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07.03.2011

Heimat – Ein Blick zurück und nach vorn

Erinnerungen an Kindheit und die Umbruchzeiten der 70er Jahre

Als Jugendlicher hatte ich nur eines im Sinne: nichts wie weg aus der Provinz. Ich war „Flüchtlingskind“, meine Mutter war Kriegerwitwe. In den letzten Wochen des 2. Weltkriegs flohen wir aus Polen über das zerstörte Berlin nach Württemberg in eine kleine Stadt. Hier wurden wir in dem Haus eines wohlhabenden Eisenwarenhändlers einquartiert. In zwei Zimmer mitten in die Wohnung platziert, dieselbe Küche und Klo nutzend. Da war auch für uns Kinder bald klar: willkommen waren wir nicht.

Das Klima in der Kleinstadt war mir vergällt durch pietistische Stundenbrüder und Betschwestern, die sich im Wohnzimmer der Bäckerei zur „Stunde“ versammelten. Der frommste Lehrer, zugleich Leiter des Kindergottesdienstes, war besonders scheinheilig. Er schlug uns Schulkinder regelmäßig und am gewalttätigsten. Der schwäbische Pietismus lag wie ein Mehltau über meiner Kindheit.

Doch schlimmer noch als die Betschwestern, die einen immerhin noch zu Gott bekehren wollten, waren die Honoratioren. Für sie waren wir „Flüchtlinge und so Zeugs“. Wir kamen ursprünglich aus Bessarabien am Schwarzen Meer. Nun nannten sie uns die „besseren Araber“. Wer wir waren, woher wir kamen – das interessierte niemand. So fingen wir, wie alle Flüchtlinge, „von unten“ an. Mein Onkel, ein wohlhabender Bauer in Bessarabien, arbeitete als Knecht und dann als Hilfsarbeiter in der Leder-Fabrik, bis er kaputt war.


Landschaft als freundlicher Ort

Je mehr ich heranwuchs, desto mehr floh ich aus der Kleinstadt hinaus in die Landschaft. Ob sie schön war oder nicht, dafür hatte ich damals keinen Begriff. Ich erfuhr die Landschaft als gesellschaftlichen Ort, als Ort der Freiheit und Gleichheit.

Wenn ich den Bauern beim Heuen half, dann bekam ich ein Wurstbrot, so als wäre ich auch eine Arbeitskraft wie die Erwachsenen. Ich fuhr auf den von Kühen in atemberaubender Langsamkeit gezogenen Fuhrwerken mit. Viele Einheimischen im Ort hatten ein Obst-„Stückle“ und freuten sich über Hilfe, aber auch über Gesellschaft. Ich erlebte bei der Arbeit zum ersten Mal, dass die Einheimischen auch freundlich sein konnten. Sie „schwätzten“ gerne bei der Arbeit und so „schwätzten“ sie mit mir.Hier fühlte ich mich willkommen, obwohl mir nichts gehörte.


Die große Stadt: Traum meiner Jugend

In Stuttgart gab es Rolltreppen im Kaufhaus, eine Landesbibliothek, einen Bahnhof für die ganz große Welt. Aus Stuttgart kam der Betriebsrat Fritz Lamm zu einem Vortrag in unser Städtchen. Er war eine eindrucksvolle Gestalt der alten Arbeiterbewegung, mit flammenden Augen. Er hörte mir zu, wie ich mich das erste Mal traute, etwas öffentlich gegen den Krieg zu sagen. Er verspottete uns nicht wie die CDU-Bonzen. Das war wie der Beginn des eigenen Denkens. Als Student in Berlin habe ich mich vollständig von meinem Heimatort abgewandt. Ich war der Heimat entronnen, das galt mir und den vielen schwäbischen Kommilitonen in Berlin als befreiende Tat. Mit schwäbischen Liedern und wunderlichen schwäbischen Ausdrücken trugen wir zur Erheiterung bei. Meine Heimat wurde zur folkloristischen Einlage in der Kneipe. Als Aktivisten der Studentenbewegung bemühten wir uns, die Provinz in uns zu verdrängen.

