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05.05.17

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„Gute Milchpreise und frei produzieren geht nicht zusammen“

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05.05.2017

cw

„Gute Milchpreise und frei produzieren geht nicht zusammen“

Hans Geurts mit einer seiner Kühe.

Der Niederländer Hans Geurts sieht Wachstumsdrang kritisch für Markt und Strukturen

Unabhängige Bauernstimme: Wie ist die Situation zur Zeit für die Milchbauern und -bäuerinnen in den Niederlanden?

Hans Geurts: Die Diskussionen über die Phosphatüberschüsse aus der Landwirtschaft überlagern zur Zeit alle anderen Themen. Die Grenzwerte, die wir auf EU-Ebene zugesichert haben, sind überschritten. Nun müssen wir die Einträge reduzieren, sonst fällt die Derogation weg, d. h. die von der EU genehmigte Möglichkeit, auf intensivem Grünland jährlich 250 kg Stickstoff aus Wirtschaftsdüngern statt nur 170 kg ausbringen zu können. Das wäre ein noch größeres Problem, weil wir so viel Gülle haben.

Der meiste Phosphatüberschuss stammt aus der sehr intensiven, flächenarmen Schweine- und Geflügelhaltung. Da findet aber schon seit einigen Jahren keine größere Ausdehnung mehr statt. In der Milchviehhaltung hingegen wurde das Quotensystem beendet und viele Bauern sind betrieblich unheimlich stark gewachsen. Nun sollte die Kuhzahl reduziert werden, um die Phosphatmenge zu begrenzen, was einen massiven Streit unter den Milchbauern ausgelöst hat. Die einen sagten: „Wir sind gar nicht gewachsen, warum sollten wir nun reduzieren?“, andere wiederum haben viel Land und argumentierten, sie könnten ihre Gülle auf der Fläche gut verwerten, es gebe keinen Grund die Tierzahl zurückzufahren. Und diejenigen, die groß gebaut haben, weil die Zeichen der Zeit auf Wachstum standen, stellt Abstocken vor Finanzierungsprobleme.

Was sind nun die Auswirkungen auf die Betriebe?

So viel Kühe und Jungvieh wie zum Referenzdatum 2. Juli 2015 dürfen die Betriebe auch 2017 halten – ohne genug Fläche vier Prozent weniger. Das ist eigentlich etwas Gutes für die Milchbauern in ganz Europa, dass wir hier in den Niederlanden begrenzt werden. Seit März wird die Anzahl Kühe schrittweise um 160.000 Tiere zurückgefahren. 2018 bekommen wir eine Phosphatquote. Sobald diese vergeben ist, kann sie gehandelt werden. Alle diejenigen, die gerade in größere Ställe investiert haben, wollen diese natürlich voll besetzen. Das gibt Druck auf die Phosphatrechte; die werden teuer. Andere Betriebe hören auf. Weiterer Stallneubau für große Wachstumssprünge wird fast unmöglich. Das ist völlig unrentabel wegen der Zusatzkosten durch den nötigen Flächennachweis für die Düngeverordnung und durch die Phosphatquote.

Jetzt haben die wachstumsorientierten niederländischen Bauern dasselbe Problem wie bei der Milchquote, aber zusätzlich haben alle noch ein Problem mit dem niedrigen Milchpreis – weil wir nur national die Phosphatmenge steuern statt europaweit die Milchmenge. Es ist eine Katastrophe. Die Niederlande haben immer für die Abschaffung der Milchquote plädiert, weil die Quotenpreise so hoch waren, höher als in anderen Ländern. Viele Bauern haben kurzsichtig gedacht, sie könnten sonst alle so weit wachsen, wie sie wollen. Das funktioniert aber nicht.

Sie halten also eine Begrenzung für notwendig?

Das große Problem bei der Milcherzeugung ist, dass ein guter Milchpreis und frei zu produzieren nicht zusammengehen. Wer Geld verdient, muss Steuern zahlen. Deswegen investieren die Bauern reinkommendes Geld lieber gleich wieder. Dadurch entsteht immer neues Wachstum und das verursacht eine Überproduktion, die dazu führt, dass durch schlechte Milchpreise viele Betriebe aufhören müssen. Das ist eine ganz verkehrte Entwicklung.

Was spricht dafür, sich für den Erhalt der Betriebe einzusetzen?

