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30.01.2017

mn

Weidehaltung muss erhalten bleiben

Die Rückkehr des Wolfs bringt vielfältige neue Herausforderungen mit sich

Der Wolf ist zurück. Was aus Sicht des Artenschutzes wie eine Erfolgsgeschichte aussehen mag, bringt jedoch, gerade in einem dicht besiedelten und landwirtschaftlich, aber auch in der Freizeit, intensiv genutzten ländlichen Raum zahlreiche Interessenskonflikte mit sich. „Die eigentliche Herausforderung besteht dabei in der Förderung eines weitgehend konfliktfreien Nebeneinanders von Mensch und Wolf. Vor allem dort, wo der Wolf über mehrere Menschengenerationen nicht mehr anwesend war, sind die Konflikte und Ängste anfänglich sehr groß. Im Vergleich zu den Ländern, in denen der Wolf nie verschwunden war, bestehen Akzeptanzprobleme“, so der sächsische Wolfsmanagementplan aus dem Jahr 2014.

Im Monitoringjahr 2014/15 waren in Deutschland 45 Wolfsterritorien bekannt. Diese lagen in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. In weiteren Bundesländern wurden ebenfalls Wölfe nachgewiesen, die aber keine festen Territorien haben, sondern als „nicht-residente“ Individuen umherziehen. Neben einem Austausch von Wölfen aus Polen sind vor allem in Süddeutschland immer wieder Wölfe nachgewiesen worden, die aus den Alpen, dem norditalienischen Verbreitungsgebiet, zugewandert sind.

Dass es in der Realität um viel mehr geht als um ein „anfängliches Akzeptanzproblem“ zeigen die kontinuierlichen Meldungen über Schaf- und Damwildrisse durch Wölfe. Auch neugeborene Kälber wurden zu Opfern von Wölfen. Ebenso ist leicht vorstellbar, dass eine auf der Weide kalbende Kuh trotz ihrer Größe ein leichtes Opfer ist. Vor dem Hintergrund dieser Meldungen ist die Sorge vieler Landwirte, die mit ihrer naturverträglichen, nicht selten vom Naturschutz geförderten, Weidehaltung entscheidend zum Erhalt der Kulturlandschaft beitragen, aber natürlich auch eine Verantwortung gegenüber ihren Tieren und ökonomische Verpflichtungen ihren Betrieben und Familien gegenüber haben, gut nachzuvollziehen.

Weide und Wolf?

Unterstützung erfährt diese Art der Bewirtschaftung auch und gerade von Seiten der Arten- und Naturschutzverbände: „Die extensive Weidetierhaltung in Deutschland ist eine zukunftsweisende Form der Landwirtschaft und zugleich für den Arten- und Umweltschutz von großer Bedeutung“, so Moritz Klose, Wildtierreferent beim WWF Deutschland. Und auch die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe benennt die auch ohne Wolf schon schwierigen strukturellen Probleme der Weidetierhalter und fordert die Einrichtung eines bundesweiten Kompetenzzentrums für den Herdenschutz.

Der aktuelle Stand des vorsorglichen Herdenschutzes, beschrieben in den Managementplänen der Bundesländer, aber auch von den Wolfsberatern und Kompetenzzentren, empfiehlt Elektronetze mit einer Höhe von 90 cm, gegebenenfalls mit einem zusätzlichen Flatterband 20 bis 30 cm über dem Zaun. Für Kühe sind in Niedersachsen Elektrozäune mit fünf Leitern und einer Höhe von 120 cm vorgegeben. Maschendrahtzäune müssen mindestens 170 cm hoch sein und einen Untergrabeschutz haben. Einen aktiven Herdenschutz verspricht der Einsatz von Herdenschutzhunden. Nur wer diese Mindeststandards erfüllt, kann im Falle eines immer noch möglichen Wolfsrisses mit einer finanziellen Entschädigung rechnen.

Wer bezahlt?

Zwar bieten verschiedene Bundesländer finanzielle Unterstützung beim Zaunbau an, allerdings reichen die Fördersummen, wie überschlägige Berechnungen zeigen, lange nicht aus, um die tatsächlichen Kosten zu decken.

Darüber hinaus muss ein Zaun, dessen unterste Litze nur 20 cm über dem Boden ist, frei gemäht werden. Und doch gibt es schon jetzt immer wieder Meldungen, dass keine der Varianten einen vollkommenen Schutz gegen Wolfsübergriffe bietet. Und so bleibt ein Gefühl der Ohnmacht und die ständige Befürchtung: Es könnte auch bei mir passieren!

