Der Negativpreis für fragwürdige Anwendungen der Neuen Gentechnik, ins Leben gerufen vom Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie Testbiotech, geht in eine neue Runde. Die Neue Gentechnik werde dringend benötigt um, wie schon die alte Gentechnik, die Menschheit und die Welt zu retten. Lösbar sei mit den neuen technologischen Möglichkeiten quasi alles – vom Klimawandel über den Welthunger bis hin zum Artensterben. Es bestehe einzig die Gefahr, die Möglichkeiten der neuen Technologien nicht zu nutzen.
Diese Argumentation ist weit verbreitet und wird von Biotech-Firmen, aber auch von bestimmten Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft und Industrie propagiert. Mit der Aktion ‚Rostige Gen-Schere‘ soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Realität oft weit von den propagierten Zielen entfernt ist. Viele ‚Produkte‘ aus Neuer Gentechnik sind außerdem besonders dazu geeignet, Profite zu privatisieren, während Risiken und mögliche (Folge-)Kosten dem Gemeinwesen angelastet werden, so Testbiotech.
Erstmals fand die Aktion im vergangenen Jahr statt, wo eine ‚Muskel-Meerbrasse‘ die ‚Wiederbelebung des Mammuts‘ und ‚kernlose Kirschen‘ auf die Plätze verwies. Jetzt stehen drei neue Kandidat:innen zur Wahl: ‚Supertomaten‘ aus Neuer Gentechnik, das ‚Märchen vom Schattenwolf‘ und ‚Gentechnik-Mikroben‘. Bis zum 10.11. kann hier abgestimmt werden. Die Umfrage erfolgt anonym.
Zu den Kandidat:innen teilt Testbiotech mit:
„Supertomate“ aus Neuer Gentechnik? Superfood ohne Risiken und Nebenwirkungen?
Aus Gentechniklaboren in China und England kommt eine neue „Supertomate“, die mit Hilfe von der Neuen Gentechnik (NGT) produziert wurde (Hong et al. 2026). Dafür wurden fünf DNA-Sequenzen verändert, um die Konzentration an Vitamin D3, Vitamin C, Karotinen und γ-Aminobuttersäure (GABA) zu erhöhen. Fütterungsversuche mit gentechnisch veränderten Mäusen sollen zeigen, dass diese Tomaten eine vorbeugende Wirkung gegen Krebs haben. Allerdings lassen sich derartige Ergebnisse oft nicht auf Menschen übertragen.
Was ist daran bedenklich?
Angeblich sind die Tomaten, abgesehen von den erwünschten Veränderungen, von normalen Tomaten nicht zu unterscheiden. Doch das ist sehr wahrscheinlich falsch. Es ist aus früheren Versuchen bekannt, dass NGT-Tomaten, die eine hohe Konzentration an Vitamin D3 aufweisen, dafür weniger der natürlichen Inhaltsstoffe enthalten, die den Verzehr von Tomaten sonst so gesundmachen. Auch die Abwehrkräfte der Pflanzen sind geschwächt (Li et al., 2022). Der Grund dafür ist, dass in den NGT-Tomaten jener Stoffwechselweg blockiert wird, der dafür sorgt, dass sog. Tomatine und Esculeoside gebildet werden. Tomatine wehren Krankheitserreger während der Reifezeit ab. Esculeoside sind besonders gesundheitsfördernde Stoffe in reifen Tomaten, die zum Beispiel Tumore verhindern, den Cholesterinspiegel senken und Arteriosklerose reduzieren können. Deswegen wird insbesondere ein hoher Gehalt an Esculeosiden als ein Ziel in der Tomatenzucht propagiert (Ngo et al., 2022; Liu et al., 2023).
Die Folgen
Ob der Verzehr der Tomaten negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann, wurde nicht untersucht. Die Behauptung, dass er erhebliche gesundheitliche Vorteile hat, muss bezweifelt werden. Zu befürchten ist, dass diese Tomaten nur der Anfang sind für eine ganze Reihe von Pflanzen aus Neuer Gentechnik, die angeblich gesundheitliche Vorteile bieten, um so den europäischen Markt für gentechnisch veränderte Nahrungsmittel zu öffnen.
Das Märchen vom Schattenwolf - Wiederauferstehung oder Mogelpackung?
