Zum Inhalt springen

Schweinemarkt: Kostenführerschaft bleibt eine Illusion – in Europa und global

Deutschlands Schweinezukunft muss sich „auf Sicht“ als Qualitäts- bzw. Mehrwertproduktion ausrichten. Foto: FebL

Marktbeobachtungen von Hugo Gödde +++ In der Schweinebranche herrschen seit einiger Zeit zwei Strategien vor. Marktliberale Ökonomen bis zu Analysten wie der Ex-Chefberater der Kammer Niedersachsen Hortmann-Scholten raten zur Kostenführerschaft. Diese Variante wird von einigen Vertretern verschiedener Verbände (ISN, DBV, Fleischindustrieverband) gestützt. Ziel ist beim Export mit niedrigen Preisen den Wettbewerb zu dominieren. Diese Preisführerschaft verlangt nach niedrigen Produktionskosten, sonst steigen Erzeuger (und Teile der Fleischindustrie) aus. Die Alternative ist die Qualitätsführerschaft, bei der durch höhere Qualitäten (Umwelt-, Tierschutz, Geschmack, Biosicherheit usw.) ein Mehrwert erzielt werden kann, der die höheren Kosten mindestens ausgleicht. Diese Ausrichtung wird - für manche überraschend - von Teilen des Einzelhandels unterstützt. Natürlich gibt es vielfältige Zwischenformen der Strategien.

Deutsche Produktion EU-weit teurer

Im internationalen Vergleich ist die deutsche Schweineerzeugung weiterhin deutlich teurer als in wichtigen europäischen und globalen Ländern. Das zeigen die aktuellen Ergebnisse der Expertengruppe InterPIG, die regelmäßig die Produktionskosten in den marktrelevanten Ländern untersucht. Demnach lagen 2025 die Produktionskosten in Deutschland bei 2,05 €/kg. Höhere Kosten hatten nur Österreich, Großbritannien und Italien. Bei den wichtigsten Wettbewerbern in der EU wie Spanien, Niederlande, Frankreich, Belgien lagen die Kosten bei etwa 1,80 -1,85 €/kg. Bei unserem nördlichen Nachbarn und Konkurrenten Dänemark kostete die Produktion 1,73 €/kg. Diese Länder erzeugten gut 20 bis 30 ct/kg günstiger (ca. 15-25%).

Die wesentliche Ursache, so die Analysten, liegt in den höheren Gebäude- und Kapitalkosten, auch bedingt durch die staatlichen Vorgaben der Nutztierverordnung. Zu berücksichtigen ist beim Vergleich, dass die Experten immer mit Neubaukosten rechnen, weil sie nur so die langfristige Sicherstellung der Produktion gewährleistet sehen.

Global nicht wettbewerbsfähig

Noch viel schlechter sieht der Vergleich aus internationaler Sicht aus. Die großen Exportländer Brasilien, USA und Kanada haben erhebliche Kostenvorteile. Brasilien erzeugt je nach Region (Transportkosten) für zwischen 1,20 €/kg und 1,40 €/kg. Kanada und die USA produzieren für 1,50 bis 1,60 €/kg. Deren Vorteile liegen beim günstigeren Futter, bei den Arbeitskosten und den geringeren Aufwendungen für Gebäude und Kapital.

Nicht zu übersehen ist, dass bei uns neben dem teureren Futter der Stallbau der Hauptkostentreiber ist. Aus dieser Untersuchung geht hervor, dass Deutschland im globalen Geschäft mit erheblichen Nachteilen an den Start geht und dass es unter normalen Bedingungen (ohne Seuchen, Marktrestriktionen wie Zöllen) den Wettbewerb nicht gewinnen kann – außer auf Kosten der Schweinehalter.

Schweinepreis weit unter Kosten

Aber Kosten sind noch längst nicht der Preis am Markt, der auch die jeweils aktuelle Marktbedingungen einbezieht. Im letzten Jahr lag der durchschnittliche Erzeugerpreis laut AMI bei 1,82 bis 1,85 €/kg – bereits 20 Cent unter Produktionskosten. Damit wird auch die Relation von Preis und Kosten manifest. Aktuell wird der Preis bei 1,45 €/kg notiert, wenn er diese Woche nicht weiter fällt. (Schlachtkonzerne erhöhen den Druck Richtung 1,20 €/kg!). Das sind 30% unter Kosten. Die Schweinehalter verlieren bei jedem Schwein 50 bis 60 Euro, die Ferkelerzeuger dabei mehr als die Mäster.

