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31.10.2014
Claudia Schievelbein, unabhängige Bauernstimmme

Biene Maja und Spiderman in Not

Pflanzenschutz ist auch immer eine Frage der Perspektive

W

ww.die-pflanzenschuetzer.de – das klingt nach Superhelden auf ihrer Mission. Sie selbst sehen sich auf ihrer Homepage als Beitragsleister in einer schwierigen Debatte. „In der EU droht ein Kahlschlag bewährter Pflanzenschutz-Wirkstoffe durch eine schärfere Pflanzenschutz-Regulierung, der massiv zulasten der deutschen Landwirtschaft gehen wird. Verbraucher werden mit geringerer Lebensmittelqualität sowie steigenden Preisen konfrontiert. Mit Polemik, einseitiger Darstellung und der Verweigerung des Dialogs ist niemandem geholfen...“ Düstere Wolken die da ziehen, dazu noch zunehmende Probleme mit Resistenzen – allgegenwärtiges Beispiel ist der Ackerfuchsschwanz im Getreide – und die Debatte um das Bienensterben inklusive des zweijährigen Verbots der Neonicotinoide durch die EU kommen. Die Pflanzenschützer sind eine Initiative des Industrieverbandes Agrar (IVA), dem Lobbyverband der Pflanzenschutzmittelhersteller oder Pestizidhersteller, die Dialektik gibt Auskunft über den jeweiligen Standort.

 

Eigenverantwortung

Einer der Pflanzenschutz sagt, weil er Berater eines großen Unternehmens ist, was Pflanzenschutzmittel verkauft, ist Johannes Moldenhauer. Er sei häufig frustriert, auf welchem Niveau sich die Gespräche mit den Bauern bewegten, konstatiert er. Eine Mehrheit sei behäbig geworden, sehe sich anbahnende Schwierigkeiten nicht, betrachte den Ackerbau nicht mehr als System und wolle bei Problemen nur noch die billigste Spritzmittellösung. Wenn es jetzt um Resistenzen und Abhängigkeiten und Verluste von Wirkstoffen gehe, dann sei ein Großteil der Probleme hausgemacht: zu enge, intensive Fruchtfolgen, falsche Saat- und Bearbeitungszeitpunkte... „es ist viel Eigenverantwortung“, sagt Moldenhauer. Zwar müsse man in bestimmten Fällen die angekündigten Verschärfungen durch die EU fürchten, ob sie denn aber so kämen, sei ja auch noch nicht ausgemacht. Sein Kollege von der Landwirtschaftskammer NRW, Burkhard Linneweber, formuliert ähnlich: „Wir sehen jetzt die Folgen von immer größer werdenden Betrieben mit immer intensiveren Fruchtfolgen, Raps, Weizen, Gerste oder Mais Monokultur, das rä­­cht sich jetzt.“ Man bemühe sich nicht mehr, habe sich abgewendet von dem pflanzenbaulichen Weg, den beispielsweise der Ökolandbau gehe. Beide Berater betonen den wirtschaftlichen Druck, der diese Entwicklung befeuert hat, sehen auch nur finanzielle Anreize durch die Politik als Möglichkeit, großflächig wieder auszuscheren. Das Greening in seiner jetzigen Umsetzung sei weniger geeignet, Landesprogramme für eine vielfältige Fruchtfolge schon eher.

 

Märkte woanders

Viele Bauern, wie Christoph Tute aus Südniedersachsen, sind trotzdem skeptisch, er sieht neben dem wirtschaftlichen Druck noch die Problematik, dass viele Pestizide nur noch für die wenigen Hauptkulturen zugelassen werden. „Roggen, Gerste, Triticale spielen im globalen Markt keine Rolle mehr, also auch nicht für die Chemiefirmen.“ In der Tat berichteten die DLG-Nachrichten davon, dass die Märkte für Agrarchemikalien zunehmend außerhalb Europas lägen. In Asien seien die Zulassungen einfacher und die Wachstumsraten lukrativer. In den USA und Brasilien gehe es zunehmend um die einträglichen Kombinationen aus (gentechnisch verändertem) Saatgut und den entsprechend passenden chemischen Präparaten dazu. Europa ist anspruchsvoll, mit viel Kommunikationsbedarf und scharfen Auflagen und auch klimatisch, Fungizide spielen eine große Rolle, müssen aber auch immer wieder neu auf den Markt, da sich schnell Resistenzen entwickeln.