Als ich ab den 70er Jahren wieder öfter in meine Heimat zurückkehrte, war ich überrascht über die großen Umbrüche, die in dieser Zeit die „Provinz“ verändert hatten. In einem Jahrzehnt waren die modernen Zeiten ausgebrochen. Das war in Berlin ganz an uns vorbeigegangen.

Wie sollten wir den Aufruhr verstehen, der in den 70er Jahren auf dem Land begann? In den Strategiepapieren der linken Studenten wurde nach dem „Neuen Proletariat“ gefahndet. Eingeplant war nicht, dass Hunderttausende in Bewegung kommen, in Initiativen gegen AKWs, gegen Giftmülldeponien, Autoteststrecken, atomare Endlager, Truppenübungsplätze, gegen Flurbereinigung usw. Und geradezu unvorstellbar war, dass dieser Widerstand seine Kraft nicht bezog aus abstrakten Ideen über die Zukunft – sondern aus der Verteidigung der Heimat.


Wir wollen euren Dreck nicht haben!

Heimat war dabei keine Verklärung der Vergangenheit. Die Landbevölkerung wehrte sich gegen ein Verhältnis von Stadt und Land, das der Stadt den Fortschritt und dem Land die Entsorgung des Abfalls und Gifts zudachte.

Das war entwaffnend für alle, die dem Land etwas „Reaktionäres“ unterstellen wollten. Die Landbewohner wollten den Abfall nicht haben und zwangen der Stadt eine Diskussion über eine Wirtschaftsweise auf, die solche Abfälle erzeugt.

Die Studentenbewegung hatte eine Tür aufgestoßen. Jetzt konnten auf dem Land die Interessen und Hoffnungen öffentlich ausgesprochen werden. Die Landbevölkerung, kritische Wissenschaftler, Medien, Studenten gingen eine Verbindung ein, die ein Erfolgsmodell wurde. Ich habe mich seit Mitte der 70er Jahre wieder dem Land zugewandt. Die Umweltbewegung machte es möglich, dass die im „Begriffsgeröll Verstiegenen“ (Jean Amery) wieder ins Leben zurückkehrten. Meine Arbeit in der Landjugend Westfalens und als Redakteur des „Bauernblattes“ (so hieß die „Unabhängige Bauernstimme“ anfangs), die Arbeit auf Bauernhöfen und in einem drei Jahre haltenden Gemüsebaukollektiv hat meinen weiteren Lebenslauf und meine wissenschaftliche Arbeit entscheidend geprägt.


Manchmal wunderliche Neuanfänge

Auch die Bauern, die oft den Kern der Initiativen bildeten, fassten wieder Mut. Junge Bauern, die in die Stadt abgewandert oder innerlich emigriert waren, kehrten zurück in ihre Heimat. Die Landwirtschaft galt wieder etwas in der Gesellschaft. Nicht selten geschah dann auch das Wichtigste: Die Bauernsöhne bekamen eine Frau. Jetzt konnten sie sich etwas Neues zutrauen, wie Direktvermarktung, Diversifizierung des Betriebs, Biolandbau.

Ich erlebte, wie über die Bewahrung der Umwelt nicht nur nachgedacht wurde. Sie wurde ausprobiert in neuen Lebens- und Arbeitsformen. Das Land bot den Städtern den Platz dafür. Land-WGs gründeten sich. Aus einigen entwickelten sich erfolgreiche Bauernhöfe, Gewerbe- und Handelsbetriebe. Auch wenn viele Träume scheiterten, viele wieder in den 80er Jahren in die Städte zurückkehrten – so stammen doch aus diesen heimat-bewegten Zeiten viele Impulse, die unsere Republik verändern sollten. Aus manchmal wunderlichen Anfängen entwickelten sich Institutionen, die heute zu Selbstverständlichkeiten geworden sind: Bürgerinitiativen, Biolandbau, AbL, Grüne, Umwelt- und Tierschutzschutzverbände, 3. Welt-Bewegung und ihre vielfältige Presse.

Die verschlafene Provinz, aus der die Jugend bisher davonlief, entdeckte sich als Region neu. Eine lebendige „regionale Szene“ entstand. Man kann heute im Dorf wohnen und doch über die verschiedensten Netzwerke verbunden sein mit der Welt.