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29.11.2012
unabhängige Bauernstimme

Bäuerliche Landwirtschaft gestalten, nicht verwalten

Eine Gesprächsrunde mit jungen und altgedienten AbLern

Im Bundesvorstand der AbL steht ein Wechsel bevor. Seit 16 Jahren ist Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf AbL-Bundesvorsitzender. Ende November wählt die Mitgliederversammlung einen Nachfolger. Grund genug für die Bauernstimme, eine Standortbestimmung vorzunehmen

 

Bauernstimme: Landwirtschaft ist in unserer Gesellschaft ganz offensichtlich ein großes Thema. Bäuerliche Landwirtschaft steht dabei hoch im Kurs, die industrielle Ausprägung ist unter großem Rechtfertigungsdruck, besonders in der Tierhaltung. Hat sich die Stimmung in der Gesellschaft zur Landwirtschaft geändert?

Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf: Ich glaube nicht, dass sich in der Gesellschaft die Sicht auf bäuerliche Landwirtschaft sonderlich geändert hat. Bäuerliche Landwirtschaft war immer das Leitbild in der Gesellschaft. Sie entspricht ihrem Landschaftsbild, ihrem Bild von den Höfen, von der Arbeit, vom sorgsamen Umgang mit dem Boden, dem pfleglichen Umgang mit den Tieren und dem generationenübergreifenden Denken. Dieses Bild entspricht und diente aber auch der jahrzehntelangen ideologischen Untermauerung einer Agrarpolitik, die in Wirklichkeit auf Rationalisierung und industrialisierte Produktion ausgerichtet war, also auf die Abschaffung der bäuerlichen Wirtschaftsform. Diese Politik hat immer vorgegeben, als würde sie die bäuerliche Wirtschaftsweise Europas gegenüber dem industriellen Weltmarktgeschehen schützen. Meine These ist aber: Wenn wir die EU-Agrarpolitik der bisherigen Ausrichtung nicht gehabt hätten, gäbe es heute mehr bäuerliche Betriebe als jetzt.

 

Bauernstimme: Noch immer verlieren wir allein in Deutschland jeden Tag 75 landwirtschaftliche Betriebe, fast 30.000 im Jahr.

Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf: Ja eben. Die Agrarpolitik hat aber immer so getan, als würde sie dagegen ankämpfen, dabei hat sie den Strukturwandel gezielt befördert. Sie musste aber vorgeben, die bäuerliche Landwirtschaft zu erhalten, um damit gegenüber der Bevölkerung und den Steuerzahlern die Inanspruchnahme erheblicher finanzieller Mittel scheinbar zu rechtfertigen – das muss ja alles auch stimmungsmäßig abgesichert sein. Diese Inanspruchnahme durch die Politik und den Bauernverband kommt nun in den letzten Jahren zunehmend in die Diskussion, weil die Gesellschaft sagt: Moment mal, was hat das denn alles mit bäuerlicher Landwirtschaft zu tun: Massentierhaltung, industrielle Produktion, Gentechnik, Maismonokulturen. Dass das in die Diskussion kam, war und ist Aufgabe und Leistung der AbL in all den Jahren. Wir haben versucht, diese Ideologie zu durchbrechen, nicht ohne Erfolg. Und indem wir uns vom Bauernverband abgetrennt haben, ist auch deutlich geworden, dass der Bauernverband dem Trend der Rationalisierung, Industrialisierung und dem sogenannten Strukturwandel nicht nur folgt, sondern dass er das immer aktiver übernahm und betreibt. Er nimmt die Interessenslagen des Kapitals: Banken, Chemie-Industrie, Investitionsgüter-Industrie, Milch- und Schlachtindustrie, die Milliarden an der Zerstörung der historisch gewachsenen bäuerlichen Landwirtschaft verdienen. Das alles ist für die andere Seite gesellschaftlich ziemlich in die Krise gekommen. Daran hat die AbL ihren Anteil.