 

Bienenschreck

„Die Neonicotinoide waren ein Wachrüttler“, sagt Susanne Smolka vom Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany). Die Industrie sei aufgescheucht, rücke näher zusammen, erhöhe den Druck auf die EU-Kommission in Bezug auf die Neuregelung im Pestizidgesetzbereich. Man fürchte tatsächlich  die Durchsetzung der angekündigten Verbote für besonders gefährliche Wirkstoffe (z. B. krebserregende, hormonschädigende oder besonders umweltgefährliche Stoffe). Offenbar hatte man bisher nicht damit gerechnet, dass die EU-Kommission wirklich durchgreifen würde. Die sonst als industriefreundlich geltende EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA, hatte für das Verbot der als Beizmittel bei Mais und Raps eingesetzten Insektizide plädiert. Sie gelten als Ursache des Bienensterbens von 2008. Dass die Neonicotinoide für Bienen gefährlich sind – einer Untersuchung zufolge, die Berufsimkerverbandspräsident Walter Haefeker auf einer Veranstaltung an der Uni Lüneburg nannte, sogar 7.000 Mal mehr als DDT - hat man immer gewusst, aber eine Kontamination für nahezu unmöglich gehalten, „da Bienen ja nicht zehn Zentimeter unter der Grasnarbe fliegen“, so Haefeker. Bislang basierte die EU-Zulassung für jegliche Pflanzenschutzmittel ausschließlich auf Risikoabschätzungen und das Risiko, dass Bienen mit einem Beizmittel in Kontakt kommen, schien vertretbar gering. Die Industrie beruft sich beim Bienensterben 2008 auf ein Versagen der Technik, das nun behoben sei, also hätte man die Neonicotinoide nicht verbieten dürfen, sie reichte Klage vor dem Europäischen Gerichtshof ein. Aber, es gibt auch Untersuchungen, die bei funktionierender Technik von einer nicht vertretbaren Expositionswahrscheinlichkeit ausgehen und vor allem von einer schleichenden Vergiftung der Bienen und unter anderem einer Beeinträchtigung ihres überlebenswichtigen Orientierungssinns. Vorerst gilt das Verbot für zwei Jahre. Susann Hafmanns von PAN Germany erklärte auf der Veranstaltung des Kompetenzzentrums Ökolandbau in Lüneburg wie pragmatisch der Umgang in der Praxis mit dem Verbot ist: „es wurde schnell noch mal mit Neonicotinoiden gebeizte Rapssaat vor dem Inkrafttreten des Verbots ausgesät. Danach kommt in der Fruchtfolge Weizen, dann Gerste und danach sollte das zweijährige Verbot überstanden sein.“ Alle anderen greifen wieder vermehrt zu Pyrethroiden, einer Gruppe von Nervengiften, die gegen insektizide Schadorganismen wie den Rapsglanzkäfer gespritzt werden. „ein zweischneidiges Schwert“, sagt Berater Linneweber. Im Bereich der Insektizide haben die beiden Berater die größten Sorgen, dass irgendwann nicht mehr viel geht, auch weil Auflagen kommen könnten, die am Ziel vorbeischießen. „Wenn ich aus Bienenschutzgründen nicht tagsüber bei geöffneten Blüten spritzen darf, erwische ich aber auch weniger Rapsglanzkäfer, also brauche ich wieder mehr Mittel, häufigere Anwendungen“, schildert Moldenhauer das Dilemma.

 

Schwarze Zahlen

„Jedes Pflanzenschutzmittel was nicht angewendet wird, ist das Beste für Bienen, Umwelt und Menschen“, sagte Thomas Dosch, Abteilungsleiter im niederländischen Agrarministerium auf der Veranstaltung in Lüneburg, und redet damit einer stärkeren Anwendung des Vorsorgeprinzips das Wort. Genau das ist der Industrie aber ein Dorn im Auge, der sich unter Umständen mit dem Freihandelsabkommen TTIP ziehen lassen könnte. „In den USA gibt es kein Vorsorgeprinzip, da wird im Schadensfall hinterher geklagt“, so Susanne Schmolka, „und es besteht die Gefahr, dass die EU das aus Gründen der Harmonie im TTIP-Prozess opfert.“ Auch Walter Haefeker befürchtet über „TTIP, die demokratiefreie Lösung zum Missbrauch des Vorsorgeprinzips.“ Viele Wirkstoffe seien der Treibstoff, mit der eine bestimmte Art von Landwirtschaft erst möglich gemacht werde, so Haefeker. Laut einer PAN-Untersuchung nehmen Intensität und räumliche Ausbreitung von Pestiziden in Europa zu. Dazu passt die Bilanzpressemitteilung des IVA für das vergangene Jahr: „Im dritten Jahr in Folge konnten Hersteller und Anbieter von Pflanzenschutzmitteln ihre Umsätze steigern. Der Nettoinlandsumsatz im Direktgeschäft zwischen Industrie und Großhandel lag 2013 bei etwas über 1,5 Milliarden Euro, das sind 7,5 Prozent mehr als im Vorjahr.“ Und doch hält das die IVA nicht davon ab, ein paar Sätze weiter zu schreiben: „Die Branche steht den politischen Entwicklungen in Brüssel und Berlin und der zunehmenden Verbraucherunzufriedenheit ratlos bis verzweifelt gegenüber.“ Es scheint wie: Superhelden in Not.