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07.03.2011
Eckhardt Niemann; unabhängige Bauernstimme

Ägyptens Bauern – beim Marsch der Millionen dabei

Faktensammlung zur ägyptischen Landwirtschaft und zur Lage der Fellachen

Bewundernd haben die Menschen in aller Welt den mutigen Aufstand des ägyptischen Volkes gegen Mubarak und seine korrupte und unterdrückerische Kaste auf dem Fernsehschirm verfolgt. Beim Marsch der Millionen und bei der Besetzung des Tahrir-Platzes in Kairo waren auch viele Bauern dabei: „Einfache Bauern aus Südägypten trafen auf Islamisten aus dem Nildelta, Geschäftsmänner standen Schulter an Schulter mit jungen Menschen”, berichtet z.B. die New York Times. In Oberägypten demonstrierten Zuckerrohrbauern vor den Fabriken für höhere Erzeugerpreise. Die Importabhängigkeit bei Weizen und die steigenden Brotpreise sind eine wichtige Ursache für die ägyptische Revolution. Die folgenden Informationen über die Lage der Bauern und der Landwirtschaft in Ägypten stammen aus dem Internet, vor allem aus einem Exkursionsbericht der Universitäten Kassel, El Minia und Damascus aus dem Jahr 2002 zur „Stadt- und Dorferneuerung in Ägypten“, insbesondere aus einem Bericht des Wissenschaftlers Axel Weige.

Überschwemmungen und Dämme

Der Nil als Lebensader überschwemmte früher nach den Regenfällen im fernen Äthiopien und Zentralafrika seine Uferregionen mit fruchtbarem Schlamm. Seit der Antike nutzten die Ägypter ausgefeilte Bewässerungssysteme. Diese wurden im 19. Jahrhundert durch die Modernisierer Muhammed Ali und Ismail und nach der Besetzung Ägyptens auch durch die Engländer effektiviert und zur weiteren Landgewinnung ausgebaut. Nach dem Bau des ersten Assuan-Staudamms (1902) konnte viel zusätzliches Wasser für die Bewässerung der landwirtschaftlichen Nutzflächen bereitgestellt werden. So konnten 15 Prozent Kulturland hinzugewonnen und die Erträge um 30 Prozent gesteigert werden.

Nach der Unabhängigkeit baute Präsident Gamal Abd al Nasser mit Hilfe der UdSSR den zweiten Assuan-Staudamm, mit dessen Wasser nochmals 25 Prozent Kulturland gewonnen und bis zu drei Ernten pro Jahr möglich wurden. Dieser zweite, vorrangig für die Stromerzeugung gedachte Staudamm bringt aber auch große Nachteile, weil er den Schlamm zurückhält, der nun flussabwärts fehlt. Dort treten verstärkt Probleme durch Erosion und Versalzung auf. Die Bewässerungstechnik für die Flächen beruht heute vor allem auf Motorpumpen anstelle von nutztiergetriebenen Schöpfrädern. In Ägypten werden fast alle Landwirtschaftsflächen (das sind nur 4 Prozent der Landesfläche) bewässert, wobei das Wasser immer knapper wird und bei den ariden Verdunstungsverhältnissen leicht zur Versalzung der Böden führt. Die Nutzung des Nilwassers ist mit dem Sudan vertraglich geregelt.


Großgrundbesitzer und Fellachen

Die ägyptischen Bauern, Fellachen genannt, sicherten durch ihre intensive Landnutzung bis vor kurzem die Ernährung der rasch wachsenden Bevölkerung. Weil das Land wenigen feudalen und ausbeuterischen Großgrundbesitzern gehörte, blieben die Fellachen arm. Etwas verändert wurden diese Strukturen durch Präsident Nassers Bodenreform in den 50er und 60er Jahren. Die Obergrenze für Landbesitz wurde zunächst auf 80, dann auf 40 Hektar und 1969 auf 20 Hektar begrenzt und das verstaatlichte Land der Großgrundbesitzer an kleine Fellachenbetriebe verteilt. Allerdings unterliefen die Großgrundbesitzer diese Regelungen, indem sie ihre Ländereien formal auf Familienmitglieder aufteilten oder indem sie durch Korruption verschont blieben. Auch die Funktionäre der neu geschaffenen Großgenossenschaften für Fellachen kungelten oft mit den Großgrundbesitzern. Unter Mubarak soll eine Million Kleinbauern mit brutaler Gewalt wieder von ihren Äckern vertrieben worden sein, die an die früheren Großgrundbesitzer rückübereignet wurden.

