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29.11.2017
Onno Poppinga, Kasseler Institut für ländliche Entwicklung, Professor für Landnu

Milchkuhhaltung quo vadis?

Kühe auf die Weide

Ein kritischer Blick auf die Forderungen von fünf Tierschutzorganisationen

Fünf Tierschutzorganisationen haben Anfang November neun Forderungen als „Prioritäten zur Erhöhung des Tierschutzniveaus in der Milchviehhaltung" vorgelegt. Verteilt werden sie von der Albert-Schweitzer-Stiftung, die sich nach eigenen Worten „seit dem Jahr 2000 gegen die Massentierhaltung und für die Verbreitung der veganen Lebensweise" einsetzt.

Überraschen muss unbedingt, dass im Zusammenhang mit den Lebensbedingungen der Kühe zu einem höchst aktuellen Vorgang gar nichts gesagt wird: zur großen Milchpreiskrise von Sommer 2014 bis Sommer 2016. Zwar gibt es zu deren Wirkung auf die Kühe meines Wissens noch keine Untersuchung, aber jedes Gespräch mit Milchviehhaltern und Tierärzten über diese zwei Jahre zeigt überaus deutlich: Schlechte Zeiten für die Bauern sind auch schlechte Zeiten für die Kühe! Wenn das Milchgeld zum Nötigsten nicht mehr reicht, dann reicht es auch nicht mehr zum Anruf beim Tierarzt, zu dringend nötigen Reparaturen an Gebäuden und Einrichtungen. Bei Betrieben mit Angestellten kommt es über Kündigungen zu einer Reduzierung der Tierbetreuung. Krisen wie die soeben einigermaßen überwundene sind in hohem Maße tierschutzrelevant!

Länger leben durch weniger Stress

Von großer Bedeutung für die Verbesserung des Wohls der Kühe ist dagegen fraglos die Forderung der Tierschutzorganisationen „Tier-Fressplatz-Verhältnis und Tier-Liegeboxen-Verhältnis von mindestens eins zu eins". Auch hierzu gibt es m. E. keine aktuellen Untersuchungen, aber „Blicke in die Praxis" vermitteln den sicheren Eindruck, dass eine Überbelegung von 30 bis 50 Prozent Normalzustand in vielen Laufställen ist und das auf Dauer. Diese Gegebenheiten sind besonders schlecht für die Kühe, wenn es keinen Weidegang gibt – und den gibt es um so weniger, je größer die Kuhzahlen sind. Sie wirken sich besonders negativ auf Kühe unmittelbar nach dem Abkalben und auf alle rangniederen Kühe aus; Überbelegung ist für diese Kühe gleichbedeutend mit Dauerstress. Zudem können solche Verhältnisse zu einer „genetischen Drift" zugunsten aggressiver Kühe führen, weil diese sich am Fressgitter besser „durchboxen". Die Forderung nach eins zu eins würde viele Laufstallbetriebe zumindest kurzfristig „ins Mark" treffen, da dadurch die Kosten für den Stallplatz deutlich steigen würden – schon mittelfristig könnte es aber durch den geringeren Stress beim Fressen und Liegen zu einem Ausgleich kommen, weil die Nutzungsdauer der Kühe ansteigen dürfte. Ebenfalls zu einer deutlichen Steigerung der Kosten würde es kommen, wenn zusätzlich zum Eins-zu-eins-Verhältnis auch eine für das artgemäße Bewegungs- und Ruheverhalten der Kühe erforderliche Stallfläche eingefordert würde.

Wo bleibt die Ernährung?

Verblüffen muss aber, dass unter den Forderungen der Tierschutzorganisationen keine einzige ist, die eine dem Verdauungssystem der Kühe angemessene Fütterung fordert. Von Prof. Dr. Haiger, Hochschule für Bodenkultur in Wien, stammt der Spruch, dass die Kuh wegen ihrer Fähigkeit, aus Grobfutter wertvolle Lebensmittel zu machen, zu den „Weltwundern" zählt. Wie Recht er hat, zeigt sich leider an den vielen „Produktionskrankheiten der Hochleistungskuh" (Acidose, Labmagenverlagerung u. m.), wenn die Kühe nicht artgerecht und d. h. vor allem mit hohen Anteilen Kraftfutter (Getreide, Sojaschrot u. a.) gefüttert werden.