 

Günter Völker: Das Bild der bäuerlichen Landwirtschaft hat sich in der gesellschaftlichen Betrachtung nicht besonders geändert, aber die Bewertungen driften sehr viel stärker ausein­ander als früher. Die bäuerliche Landwirtschaft wird stärker auch eine Art Projektionsfläche für gesellschaftliche Phantasien und Erwartungen – ein Sehnsuchtsland, in dem die „Landlust“ viele Leser findet. Auf der anderen Seite geht die Entwicklung sehr viel extremer in Richtung Agrarindustrie. Daran war nicht nur die Europäische Agrarpolitik beteiligt, es sind auch durch den Fall der Mauer andere Bilder und Realitäten entstanden, wie Landwirtschaft sich gestaltet. Die Unterschiede innerhalb der Landwirtschaft sind sehr viel extremer geworden und damit auch die gesellschaftlichen Bewertungen energischer oder polarisierender. Das erleichtert die Diskussion nicht unbedingt. Die AbL muss da schon Positionen suchen, die das eine – die Phantasiegebilde bäuerlicher Landwirtschaft – nicht übertreiben, und auf der anderen Seite das Wachstum in Größenordnungen, die sich jetzt abzeichnen, verhindern.

 

Bauernstimme: Wie wird dieses Spannungsfeld in der jungen AbL wahrgenommen?

Christine Weißenberg: Für die Einzelnen hängt das sicherlich von der jeweiligen Situation ab. Aber insgesamt nehmen wir schon wahr, dass von weiten Teilen der Gesellschaft der bäuerlichen Landwirtschaft mehr zugetraut wird als einer industrialisierten. Das gilt für den Umgang mit den Tieren, für den Erhalt der Böden, für eine Eiweißversorgung mit heimischem Leguminosenanbau, für ein Wirtschaften in regionalen Zusammenhängen und auch international für ein Wirtschaften und Handeln, das die Chancen und Existenzgrundlagen der ländlichen Bevölkerung auch in Entwicklungsländern nicht einschränkt, sondern achtet. Ich glaube, dass dieses Mehr an Zutrauen in die bäuerliche Landwirtschaft für viele von uns sehr wichtig ist, sowohl für die Entscheidung, eine berufliche Perspektive in der Landwirtschaft zu suchen, als auch dafür, sich in der jungen AbL politisch zu engagieren.

 

Bauernstimme: Bei vielen, auch bäuerlich strukturierten Betrieben kommen die gesellschaftlich diskutierten neuen Anforderungen bisher nicht als Rückendeckung an, sondern werden eher als Bedrohung empfunden. Wenn z.B. beim Schwein der Ringelschwanz dran bleiben muss, wird das Stallumbauten oder Neubauten brauchen. Das rechnet sich für die größeren Einheiten wieder eher als für die kleineren.

Völker: Es ist sicherlich so, dass sich die kleineren Betriebe von solchen Anforderungen eher angegriffen fühlen als vielleicht die Großen. Es sind ja viele der heute Kleineren in diese bestehenden Haltungsformen hineingewachsen, indem sie in einem Generationenwechsel investiert haben, nachdem sie soviel gespart hatten, dass sie vielleicht mit 50 Prozent Eigenkapital bauen konnten. Und sie haben mit viel Eigenleistung gebaut. Da wird nun auch ein Stück Lebensleistung in Frage gestellt. Das macht es natürlich nicht einfach. Während in der wirklich großen Agrarindustrie Ställe mit nur 10 Prozent Eigenkapital gebaut werden und man sich da fast sagt: Was macht’s schon, wenn andere Ställe gefragt sind, bauen wir eben die mit 10 Prozent Eigenkapital.

 

Graefe zu Baringdorf: Bisher war es so, dass mit jedem Rationalisierungsvorsprung ein Rationalisierungsgewinn verbunden war. Der wurde den Betrieben zwar von der nachgelagerten Stufe durch Preissenkungen genommen, sobald der Rationalisierungsstand von einem bedeutenden Anteil der Erzeugung erreicht wurde. Aber erstmal gab es diesen Rationalisierungsgewinn, der durch nichts geschmälert war, weil das Produkt nach der Kostensenkung und mit der neuen Technik als genauso gut galt wie vorher. Da hatte die bäuerliche Landwirtschaft keine Chance. Das entsprach auch lange dem Zeitgeist und der philosophischen Illusion, dass alles, was Technik hervorbringen kann, grundsätzlich gut ist und angewendet werden sollte. Diese Sicht, auch der philosophische Unterbau, ist nun in die Krise gekommen.

