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12.02.2013
unabhängige Bauernstimme, cw

Handfestes für Milchpreisverhandlungen

Neue Studie liefert Erzeugungskosten als Verhandlungsgrundlage

Was kostet die Milch? Auf diese Frage gibt es ganz frisch konkrete, aktualisierbare und regional vergleichbare Zahlen als Antwort: Für Oktober 2012 ermittelte ein Team von Wissenschaftlern für im Süden Deutschlands wirtschaftende Milchviehbetriebe Erzeugungskosten von 51,03 Cent pro kg Milch - für den Norden 43,06 Cent und für den Osten 45,07 Cent. Demgegenüber steht für die gleiche Zeit ein durchschnittlicher Milchauszahlungspreis der Molkereien von 32 Cent. Dieses nun mit Beträgen unterfütterte Wissen um das Ungleichgewicht zwischen Erzeugungskosten und Auszahlungspreisen ist für Peter Guhl, Vorsitzender der Milcherzeugergemeinschaft (MEG) Milch Board, ein aktiv nutzbares Handwerkszeug: Alle regionalen MEGs könnten diese Zahlen ab sofort in Verhandlungen mit den Molkereien ins Feld führen. Um die Entwicklung der Kosten über längere Zeiträume im Blick zu behalten und sichtbar zu machen, ist zudem ein vierteljährlich aktualisierter Milch-Marker-Index in Vorbereitung.

 

Repräsentativ und regional

EU-weit soll es nutzbar sein das neue Verfahren zur Berechnung und Hochrechnung der aktuellen Milcherzeugungskosten, welches Dr. Karin Jürgens vom Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaft (BAL) gemeinsam mit Prof. Onno Poppinga und Michael Wohlgemuth zunächst für Deutschland entwickelte. Darin sind die Zahlen sowohl regional nach Bundesländern als auch für unterschiedlichen Betriebsgrößen aufgeschlüsselt. Die kalkulatorischen Kosten werden gesondert ausgewiesen. Außerdem ist ein Einkommensansatz für  Familienarbeitskräfte enthalten und die staatlichen Beihilfen werden als Einnahmen verbucht. Berücksichtigt wurden so mit den ersten drei Punkten insbesondere Anregungen des Bundeskartellamtes aus dessen Stellungnahme im Verwaltungsverfahren zur Milchmengenbündelung. Als Datengrundlage dienen Zahlen und Informationen der EU aus dem Informationsnetz landwirtschaftlicher Buchführungsbetriebe INLB.  Die EU Kommission verschafft sich so einen Überblick über die Einkommensverhältnisse der landwirtschaftlichen Betriebe. Alle EU- Staaten stellen dafür jährlich einheitlich zusammengestellte Daten zur Verfügung; Deutschland speist beispielsweise die Buchführungsergebnisse des Testbetriebsnetzes des Bundeslandwirtschaftsministeriums BMELV ein. „Diese Daten sind durch die Erfassung eines sehr hohen Anteils von Betrieben stark repräsentativ, stehen für die einzelnen Bundesländer zur Verfügung und können so die realen, regionalen Verhältnisse auf den Höfen abbilden“ hebt Jürgens für die Wissenschaftler entscheidende Ansprüche an die Berechnungsgrundlage hervor.

 

Nah an der Realität

Beim Einkommensansatz für selbständige Betriebsleiter und Familienarbeitskräfte war dem wissenschaftlichen Team um Jürgens ebenfalls an möglichst realistischen Zahlen gelegen. Als Basis für ihren eigenständigen Ansatz ziehen sie Tariflöhne des Landes Sachsen für den Sektor Landwirtschaft heran: Für selbständige Leiter eines Familienbetriebes wird die Lohngruppe für angestellte Betriebsleiter angerechnet (entspricht 22 Euro pro Stunde) und für Familienarbeitskräfte die Lohngruppe für Angestellte mit einem Jahr Berufstätigkeit (entsprechend 16 Euro pro Stunde). Hinzugerechnet wird der Arbeitnehmeranteil für die Sozialversicherungen und ein im Tarifwesen üblicher Aufschlag für westdeutsche Regionen. Alle methodischen Anpassungen des im wesentlichen verwendeten EU Berechnungsverfahren haben die AutorInnen in ihrer Studie ausführlich beschrieben und begründet. Im Bezug auf den Umgang mit den staatlichen Beihilfen merkt Poppinga an: „Im EU Verfahren werden die Beihilfen direkt von den Kosten abgezogen – wir haben sie als Einnahmen ausgewiesen. Daran wird aber einmal mehr deutlich, dass es auf politischer Ebene mit diesem Geld vorrangig darum geht, die Produktionskosten für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse zu senken, um international wettbewerbsfähig zu sein. Das nenne ich Dumping.“

 

Markt gerecht gestalten

Angesichts der Marktungleichgewichte forderte Bernd Voß, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), im Rahmen der Grünen Woche in Berlin immer wieder entschieden eine „Anpassung der Marktpolitik, um die Überproduktion zu regeln und so endlich relativ einfach und noch dazu für den Staatshaushalt günstig eine wirklich marktgerechte Situation zu schaffen. Durch 10 Cent mehr pro Liter Milch könnte auf den Milchviehbetrieben ein Mehr an Wertschöpfung im ländlichen Raum von etwa 2,8 Milliarden Euro jährlich erreicht werden! Das entspricht ziemlich genau  den Finanzmitteln, die EU, Bund, Land und Kommunen über die ländlichen Entwicklungsprogramme des ELER in sieben Jahren in den ländlichen Raum investieren“. Wenn die Rede von einem gerechten Markt ist, geht es auch um gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle. Bei diesem Stichwort schweift der kritische Blick zu der in den Ergebnissen der Studie offenkundigen Kostenschere von 8 Cent zwischen den doch verschiedenen Regionen Süd, Ost und Nord. Für Romuald Schaber, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), liegt hier die Notwendigkeit, Ausgleichsmöglichkeiten zu finden: „Diese Unterschiede müssen wir gezielt auffangen.“ In der Studie wird deutlich, dass die unterschiedlichen Kosten vor allem auf unterschiedlichen Arbeitsaufwand zurückzuführen sind. Da könnte sich das kritische Augenmerk ganz grundsätzlich dahin wenden, was Arbeit erfordert – z.B. Landschafts- und Bodenpflege, Tierbetreuung – und zu kurz kommt, wenn im Wettrennen um den Weltmarkt immer mehr an der Sparschraube Arbeitseffektivität gedreht wird.