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12.02.2013
unabhängige Bauernstimme, cs

Tat oder Wahrheit?

Vom Umgang der Gesellschaft mit der Landwirtschaft und andersrum

Immer wieder hatten die verschiedenen Sprecher aus den Reihen der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) auf ihrer diesjährigen Wintertagung in Berlin das Bedürfnis, erklärend darzustellen, warum man sich dieses Jahr mit dem weichen Thema „Landwirtschaft im Konflikt mit der Gesellschaft“ beschäftige und nicht, wie sonst üblich, mit Wachstumsperspektiven und Marktanalysen. „Wir nehmen eine wachsende kritische Stimmung der Gesellschaft gegenüber der Landwirtschaft wahr“, konstatierte DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer in seiner Eröffnungspressekonferenz. Eine Gruppe, wie groß sie auch immer sei, rufe nun schon zum dritten Mal unter dem Motto „Wir haben es satt“ (angesichts der Hungernden der Welt habe dieses Motto eine ethische Dimension, die er aber nicht berühren wolle) zur Demonstration, auch weil eine zunehmend größere Zahl von Menschen das idyllische Bild von Landwirtschaft, dass sie im Kopf haben, nicht mehr wiederfänden. Bartmer demonstriert Zerknirschtheit: „Wir haben die Deutungshoheit an NGOs verloren“, die nicht immer nur gut meinend, altruistisch handelten. Der Ausweg ist, aktiv zu werden, die Bringschuld einzulösen, dem Verbraucher ein reales Bild moderner Landwirtschaft zu zeigen und den positiv besetzten Begriff der Nachhaltigkeit über ein bereits vorhandenes Zertifizierungssystem der DLG zu füllen. Das mache auch mehr Sinn aus seiner Sicht, als ein Instrument wie das „Greening“ in der Europäischen Agrarpolitik, was eine lokale Musterwelt jenseits der gesamtweltlichen Realitäten schaffe als „kleine Nachhaltigkeitsstrategie, um den europäischen Steuerzahler zu beglücken.“ Angesichts der Hungernden der Welt, angesichts der Tatsache, dass wir hier in Mitteleuropa auf einem der fruchtbarsten Flecken Erde wirtschaften, dürfe man nicht aus politischen Gründen Extensivierung via ökologischer Vorrangflächeninstrumentarik betreiben.

 

Kommunikationsprobleme

Wir müssen nur anders auftreten, dann entlarven wir den Bürgerinitiativen-Wutbürger als ahnungslosen Hysteriker. Diese Marschroute gab der als Referent auf der DLG-Wintertagung auftretende Berater Dirk Hesse aus. Zwar wollte er die Menschen da abholen wo sie stünden und ihnen die Realität zeigen, aber gleichzeitig diskreditierte er sie. Am schärfsten watschte er Nestbeschmutzer, häufig sei es Neid und das Unvermögen es selber hinzukriegen, dass Bauern zu Gegnern der Massentierhaltung in der Nachbarschaft werden ließe. Den Menschen die Realität auf den Höfen zu zeigen, dafür warb der McDonalds Unternehmenskommunikator Martin Nowicki, dem man glauben mochte, dass die Restaurantkette schon lange Erfahrung mit gesellschaftlichen Vorbehalten hat. Der Philosoph Christian Dürnberger machte aber deutlich, dass dem Verbraucher die moderne Realität nicht ausreiche, da seine Sehnsucht nach Romantik, die Landleben und Landwirtschaft historisch immer schon bedienen musste, dadurch nicht befriedigt werde. Und auch Medienvertreter Kersten Schüßler erklärte, dass selbst wenn der Landwirt in seinem Beitrag so dargestellt werde, wie er sei und wie er produziere, das nicht zwangsläufig positiv beim Fernsehgucker ankomme. Er beklagte eine immer stärker abnehmende Offenheit bei Ernährungsindustrie und Politik, so dass als Bauernopfer oft die Bauern auch das wachsende Misstrauen der Medien zu spüren bekämen.