In der Landwirtschaft heißt das: Die mit der zunehmenden Rationalisierung eintretende industrielle Produktion wird in ihren Auswirkungen gesellschaftlich mehr und mehr hinterfragt. Ob der Ringelschwanz dran bleibt, ist für die Verbraucherinnen und Verbraucher zu einem Symbol geworden. Die Ställe, die bisher einen vollen Rationalisierungsgewinn brachten, funktionieren aber nur ohne Ringelschwanz. Bei einer 40.000er Hähnchenanlage steht es nicht im Belieben der Betreiber, ob sie Antibiotika einsetzen oder nicht; sie müssen es tun, wenn sie den Bestand wirtschaftlich fahren wollen. Der Rationalisierungsgewinn, den die 40.000er Anlagen ja gerade bringen soll, ist weg, wenn mindestens der prophylaktische Einsatz von Antibiotika nicht mehr möglich ist oder der Einsatz auf die Einzeltierbehandlung beschränkt wird. Die zunehmend gesellschaftlich gestellten qualitativen Anforderungen an die Erzeugung schränken die Kostenvorteile der Rationalisierung ein. Damit wird die Struktur zu einer Frage der Qualität und umgekehrt.

 

Völker: Man soll die Innovationsfähigkeit der agrarindustriellen Landwirtschaft nicht unterschätzen. Bei der Kastration von Ferkeln, die auch ein zentraler Punkt in der öffentlichen Diskussion war, ist in der Landwirtschaft allseits die Erkenntnis gereift, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt Kastration ausgeschlossen wird. Damit kann die Landwirtschaft völlig problemlos umgehen. Einmal macht es ihr nichts aus, Eber zu mästen, und zweitens haben die Zuchtunternehmen festgestellt, dass es Eber gibt, die nur halb so stark riechen. Ein niedriger Ebergeruch wird also ein Zuchtmerkmal werden.

Eine ganz andere Konstellation ergibt sich, wenn die Schwänze nicht mehr kupiert werden. Das braucht sicherlich neue Haltungsformen. Ob das aber nur in kleineren Beständen mit Stroheinstreu eingelöst werden kann oder auch in Großbeständen, das ist noch eine offene Frage. Auch hier sucht man nach Wegen, wie man den Ferkelschwanz dran lassen kann, ohne an den Strukturen etwas zu ändern – das ist erklärtes Ziel der Politik und sicherlich auch der nachgelagerten Industrie.

Es ist also noch nicht ausgemacht, ob die Qualitätsfrage unbedingt auf bäuerliche Strukturen hinausläuft. Die Vorstellung der AbL von bäuerlicher Landwirtschaft war zwar immer schon stark auch auf die Qualität der Erzeugung bezogen, aber eben nicht nur. Für die AbL hat sich bäuerliche Landwirtschaft auch immer direkt in einer Strukturfrage ausgedrückt. Es ist schon Aufgabe der AbL, diese Strukturfrage heute auch in der Tierschutzdebatte aktiv einzubringen.

Graefe zu Baringdorf: Nichts kommt automatisch, die Arbeit der AbL bleibt notwendig. Natürlich könnte man sagen, der Kapitalismus ist unbegrenzt lernfähig, so dass auch die Sekundär-Qualitäten wie Tier- und Umweltschutz möglicherweise mit einbezogen werden. Es bleibt aber, dass damit der Rationalisierungsgewinn geschmälert wird und damit der Abstand zum Kostenniveau der bäuerlichen Betriebe. Wenn die bäuerlichen Betriebe sich dann noch für die Qualitäten der kleineren Einheiten höherpreisige Märkte schaffen, wie das viele unserer Betriebe schon gemacht haben mit regionalen Märkten, mit dem NEULAND-Programm, auch mit biologischer Wirtschaftsweise, dann wird der Unterschied und der Rationalisierungsdruck, der zum Zerstören von bäuerlichen Einheiten führt, noch weiter gemindert.