Bejagung

Einen scheinbar guten Ausweg bietet da Landwirtschaftsminister Schmidt. Gegenüber der Passauer Neuen Presse äußerte der Minister: „Der Wolf ist kein jagbares Wild, aber eine Regulierung des Bestandes muss möglich sein" und gibt sich tatkräftig: „In einem dicht besiedelten Land wie bei uns müssen der Ausbreitung Grenzen gesetzt werden." Neben Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, die in ihrer Reaktion auf die Möglichkeit verweist, schon heute auffällige Tiere gezielt zu entnehmen, reagierte auch die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe auf die Einlassungen des Ministers. „Eine Debatte über ‚erlaubte Wolfszahlen’ oder ‚Obergrenzen’ der Population ist derzeit in Deutschland nicht erforderlich und rechtlich überhaupt nicht zulässig, denn sie würde eine von der EU zustimmungspflichtige Änderung des Schutzstatus erfordern“, so der Verband unter Bezugnahme auf den Schutzstatus des Wolfs in Europa. Aber auch die Probleme der Weidetierhalter sehen die Artenschützer und fordern vom Bundesministerium, „den Schutz der Nutztiere durch spezielle Zäune und Herdenschutzhunde zu unterstützen und diese Maßnahmen ausreichend zu finanzieren“.

Einfach schießen

Wer sehnt sich nicht nach einer einfachen Lösung? Die Wölfe vergrämen, mit Gummigeschossen etwa oder aber Wiederholungstäter gezielt „letal entnehmen“. Doch so wie es aktuell unrealistisch erscheint, weite Teile der Republik durch nur bedingt wolfssichere Zäune zu einem kleinteiligen Netz von Barrieren, nicht nur für Wölfe, werden zu lassen, ist es nicht realistisch, von Jägern zu fordern, sie sollten nächtelang auf „den einen Wolf“ warten. Und selbst wenn der Wolf im Jagdrecht aufgenommen und zur Jagd freigegeben wäre, so wäre dennoch gefordert, dass der Jäger das Tier eindeutig ansprechen kann. Er muss klar erkennen ob es ein Jung- oder Alttier, männlichen oder weiblichen Geschlechts ist. Die Jagdsaison würde aus Rücksicht auf potentiellen Nachwuchs im Winter liegen, einer Zeit, in der eine Unterscheidung der Tiere aufgrund des Winterfells nicht möglich ist. Auch weisen Wolfsexperten immer wieder darauf hin, dass Wölfe im Rudel eine ausgeprägt feste Sozialstruktur haben. Schießt man die ranghohen, älteren, erfahrenen Tiere, so bricht das Sozialgefüge zusammen. In der Folge kann es zu einer erhöhten Zahl an Welpen kommen, da jetzt die rangniederen Tiere, die im Normalfall keine Nachkommen zeugen, genau dies tun. Statt einer Reduktion hätte man eine Vermehrung bewirkt.

Politik gefordert

Der Wolf ist politisch gewollt. Auch gibt es viele Menschen, die in der Regel nicht aus der Landwirtschaft kommen, die den Wolf in Deutschland beheimatet sehen wollen. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) stellt sich im Gegensatz hierzu eindeutig auf die Seite der Tierhalter. „Für bäuerliche Landwirtschaft ist Weidehaltung somit von existenzieller Bedeutung, das Einsperren von Weidetieren aus Angst vor dem Wolf ist deswegen keine Option“, schreibt sie in ihrem aktuellen Positionspapier und fordert: „Aus Sicht der AbL ergibt sich aus der Rückkehr des Wolfes in unsere Regionen das Ziel, Bedingungen für ein friedliches Miteinander zwischen Wolf, Weidetieren und Mensch zu schaffen. Gelingen kann dies nur, wenn Bäuerinnen und Bauern sowie Schäferinnen und Schäfer mit den Mehrkosten für den Schutz ihrer Weidetiere nicht alleine gelassen werden.“ Neben einer vollständigen Kostenübernahme für den Mehraufwand des Herdenschutzes fordert sie ein bundeseinheitliches Wolfsmanagement und eine Verbesserung der Aufklärungsarbeit sowie Bildungs- und Beratungsangebote für Landwirte, aber auch für Mitarbeiter in den zuständigen Ämtern. Höchste Zeit ist es auch für die ebenfalls geforderte Einberufung zu einem Verbändegespräch aller beteiligten Interessensgruppen durch Landwirtschaftsminister Schmidt und Umweltministerin Hendricks. Nur wenn die Bedenken, vor allem aber die negativen Erfahrungen der Tierhalter, ernst genommen werden und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen gesucht wird, kann es gelingen, Akzeptanz für den Wolf zu schaffen, ohne die Weidetierhaltung zu zerstören.