Die Verblüffung wird noch größer dadurch, dass auch keine Forderung auf den Weidegang der Kühe eingeht – nur im Zusammenhang mit „Klimareize" taucht das Wort „Weide" überhaupt in den Forderungen auf. Dabei bewegt sich hier ganz im Gegensatz zum Fressplatzverhältnis schon einiges, was Tierschutzverbände unterstützen sollten und könnten: „Weidemilch" und „Heumilch" sind in manchen Regalen der Supermärkte zu finden. Hier sind schon viele Landwirte „auf dem Weg", sie brauchen dringend Unterstützung!

Wie wohltuend die Weide für die Kühe ist, lässt sich auch über Zahlen zur Altersstruktur der „Deutschen Holsteins" belegen: Während sich in 2013 das Durchschnittsalter im Betrieb beispielsweise bei den Kühen in den ostdeutschen Bundesländern (vorwiegend Großbestände ohne Weidegang) zwischen 4,3 und 4,4 Jahren bewegt, sind es beim Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter immerhin 4,9 Jahre; Ostfriesland und die Wesermarsch gehören zu den wenigen Regionen, wo noch viele Kühe regelmäßig ihr Futter von der Weide holen. Zehn Jahre zuvor war der Unterschied mit neun Monaten noch deutlich größer – auch in Ostfriesland nimmt leider die Zahl der Kühe zu, die ganzjährig in den immer größer werdenden Stallanlagen leben.

Natürlich artgemäß

Eine alte und immer noch zentrale Grundlage für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Kühe war immer: Das Haltungssystem muss sich den Kühen anpassen und nicht – wie bisher weit verbreitet – umgekehrt! Zur Natur der Kühe gehört, dass sie Hörner haben! Die Anpassungsrichtung wird in der von den fünf Tierschutzverbänden real erhobenen Forderung „Effektive Betäubung und Schmerzausschaltung bei der Enthornung" wieder auf den Kopf gestellt. Gerade wenn die Albert-Schweitzer-Stiftung für sich die ethische Forderung nach „Ehrfurcht vor dem Leben" in Anspruch nimmt, muss man sich für hörnertragende Kühe einsetzen. Aber nicht nur bei den Hörnern vermisst man eine Aussage; es gibt auch keine Aussage gegen die Technisierung und Chemisierung der Sexualität: künstliche Besamung, „Sexing", Embryotransfer, Brunstsynchronisation durch Hormonspritzen in Großbeständen.

Radikal für bessere Lebensbedingungen?

Im Gegensatz zu den Themen Weidegang, Hörner und Sexualität sind die fünf Tierschutzorganisationen dagegen in einem Punkt radikal: „Keine Anbindehaltung (ohne Ausnahme)"! Na, da werden sich Besamer, Tierärzte und Klauenschneider aber freuen, dass sie in Zukunft die Kühe nicht mal mehr für eine Behandlung anbinden (= fixieren) dürfen. Natürlich hat die Anbindehaltung für Kühe erhebliche Nachteile, natürlich ist eine ganzjährige Anbindung nicht mehr akzeptabel. Aber eine Anbindehaltung (die historisch über den Stallbau vorgegeben ist), deren Nachteile soweit wie möglich minimiert sind (beispielsweise Standlänge und -breite an die Körpermaße der Kühe angepasst), in Kombination mit Weidegang von Frühjahr bis Herbst, mit Freigang auf einem Laufhof im Winter – ist das etwas, was „prioritär abzuschaffen" ist? Nur um vor allzu schnellen Antworten zu warnen: Die Rasse der „Hinterwälder" findet sich vor allem im Hochschwarzwald. Weil die Stallbaukosten dort extrem hoch sind, sind noch fast alle Kühe von Frühjahr bis Herbst Tag und Nacht auf den steilen Weiden, im Winter in Anbindung. Das Abgangsalter der Kühe dieser Rasse betrug nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter im Jahre 2016 8,1 Jahre; für die Deutschen Holsteins waren es dagegen 5,3 Jahre.

Wem die Verbesserung der Lebensbedingungen der Kühe ein Anliegen ist, der sollte festhalten an den Grundsätzen: „Nicht die Kuh muss dem Haltungssystem angepasst werden, sondern umgekehrt“ und „Ohne ausgiebigen Weidegang gibt es keine gute Milchviehhaltung“.