichkeit, der Bauern und Bäuerinnen Alternativen möglich erscheinen lässt, in wirtschaftliche Perspektiven überführen zu müssen, um nicht als theoretischer Phantast dazustehen. Begibt man sich in das System, welches man kritisiert? Verliert man womöglich Ansehen in der öffentlichen Debatte und eröffnet aber wirtschaftliche Perspektiven? Oder bricht man bäuerlichen und handwerklichen Strukturen damit langfristig endgültig den Hals? – Auch der AbL-Vorstand ist sich darüber nicht einig.

Bauernsolidarität gefragt

Dabei bleibt Neuland ein Programm der artgerechten Tierhaltung, das bäuerliche Landwirtschafts- und handwerkliche Metzgerstrukturen unterstützt. Daran ändert sich auch nichts, wenn eine übersichtliche Menge in Neuland-Betrieben erzeugter Schweine zu sehr guten Konditionen über eine Neuland-Erzeugergemeinschaft zu Aldi geliefert wird. Die Frage gerade auch für viele AbLer ist aber, ob es die Neuland-Bauern und -Bäuerinnen auch hinbekommen, bei Aldi ihre Interessen durchzusetzen, wenn durch eine steigende Nachfrage Abhängigkeiten entstehen. Dann wird sich zeigen, wie ernst es Aldi mit dem „Fair“ im Produktlabel ist und ob Bauernsolidarität funktioniert. Das gilt sogar noch mehr für das jenseits des Neuland-Deals laufende „Fair und Gut“-Programm im Einstiegsbereich artgerechter Tierhaltung. Da vermarktet Aldi zukünftig Schweinefleisch aus Betrieben, die vier Kriterien erfüllen: Außenklima, doppelt so viel Platz, ein eingestreuter Liegebereich, gentechnikfreies Futter. Die derzeit noch zehn Betriebe haben sich ebenfalls in einer Erzeugergemeinschaft zusammengeschlossen und mit Tönnies und Aldi auch auf fünf Jahre einen Schweinepreis von 2,00 Euro/kg ausgehandelt. Die kommissarische Leitung der Erzeugergemeinschaft übernahm Günther Völker, langjähriger AbLer und Sauenhalter in Rheda-Wiedenbrück. Aus seiner Sicht müssten sich alle Bauern und Bäuerinnen, die in solche Programme auch für andere Handelsketten liefern, zusammenschließen, um ihre Verhandlungsposition zu stärken und nicht am Ende gegeneinander ausspielbar zu sein. Und schließlich gibt es genug Erfahrungen mit Marktpartnern vom Kaliber Tönnies und Aldi mit Hauspreisen, nur äußerst kurzfristigen Festlegungen von Bedingungen, ein Ablehnen von Verhandlungen mit Erzeugerzusammenschlüssen ... .

Zwei Herzen

Bislang gibt es im Süden Deutschlands ein positives Beispiel, wie sich die Zusammenarbeit mit dem konventionellen Lebensmitteleinzelhandel in Sachen artgerechte Tierhaltung entwickeln kann. Dort hat der Tierschutzbund Neuland-Betriebe wie auch andere mit einer entsprechenden Tierhaltung mit seinem Premiumlabel zertifiziert. Die liefern über eine Erzeugergemeinschaft – hervorgegangen aus den süddeutschen Neuland-Strukturen – in das Hofglück-Labelprogramm der Edeka Südwest, ohne dass Neuland als Marke erkennbar ist. Es gebe einen konstruktiven Austausch und gemeinsam kontinuierlich festgelegte Zielmarken, benennt Rainer Buck, einer der liefernden Schweinebauern, Faktoren der guten Zusammenarbeit. Bislang läuft es in jeder Hinsicht. Wachstum im Absatz sorgt für Zuwachs an Betrieben, zumal die Bedingungen attraktiv sind: zehn Jahre zum Festpreis von 2,25 Euro/kg Schweinefleisch. Hans Möhrle, auch einer der Neuland-Betriebe der ersten Stunde im Hofglück-Programm, ist aber auch niemand, der sich Illusionen macht: „Es kommt vom Markt.“ Das Wachstum funktioniere bisher nur, weil Edeka es wolle und weil es einen Absatz für die Produkte gebe. In diesem Zusammenhang verstehe er auch nicht, dass sich die Metzger dieses Geschäft des hochpreisigen Qualitätsprodukts mit gesellschaftlichem Mehrwert vom LEH so aus der Hand nehmen ließen. „Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust“, so Möhrle, er ärgere sich, dass sich bei den Metzgern so wenig tue, gleichzeitig bedauere er, dass man durch Kooperationen mit dem LEH die wenigen, die noch da seien, unter Druck setze.

Mitgestalten

Einerseits ist das Hofglück-Programm eine Chance für Neuland-Betriebe, gleichzeitig ist Neuland Zuschauer bzw. bringt es dem Programm kein neues Mitglied und keine öffentliche Aufmerksamkeit. Die Premiumstufe des Tierschutzbundlabels kennt keine so strengen Bestandsobergrenzen wie Neuland. Es stellt die Strukturfrage nicht. Nun sind in Süddeutschland bäuerliche Betriebe in Neuland-Größenordnungen und wenig darüber noch der Standard, in Norddeutschland sähe die Betriebsstruktur eines solchen Programms wahrscheinlich anders aus. Im Unterschied zum Hofglück-Programm hat es Neuland bei Aldis „Fair und Gut“ in der Hand, dass Betriebe in bäuerlichen Strukturen profitieren. Das ist ein Umstand, der gerade in der Sauenhaltung mit rasant wachsenden Bestandsgrößen relevant ist, will man nicht den Strukturbruch durch den Umbau der Tierhaltung in artgerechte Systeme. Genau dieser Umbau steht an und wird maßgeblich – ob das nun wünschenswert ist oder nicht – vom konventionellen LEH vorangetrieben, nicht weil der so edel und gut ist, sondern weil er ein Geschäft wittert. Währenddessen fehlt der Politik die Traute, klare Signale zu setzen. Bauern und Bäuerinnen müssen in all dem aufpassen, dass sie am Ende nicht hinten runterfallen. Möglich ist das beim Teufel und im Paradies.

07.09.2018

Mit Licht, Luft und Stroh bei Neuland