Übrigens geht das Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes darauf bisher nicht ein. Deshalb drängen wir – auch in unseren Gesprächen mit Verarbeitern – darauf, dass der Mehraufwand der Betriebe für mehr Tierschutz auch am Markt durch höhere Preise ausgeglichen werden muss, damit der Tierschutz eben nicht zu einer Bedrohung für die Betriebe wird, sondern als Leistung der Bauern honoriert wird.

Ich stimme Günter zu, der Tierschutz legt die Industrialisierung nicht automatisch lahm. Wir müssen das schon mit gestalten. Daran wird aber auch deutlich, dass der Ansatz, bäuerliche Landwirtschaft nur zu erhalten oder zu verteidigen, nicht mehr ausreicht. Es ist unsere Aufgabe, sie aktiv zu gestalten. Dabei können wir uns ohnehin nicht nur auf Tierschutz konzentrieren. Bäuerlich bedeutet weit mehr: Das ist Eigentum, das ist die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, das ist die Erhaltung der Umwelt insgesamt, das ist die Struktur der Landschaft und das ist nicht zuletzt die Qualität und Kultur der Arbeit.

 

Henrik Maaß: Für uns in der jungen AbL besteht dieses Gestalten auch darin, dass wir intensiv über die Perspektiven für bäuerliche Landwirtschaft und für bäuerliche Betriebe losgelöst vom Wachstumszwang diskutieren. Dabei versuchen wir ganz bewusst, die verschiedenen Blickwinkel offen anzusprechen und einzubeziehen, also die Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher, der Umwelt, der Entwicklungspolitik, und das mit der Realität auf den Höfen zusammenzubringen. Das macht für uns auch gerade einen besonderen Wert der AbL aus, dass dieser offene Austausch möglich ist und auch geführt wird. Zum anderen gehören zum Gestalten für mich auch die Aktionen und Veranstaltungen, die wir organisieren und durchführen. Diese Arbeit zieht immer wieder neue Interessierte an, die ihre Kritik und ihre Ideen kreativ zum Ausdruck bringen wollen. Und zudem macht es auch noch Spaß und gibt die Möglichkeit, Gemeinsamkeit in den Zielen erlebbar zu machen.

 

Weißenberg: Meine Erfahrung ist auch, dass es gerade Bäuerinnen und Bauern sind, die in den Regionen vielfach der Motor für Bewegung und Netzwerke sind. Sie spielen eine sehr wichtige Rolle, auch weil sie in der agrarpolischen Diskussion Halt geben mit ihren Erfahrungen. Da hat die AbL eine besondere Bedeutung, weil sie aus meiner Sicht die einzige Organisation ist, die so einen Rahmen schaffen kann, wo Bauern und Bäuerinnen offen auch die schwierigen kritischen Themen ansprechen und Zweifel vorbringen können, ohne dass einerseits es zu einem Abblocken und Dichtmachen kommt, aber wo es andererseits auch nicht darum geht, jemanden zu verurteilen, sondern darum, die Beweggründe für bestimmte betriebliche Entwicklungen und Entscheidungen auch zu benennen und anzuerkennen. Dass dafür in der AbL eine Basis da ist, das finde ich ist das Unschlagbare an der AbL.

 

Völker: Dass die AbL den dringend notwendigen Dialog zwischen Landwirtschaft und der Gesamtgesellschaft in so besonderer Weise führen kann, liegt auch daran, dass die Werte, die die AbL in Bezug auf Landwirtschaft vermittelt, den Wertvorstellungen, die in der Öffentlichkeit vorherrschen, sehr nahe kommen. Das macht es der AbL möglich, eher den Dialog zu führen als die andere organisierte Landwirtschaft, die früher als „grüne Front“ bezeichnet wurde und deren Aufgabe es war, gesellschaftliche, aber auch politische Anforderungen in geschlossener Front abzuwehren. Die AbL ist einfach dialogfähiger. Sie muss nur aufpassen, dass in diesem Dialog auch die Interessen der Landwirtschaft vertreten werden und idealistische Strömungen nicht noch bestärkt werden. Der Bauernhof ist kein Ponyhof.