 

Modernes Unbehagen

Einer, der raus wollte aus der Rolle des reagierenden Opfers, ist der schleswig-holsteinische Bauernverbandspräsident Werner Schwarz, als er ein paar Tage zuvor eine Webcam in seinem Abferkelstall installierte. Die klinische Reinheit in seinem modernen Zuchtsauenbetrieb lässt in den Augen des Bauernverbands, auch in DLG-Kreisen, kaum Wünsche offen. „Königsklasse der Schweinehalter“ sagt ein Kenner. Umso erstaunter reagierten alle auf den Shitstorm, der im Internet losbrach, als die Stallcambilder Facebook erreichten. Offensichtlich wird, dass sich hier in der Masse nicht extremistische Tierschützer ereifern, sondern Otto Normalverbraucher seine Ablehnung artikuliert. Dem Verbandsorgan des schleswig-holsteinischen Bauernverbandes bleibt nur zu konstatieren: „Werden sie mit der modernen Sauenhaltung konfrontiert, dann verursacht das auch bei wohlgesinnten Mitbürgern zunächst einmal Unbehagen.“ Apropos Unbehagen: der aid-infodienst zitiert den nicht gerade als Wachstumskritiker bekannten Professor Folkhard Isermeyer mit der Aussage: “Das ständige Wachstum der Betriebsgrößen und der Milchleistungen könne sich aber negativ auf das gesellschaftliche Image der Milchviehhaltung auswirken.” Zuvor hatte Isermeyer kleinstrukturierten Milcherzeugungsregionen eine höhere Effizienz attestiert.

 

Was ist modern?

Die Frage nach der Beschaffenheit von Modernität drängt sich auf. Schweinebäuerin und Erfinderin einer mobilen Schweine - Schaubucht Kathrin Seeger sagte im Magazin dlz: „Wenn wir Schweine auf öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen sehen, wo dem Verbraucher moderne Tierhaltung nahe gebracht werden soll, sehen wir oft Läufer auf Stroh. Was bitte schön ist daran modern?“  In die gleiche Richtung zielt der Bauernverband, wenn er in einer Pressemitteilung lobpreist, dass sich die meisten Schweine bei uns auf „hygienisch vorteilhafteren Spaltenböden tummeln und nicht mehr wie früher auf eigenem Mist stehen müssten.“ Der Vorsitzende der niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGW), Wilhelm Hoffrogge warnte seinerseits medial: Eine rückwärts gerichtete Politik zu Tierhaltungsformen längst vergangener Zeiten sei „nostalgischer Unfug“ und werde zwangsläufig zur Verlagerung der Produktion in andere Länder Europas beziehungsweise Drittstaaten führen. DLG-Funktionär und Ackerbauer Hubertus Paetow bezeichnete in Berlin die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz nicht nur als überlebenswichtig für die Tierhaltung und forderte ein Nachdenken über individuelle Veränderungen ein. Auch das Thema Glyphosat beschäftige den Verbraucher. Da solle doch jeder Berufskollege angesichts eines momentan entspannten Marktumfeldes, das nicht mehr das letzte Drehen jeder ökonomischen Stellschraube erfordere, für sich überlegen, ob er nicht die zwei bis drei Euro mehr für eine Bodenbearbeitungsmaßnahme ausgeben wolle, um seinem Umfeld den monatelangen Anblick einer orangeroten Ackerfläche zu ersparen. Auch der Abteilungsleiter im BMELV Werner Kloos (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Staatsekretär) sagte, die Frage sei angesichts immenser Nitratüberschüsse und zu viel Antibiotika in der Tierhaltung nicht, ob sich etwas ändern müsse, sondern was sich ändern müsse. Niedersachsens Noch-Landwirtschaftsminister Gerd Lindemann (CDU) hatte gleich im neuen Jahr in der FAZ kritisiert, dass es immer noch Verbandsvertreter gebe, die glauben würden, sie hätten nur ein Kommunikationsproblem. Gleichzeitig negierte er eine Massenbewegung für eine bäuerliche Landwirtschaft, in dem er auf die Demo in Hannover verwies, bei der mit 2000 Menschen nicht mehr als bei einem Drittliga Fussballspiel gekommen seien. Benny Härlin, einer derer, die mitten drin sind der Bewegung, schreibt im kritischen Agrarbericht: „Was da zusammenwächst, wäre vor ein paar Jahren vielleicht selbst noch nicht auf die Idee gekommen zusammen zu gehören. Es herrscht Aufbruchstimmung rund ums Essen und die Landwirtschaft.“  Felix Prinz zu Löwenstein, Präsident des Bundesverbandes ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), sagte auf der Pressekonferenz anlässlich der Grünen Woche in Berlin, man demonstriere in einem gesellschaftlichen Bündnis für einen neuen zukunftsfähigen Weg von Landwirtschaft, es gehe hier nicht nur „um die Anliegen von ein paar Umweltverbänden.“ Deshalb brauche es Preise für konventionelle Schnitzel, die die Folgekosten beinhalten, die allen Menschen weltweit durch eine Verdrängung der  bäuerlichen Landwirtschaft durch Agrarindustrie aufgebürdet würden.