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27.05.2015
cs

Nichts ändern ist keine Option

Gedanken von Beratern zur artgerechten Tierhaltung

Es herrscht Verunsicherung auf dem Land. Viele Schweinebauern sind unschlüssig, haben jahrelang Stückkosten reduziert und rationalisiert, weil ihnen alle gesagt haben: So müsst ihr es machen. Und jetzt kommt die Öffentlichkeit, aber zunehmend auch der Handel und schließlich auch die Wissenschaft und sagt: So wollen wir es nicht mehr, wir wollen Tierwohl, weg von Schreckensbildern von grauen, nackten Spaltenbuchten, von Schweinen mit bis zur Wurzel kupierten Schwänzen. Jan Hempler versucht tagtäglich auf Höfen gemeinsam mit Bauern und Bäuerinnen Perspektiven zu entwickeln. Er ist langjähriger Berater für die Nische artgerechte Tierhaltung bei der Landwirtschaftskammer in Niedersachsen. Es herrsche eher Schreckstarre als Aufbruchsgeist, so seine Erfahrung, zumal eigentlich mit Schweinehaltung – egal wie – gerade kaum Geld zu verdienen sei. Trotzdem würde, wenn gebaut wird, besonders von den jungen Nachfolgern eher auf Altbekanntes zurückgegriffen, den breiten, vollklimatisierten Warmstall mit Spaltenböden. Die Baufirmen böten da auch mangels Nachfrage kaum Innovationen an. Die, die eine Umstellungsberatung von ihm wollten, seien eher die Fünfzigjährigen, offensichtlich ist die Revolution kein Privileg der Jugend mehr. Den Unsicheren, die nur ein bisschen ändern wollten, empfehle er, zumindest so zu bauen, dass Optionen offen bleiben, um später noch eine echte artgerechte Tierhaltung hinzubekommen. Echt im Sinne von Neuland oder Bio mit den Essentials Stroh, Auslauf, Luft.

Baustopp

„Es kann durchaus sein, dass es für die fünf oder zehn Jahre alten Warmställe keine Umbaulösung gibt“, macht Rudolf Wiedmann deutlich. Auch er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit artgerechter Schweinehaltung, hat in der Lehr- und Versuchsanstalt im baden-württembergischen Boxberg das Pigportsystem entwickelt und verbringt nun seinen Ruhestand mit der Beratung von Bauern und Bäuerinnen. Umso schlimmer sei es, sagt auch Wiedmann, dass bei vielen Neubauten nach wie vor die alten Fehler reproduziert würden, die Schweinehaltung nur mit der verbotenen Praxis des Schwänzekupierens funktioniere. Das sei auch ein Politikum, es reiche nicht, wie Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) eine Vorgehensweise der „freiwilligen Verbindlichkeiten“ zu formulieren, es bedürfe einer aussagekräftigen Kennzeichnung und eines Baustopps für nicht artgerechte Ställe. „Neubauten dürften nur noch genehmigt werden“, fordert auch ein weiterer Experte auf dem Gebiet der artgerechten Tierhaltung, Bernd Kuhn, „wenn sie auf Stroh ausgelegt sind.“ Er baut schon seit Jahrzehnten mit Bauern und Bäuerinnen Ställe um und neu, für Neuland, für Bio, für den Tierschutzbund, ist aber damit einer der ganz wenigen. Er sagt, es fehlten Erfahrungen, schließlich sei 30 Jahre lang nicht über Strohställe nachgedacht worden. Erst ganz neu gebe es zum Beispiel ein Projekt, um technische Möglichkeiten wie Schredder und Schieber zum Einsatz von Stroh zumindest in Teilbereichen abgedeckter Spaltenbuchten auszuloten. Zu Lösen gelte es das Problem, dass in die Güllekeller gelangendes Stroh dort im schlimmsten Fall eine nicht mehr transportierbare Schwimmdecke produziere. Die Breite der Bauhülle ist aus Sicht von Kuhn und Wiedmann ein weiteres Problem, dadurch lassen sich Buchten kaum sinnvoll in unterschiedliche Funktionsbereiche unterteilen, außer man bilde Großgruppen, die aber laut Kuhn „auch nicht der Weisheit letzter Schluss“ sind. Von frischer Luft, unterschiedlichen Klimazonen oder gar Ausläufen gar nicht zu reden, obwohl gerade diese wesentliche Faktoren des Wohlbefindens und damit Verhinderungsaspekte des Schwanzbeißens sind. Man könne versuchen, Außenwände nach innen zu verlegen, um damit schmalere Gebäudehüllen und Ausläufe zu schaffen, konzipiert Wiedmann im Kopf und müsse Stroh und Futter wieder mehr als Beschäftigungsobjekt sehen denn als reine Nahrungsquelle.