Ursachen für die Preiskrise

Der Grund des abgestürzten Preises wird mit den erhöhten Importen von Schweineteilen (Kotelett, Schinken, Filet) aus dem EU-Ausland gesucht, weniger im höheren heimischen Angebot. Dabei sind die Begründungen je spezifisch. Spanien, Dänemark und Holland verlieren gerade Aufträge nach China (minus 50%) und Ostasien. Die Niederlande bauen in Folge der staatlichen Politik der Reduzierung der Stickstoffimmissionen ihre Produktion ab. Die Wirkung schlägt aber wegen des gesenkten Exportabsatzes noch nicht durch. Spanien und Dänemark haben deutliche Überschüsse und suchen nach Alternativen für den Ausfuhrrückgang in Drittländer – und finden die EU (Deutschland, Italien, Osteuropa). Eindeutig und wohl auch nachhaltig verlieren diese Länder Exportmöglichkeiten an Brasilien, USA, Kanada, weil sie preislich nicht dauerhaft konkurrieren können. Um wieviel schwächer sind die deutschen Chancen auf dem Weltmarkt angesichts der höheren Kosten, auch wenn sich immer mal wieder Absatzfenster öffnen sollten (Bäuche nach Korea oder Philippinnen, Edelteile nach Japan). Da nützt die in der Not hochgelobte Exportoffensive des Bundesministers Rainer wenig.

Importgrenzen, aber wie?

Nicht nur die fehlenden Exporte behindern einen Ausweg aus der Schweinekrise. Auch die gestiegenen Importe aus den europäischen Überschussländern wirken sich drückend auf den heimischen Markt aus. Zu befürchten ist, dass der Druck noch einige Zeit erhalten bleibt, solange nicht die Länder ihre (nicht exportierbare) Überproduktionen abbauen. Spaniens Branchenwachstum ist zwar zum Stehen gekommen, aber immer noch viel zu hoch. Der Abbau der Produktion in den Niederlanden kommt erst langsam zum Tragen und wird noch jahrelang drücken. Zugleich muss der Abbau mit den Verarbeitungs- und Marktstrukturen einhergehen. Das wird schon jetzt bei unserem Nachbarn zum Problem. Schlachtkapazitäten müssen teuer zurückgefahren werden. Vion, der größte Schlachtkonzern, kämpft bereits mit riesigen Umstrukturierungen und mit heftigen Verlusten (60 Mio. € in 2025 bei einem Umsatz von 4 Mrd. €).

Dänemarks Produktion und der quasi-monopolistische Schlachtkonzern Danish Crown (DC) stehen durch die Exportverluste und zusätzlich durch eine neue staatliche Politik, die die Schweinehaltung drastisch einschränken will, unter einem fundamentalen Druck. Schon jetzt zahlt DC mit 1,00 €/kg einen absolut ruinösen Schweinepreis und hat nun einen weitreichenden Strukturumbau angekündigt. Zudem will man sich auf Europa konzentrieren und den selbstverarbeiteten Anteil von 25 auf 50% steigern. Nicht zuletzt will man EU-Kostenführer werden bzw. bleiben, zugleich aber alle differenzierenden Programme (Tierwohl, Klimaschutz usw.) bespielen.

Klasse statt Masse

Deutschlands Schweinezukunft kann angesichts der Produktionskosten nicht in der Menge und der Kostenführerschaft liegen. Sie muss sich „auf Sicht“ als Qualitäts- bzw. Mehrwertproduktion ausrichten. Dabei haben die heimischen Erzeuger durch die intensive Diskussion der letzten 10 Jahre einen gewissen Vorteil gewonnen und mit der „Unterstützung“ der Strategien von Aldi, Edeka & Co. („bis 2030 Fleisch nur aus höheren Stufen“) auch einen Marktvorsprung. Dazu kommt die reale Bevorzugung der heimischen Produktion (5xD) durch den Einzelhandel, das wie ein privatwirtschaftlicher Importschutz wirkt. Auch wenn der Marktanteil für Qualitätsproduktion erst allmählich wächst, darf man diese Aussichten mittelfristig als Alternative zur Massenproduktion werten. Man kann sicher sein, dass die Entwicklungen bei unseren Nachbarn genau beobachtet werden, wenn sich bei uns Marktanteile verschieben. Mit ihren Einwänden gegen das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz zeigen sie, dass sie den deutschen Markt klar im Blick haben. Es sollte Anlass sein, erst recht das Gesetzesvorhaben schnell zum Erfolg zu führen.

Fazit: Der Drittlandsexport über Kostenführerschaft ist nicht zu gewinnen – nur auf Kosten der Erzeuger. Der Streit am Schweinemarkt findet im EU- Binnenmarkt statt und dreht sich um Qualität und Effizienz. Die Aussichten sind nicht rosig. Hoffentlich halten die Schweinehalter durch.