Ausgestorbene Wirbeltiere wie Wollmammuts, Schattenwölfe, Dodos und Tasmanische Tiger ‚wieder zum Leben zu erwecken’: das ist die Absicht des US-Unternehmens Colossal Bioscienes. Was die Firma aber tatsächlich mithilfe von Neuer Gentechnik und künstlicher Intelligenz kreiert, sind gentechnisch veränderte Tiere wie Asiatische Elefanten mit Mammuteigenschaften, Grauwölfe mit Eigenschaften des ‚Schattenwolfes‘, südamerikanische Vögel, die dem Moa teilweise ähnlich sind und Mäuse mit ‚Wollmammutfell‘.
Welche Zwecke diese Experimente (abgesehen von einem Medienhype) wirklich verfolgen, ist unklar. In keinem Fall werden sie zur Wiederbelebung ausgestorbener Arten führen. Stattdessen handelt es sich um tiefe Eingriffe in das Genom heute existierender Arten. Oft wird dabei vor allem die Aktivität arteigener Gene verändert, um beispielsweise Mäuse mit extrem langem Fell zu schaffen, das dem von Wollmammuts ähneln soll (Chen et al., 2025). Es werden also nicht ausgestorbene Tierarten ‚wieder zum Leben erweckt‘, sondern Gentechnik-Tiere kreiert, die noch nie auf diesem Planeten existiert haben.
Risiken für die Artenvielfalt
Entkämen gentechnisch veränderte Wildtiere wie der ‚Schattenwolf’ in die natürlichen Populationen könnten sie sich dort auch fortpflanzen. Da sie im Falle des ‚Schattenwolfs‘ größer und stärker sind als ihre natürlichen Artgenossen, hätten diese gentechnisch veränderten Grauwölfe und ihre Nachkommen einen Fitnessvorteil und könnten ihre natürlichen Rivalen verdrängen. Dies hätte erhebliche Folgen – nicht nur für die geschützte Wolfsart der Grauwölfe, sondern auch für die Ökosysteme und möglicherweise sogar für den Menschen, wenn genetischen Veränderungen bspw. auch zu einem veränderten Jagdverhalten führen.
Gentechnisch veränderte Bodenbakterien - Eingriff in die Netzwerke des Lebens
Mikroorganismen, die die Wurzeln von Pflanzen besiedeln, haben Einfluss auf das Pflanzenwachstum. Um dieses zu fördern, wurden Bodenbakterien gentechnisch so verändert, dass sie kontinuierlich Stickstoffverbindungen produzieren (Martinez-Feria et al., 2024). Diese Bakterien gab es zuvor in der Natur nicht. Ihre Verwendung ist in den USA bereits zugelassen. Es ist unklar, inwieweit Umweltrisiken getestet wurden. Darüber, ob die Bakterien tatsächliche die erwünschten Vorteile bringen, gibt es unterschiedliche Einschätzungen – derartige Anwendungen gehen auch mit einem breiten Spektrum an Risiken einher.
Risiken mit Ausbreitungspotenzial
Viele Risiken sind hier zu beachten: Derartige gentechnisch veränderte Mikroorganismen könnten invasiv werden und die natürlichen Populationen der Bodenorganismen ungewollt verändern und verdrängen. Möglicherweise können sie sich über die Felder hinaus ausbreiten und andere Pflanzenarten, darunter auch Wildpflanzen, besiedeln und die natürlichen Ökosysteme stören oder für mehr Unkraut auf dem Acker sorgen.
Die lebendige Infrastruktur schützen!
Bodenorganismen erbringen unverzichtbare Ökosystemleistungen, die für das Wachstum der Pflanzen unerlässlich sind. Zudem finden sich viele Bodenbakterien auch im Darm von Menschen und Tieren wie z.B. Bienen. Die Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Bakterien können deswegen oft nicht auf bestimmte Organismen oder spezifische Ökosysteme beschränkt werden. Die natürlichen Mikrobiome von Menschen, Tieren, Pflanzen und Böden müssen als Schlüssel für die Gesundheit einzelner Lebewesen, aber auch für die Funktion der Ökosysteme betrachtet werden. Für sie muss ein besonders hohes Schutzniveau gelten (mehr dazu in dem Bericht „DUNKLE MATERIE“).