Aufbruch

„So geht es jedenfalls nicht weiter“, sagt der Unruheständler, der mit seinem Pigport-Neubaukonzept bei Bauernveranstaltungen wie jüngst auch bei Schlachttycoon Tönnies auf Skepsis wie Begeisterung gleichermaßen stößt. Tönnies will, dass seine Lieferanten irgendwann zukünftig die Schweineschwänze lang lassen, die Symbolik des Ringelschwanzes ist längst zur Systemfrage geworden. Aber, kritisiert Wiedmann, wenn Tönnies und alle anderen, die sich mit Tierwohl schmücken wollten, nicht sagten, was für die Bauern dabei ‘rumkäme, bräuchten sie gar nicht auf die zu Höfe kommen. Einzig Edeka im Südwesten hat sich bisher mit festen Lieferkonditionen für sein so genanntes „Sternefleisch“ festgelegt. 2,15 Euro pro Kilo Schweine für fünf Jahre, eine Zertifizierung mit dem Premiumsiegel des Tierschutzbundes, Fördermittel durch das Land Baden-Württemberg: Nur dann könne man sich als Schweinebauer darauf einlassen abzustocken, neu oder umzubauen, die Neuland-Standards umzusetzen, sagt Bernd Kuhn, der für den Tierschutzbund Betriebe rekrutiert. Dass ein Umstieg zu 100% finanziert werde, könne aber kein Bauer erwarten und klar werde es Betriebe geben, die eher aufhörten als umbauten, aber mehr Tierwohl deshalb zu lassen, sei eben auch keine Option, so Kuhns Überzeugung.

Mainstream

Der Handel tut sich schwer damit, sich so weit aus dem Fenster zu lehnen wie Edeka Südwest, schließlich hat man gerade – auch die Edeka-Zentrale – mit dem Bauernverband die Branchenlösung angeschoben, um eben nicht – teuer – labeln, trennen, erklären, sich festlegen zu müssen. Die Strategie, alles in einen Topf und wenige Fortschrittliche maskieren viele, die sich nicht bewegen, ermöglicht weiterhin den Preiskampf mit den Kotelettangeboten, während ein ausgewiesen gelabeltes Schwein neben der getrennten Verarbeitung auch noch Kreativität in der Verarbeitung erfordert, weil es nicht nur aus Sonderangebotskoteletts besteht. Auch die Bauern glaubten vielfach immer noch, dass sich Tierwohl in der Breite nicht durchsetze, resümiert Jan Hempler, dabei weise der niedersächsische Tierschutzplan eindeutig den Weg. Und vielleicht mehr noch als die positiven Inhalte zeigt die Tatsache, dass er, von einem schwarzen Minister angeschoben, nun von einem grünen Minister umgesetzt wird, wie „Mainstream“ die Idee eines besseren Umgangs mit unseren Nutztieren längst ist. Sie bietet die Möglichkeit der qualitativen Profilierung, deshalb sollten gerade bäuerliche Betriebe artgerechte Tierhaltung als Chance angehen und nicht als Bedrohung sehen.