90 Prozent der heutigen Fellachen sind Klein- und Kleinstbauern. Wegen der Anbauvorschriften müssen sie Baumwolle anbauen, sind deshalb von den schwankenden Weltmarktpreisen abhängig und haben nicht genügend Fläche zur Selbstversorgung ihrer Familien. Bei Zupacht stellt der Grundherr seinen Pächtern dann oft die Produktionsmittel außer der Arbeit und beansprucht für sich drei Viertel der Ernte. Nicht der Pächter, sondern der Eigentümer der Flächen ist berechtigt, das von der Regierung subventionierte Saatgut, Pestizide und Dünger zu erhalten – die Pächter müssen es teuer auf dem Schwarzmarkt kaufen. Wassermangel, Wasserverschmutzung und Probleme mit versalzenem Grundwasser kommen hinzu. Staatliche Hilfe bekommen am ehesten noch die für den Export produzierenden Großinvestoren mit ihren Gemüse-Gewächshäusern und Zitrusplantagen.

Etwa ein Drittel der ägyptischen Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft, die Mehrheit der 80 Millionen Ägypter lebt noch auf dem Land – oft in Dörfern ohne Anschluss ans Telefonnetz und ohne ausreichende Gesundheitsstationen. Diese Zivilisationsdefizite, die wachsende Arbeitslosigkeit sowie Armut und Abhängigkeit in der Landwirtschaft führen zu einer anhaltenden Landflucht: in die großen Städte, ins Ausland oder als Billig-Wanderarbeiter in Großprojekte. Weil heute viele junge Männer als Migranten im Ausland Geld verdienen, ist die Abhängigkeit der Jugend und auch der jungen verheirateten Frauen vom Elternhaus gesunken. Die Frauen der im Ausland arbeitenden Männer haben zwar die Bürde der Mehrarbeit, sie treffen aber auch Entscheidungen über frühere „Männer-Arbeiten“. Das führt zu Konflikten, aber auch zu mehr Selbstständigkeit.

Exportorientierung und Abhängigkeit

Die früher stark staatlich gelenkte Landwirtschaft wurde in den letzten Jahrzehnten dereguliert und für ausländische Investitionen geöffnet. Die wichtigsten, zum Teil sehr viel Wasser verbrauchenden Kulturen sind: Baumwolle, Zuckerrohr, Mais, Reis, Weizen, Hirse, Futterklee, Kartoffeln, Tomaten. Der Anbau wurde immer mehr auf Exportfrüchte wie Baumwolle, Obst und Gemüse verlagert. Gleichzeitig wird Ägypten immer stärker abhängig von Weizenimporten, was die Staatsverschuldung vorantreibt. 1992 stellten die USA ihre Nahrungsmittelhilfe ein, Ägypten muss jetzt 60 Prozent seines Weizens von den USA und der EU kaufen. Vor allem die ärmsten Bevölkerungsschichten in den großen Städten (das ist ein Drittel der Ägypter) wird mit staatlich verbilligtem Brot und Speiseöl versorgt, weil in den Städten am ehesten Aufstände und Revolutionen drohen. Als dies in Zeiten hoher Weltmarktpreise nicht mehr funktionierte, kam es bereits zu Hungeraufständen. Gleichzeitig drücken die subventionierten Importe die Erzeugerpreise der heimischen Bauern und verhindern die Entwicklung der Landwirtschaft und heimischer Märkte.

Obwohl die Landwirtschaft – neben Erdöl, Tourismus, Suezkanal und Devisenüberweisungen von Auslandsarbeitern – nur eine der wirtschaftlichen Säulen Ägyptens ist, bleibt die Frage einer stärkeren Ernährungssouveränität und Selbstversorgung durch frei wirtschaftende und stärker unterstützte Bauern eine Schlüsselfrage auch für die Nach-Mubarak-Epoche. „Weizen als politische Waffe“ der USA oder internationaler neoliberaler Wirtschaftsverbünde muss der Vergangenheit angehören. Europa und Deutschland als Haupthandels-„Partnern“ kommt hierbei eine große Verantwortung zu. Bestehende Projekte mit ägyptischen Bauern im Fairhandels- und Ökobereich können als Vorbild dienen.