Es gibt vielerlei Gründe, warum es besser ist, möglichst viele Familienbetriebe zu haben mit 60 bis 120 Kühen statt wenige Betriebe mit 1.000 Tieren: zuerst für die Bauern und Höfe selbst. Immer mehr Wachstum zu wollen, heißt auch, eine Bedrohung für Kollegen zu sein. Die Betriebe sind aber auch wichtiger Bestandteil der Lebendigkeit auf dem Land. Außerdem stehen die familiengeführten Milchviehbetriebe gut da bei den Bürgern. Erwünschte Qualitäten, wie z. B. Weidegang, können in diesen Strukturen noch umgesetzt werden. Was die Betriebe brauchen, ist ein vernünftiges Einkommen – erlöst aus dem Verkauf der am Markt nachgefragten Milch.

Wie kann eine marktangepasste Mengensteuerung aussehen?

Ich halte die Abschaffung der Quote für einen historischen Fehler. Überarbeitet und flexibilisiert hätten wir die Milchmengen damit je nach Marktsituation steuern können. Aber nun ist sie weg. Es bleiben zwei Möglichkeiten: Zum einen eine neue politische Regelung, aber jegliche Art Ersatz für die Quote wird immer für heftigen Streit sorgen, wie neue Mengenbegrenzungen auf die Betriebe verteilt werden sollen, weil die sich seit Quotenende schon unterschiedlich entwickelt haben.

Das politisch auf EU-Ebene ansetzende Marktverantwortungsprogramm des EMB ist ein guter Krisenplan – aber es wird sehr schwierig, damit strukturell Erfolg zu haben. Denn wenn es immer, wenn der Milchpreis gut ist, anschließend mehr Milch gibt – dann befinden wir uns kontinuierlich in der Krise.

Die zweite Möglichkeit besteht darin, dass die Molkereien ihre eigenen Mengen, zumindest vorübergehend, selbst regeln.

Das niederländische Molkereiunternehmen FrieslandCampina hat letztes Jahr als erstes zeitweise Bonuszahlungen für reduzierte Milchanlieferung eingeführt.

Sie haben das gemacht, als sie selbst die Milch nicht mehr verwerten konnten und der Milchpreis sehr niedrig war. Das System ist akzeptiert worden. Das Gute war, sie haben gezeigt, dass es möglich ist, die Produktion gezielt zu begrenzen – auch in einer großen Genossenschaft!

Müssten wir nicht wegen der Phosphatüberschüsse die Kuhzahlen zurückfahren, dann hätten wir sicher schon A/B-Quoten der Molkereien, weil die nicht wüssten, wohin mit der Milch. Der Milchindustrieverband hat bei der Ausarbeitung der Phosphatquotierung in eigenem Interesse mitgearbeitet.

Welche Rolle spielen gesellschaftliche Diskussionen in den Niederlanden?

Bei uns ist der Weidegang ganz wichtig für die Bürger. Im Parlament wird sogar diskutiert, ob es Pflicht werden muss, die Kühe rauszulassen. Die Molkereien zahlen alle mittlerweile eine Belohnung von ein bis zwei Cent pro kg Milch, wenn die Kühe gemäß einem ausgehandelten Standard an mindestens 120 Tagen jeweils mindestens sechs Stunden auf die Weide kommen. Mit der Weidemilchqualität machen sie viel Werbung, weil sie sich gut verkaufen lässt. Einige Bauern stellen sich darauf neu ein und lassen ihre Kühe wieder raus – gerade auch mit dem Ende der Wachstumsmöglichkeiten vor Augen. Aber für diejenigen mit sehr großen Ställen und wenig eigener Fläche ist dieser Weg ganz unmöglich. Das zeigt deutlich, wie unflexibel sie sind.

Vielen Dank für das Gespräch!

Hans Geurts beobachtet als Milchbauer in den Niederlanden die Auswirkungen und Grenzen der Wachstumsmentalität. Er war lange Jahre Vorsitzender des Nederlandse Melkveehouders Vakbond (NMV); diese Milchbauernvereinigung ist Mitglied im European Milkboard (EMB), dem auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) angehören.

Betriebsspiegel Hans und Nicolien Geurts:

106 Kühe und 65 Jungtiere, Holstein-Friesian,

seit 2006 Einkreuzung mit Fleckvieh für stärkere, problemlosere Kühe,

44 ha Land, davon 36 ha Grünland und 8 ha Mais.

Von 3 Söhnen, Luc, Daan und Roy, hat einer Interesse am Betrieb und besucht eine Landwirtschaftsschule.