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08.11.2017
cw

Der Wert vielfältiger, kleinräumiger Agrarstrukturen

Platz für Blüten und Insekten lassen Foto: Herzog

Vorteile von Landwirtschaft in kleinen Strukturen für Artenvielfalt und Ökosystemleistungen

Eine aktuelle Studie, die auf einen massiven Rückgang von Insekten in der Landschaft hinweist, wird von zahlreichen Medien aufgegriffen und bringt das Thema Biodiversität – und was sie gefährdet oder unterstützt – in die öffentliche Aufmerksamkeit. Neu sind die Studienergebnisse des Forschungsteams um Caspar Hallmann von der niederländischen Universität Radboud indes nicht – aber eine Konkretisierung mit selten langfristiger Betrachtung. Auf Grundlage von 96 Datensätzen des Entomologischen Vereins Krefeld aus den letzten 27 Jahren wurde ein Modell entwickelt, um die jährliche Entwicklung des Insektenvorkommens abzuschätzen. Gemessen worden war in verschiedenen Naturschutzgebieten Deutschlands die totale Biomasse vorhandener Fluginsekten im Jahresverlauf. Demnach ist seit 1989 ein Rückgang der totalen Fluginsektenbiomasse um 76 Prozent zu verzeichnen – ein drastischerer Insektenschwund als bisher angenommen. Die Wissenschaftler haben außerdem verschiedene mögliche Ursachen in ihrer Auswertung geprüft, konnten jedoch weder für Veränderungen des Wetters noch der Landnutzung oder der Habitateigenschaften entscheidende Einflüsse ausmachen. Verschiedene vorangegangene Studien weisen jedoch auf den bedeutenden Einfluss einer sich verändernden Bewirtschaftung durch zunehmende Intensivierung, einhergehend mit dem Verlust von vielfältigen kleinräumigen Strukturen, hin.

Miteinander vernetzt

Den Stand der Dinge zur Entwicklung der Biodiversität hatte u. a. das Bundesamt für Naturschutz (BfN) in seinem Agrar-Report 2017 umfassend zusammengestellt. Auch hier wird ein massiver Insektenschwund benannt. Als unmittelbar parallele Entwicklung wird neben abnehmenden Populationsdichten von Ackerwildkräutern insbesondere die Situation der Vögel angesprochen. Hier gingen vor allem solche Arten zurück, die bei der Brutaufzucht auf das Nahrungsangebot von Insekten und Spinnen angewiesen sind. Bei Offenlandarten ist langfristig der größte Bestandsrückgang zu verzeichnen – besonders bei auf Grünland spezialisierten Arten und insgesamt vor allem bei Bodenbrütern. Deutlich wird die besondere Stellung der Insekten als Nahrungsgrundlage, als zentraler Bestandteil der Nahrungsketten. Hinzu kommen entscheidende Auswirkungen auf Wild- und Nutzpflanzenarten. Letztere, als menschliche Nahrungsgrundlage, sind zu rund 80 Prozent auf Bestäubung durch Insekten angewiesen.

Strukturverarmung als eine Ursache

Die Bedeutung von Insekten wurde von der Bundesregierung auf Anfrage von Abgeordneten der Grünen-Bundestagsfraktion im Sommer 2017 als hoch eingestuft, weil sie eine wichtige Stellung für Stoff- und Energieflüsse in Ökosystemen einnähmen sowie an verschiedensten Ökosystemdienstleistungen beteiligt seien. Für die Landwirtschaft seien insbesondere die Beiträge zur Humusbildung und Bodenfruchtbarkeit und die Bestäubungsleistung in Wert zu setzen. Im Zusammenspiel könnten einige Insekten die schädigenden Einflüsse anderer regulieren und so den Einsatz und die Kosten für Insektizide senken. Die Ursache für den Insektenschwund sei auf einen vielfältigen „Komplex unterschiedlicher Faktoren“, entsprechend den Darstellungen des BfN-Agrar-Reports, zurückzuführen: „Danach wirkt sich die Intensivierung der Landwirtschaft auf die Vielfalt der Insekten aus, da sie zu einer Strukturverarmung der Landschaft sowie zu einem Rückgang des Blütenangebots für Bestäuber führt, so dass viele Insekten ihre Nahrungsgrundlagen und Habitate verlieren. Das Nährstoffüberangebot, die Einengung der Feldfruchtwahl, die Homogenisierung und Vergrößerung der Schläge und der damit verbundene Rückgang von Randstrukturen und Blühstreifen sowie die gestiegene Anwendung von Pflanzenschutzmitteln werden als wesentliche Einflussfaktoren genannt.“ Bemerkenswert ist außerdem, dass der Artenschwund zwar in Offenland- und Agrarlandschaften besonders stark voranschreitet, der Rückgang jedoch auch in ausgewiesenen Naturschutzgebieten stattfindet, wie Hartmann und Kollegen feststellten. Letztlich blieben Schutzgebiete immer Bestandteil der Gesamtlandschaft, so dass sich allgemeine Veränderungen dort ebenfalls auswirkten. Deshalb und weil insbesondere in Agrarlandschaften die Ziele der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt verfehlt werden, stufte es das BfN in seinem Report als unbedingt notwendig ein, zukünftige Entwicklungen am Ziel einer naturverträglichen, standortangepassten Landwirtschaft auszurichten.

Kleinstrukturiert ist Öko ebenbürtig

Einen wichtigen Zusammenhang hat dazu eine Göttinger Forschergruppe um Dr. Péter Batáry festgehalten und im Sommer 2017 veröffentlicht: Zur Förderung der Biodiversität in Form von Pflanzen- und Gliedertiervorkommen seien die Leistungen einer klein strukturierten Landwirtschaft gleichwertig bis höher zu bewerten als die Umstellung auf ökologische Wirtschaftsweise. Der Wert liege in der Vielzahl an Randstrukturen, die als Übergänge die größte Artenvielfalt beherbergten. Zu Vergleichen zogen die Wissenschaftler die historisch unterschiedlich geprägte Landwirtschaftsstruktur von West- und Ostdeutschland heran, jeweils ergänzt um die Unterschiede zwischen ökologischer und konventioneller Bewirtschaftung der Flächen. So wiesen die ökologischen Flächen jeweils im Vergleich zu konventionellen in räumlicher Nähe mit gleichen Strukturen eine höhere Biodiversität auf. Die klein strukturierten konventionellen Flächen waren jedoch der ökologisch großflächigen Landbewirtschaftung im Bezug auf die Artenvielfalt überlegen. Eine gleichzeitig durchgeführte ökonomische Auswertung zeigte deutlich, dass sich der Wert kleiner, bäuerlich konventioneller Strukturen wirtschaftlich für die Betriebe nicht widerspiegelt: Die Großstrukturen im Osten, mit geringeren variablen Kosten, verzeichneten einen durchschnittlich um 50 bis 60 Prozent höheren Gewinn pro Hektar als die kleineren Strukturen im Westen. Die ökologischen Betriebe erreichten insbesondere durch ihre besseren Vermarktungsperspektiven durchschnittlich um 100 Prozent höhere Gewinne pro Hektar als die konventionellen Betriebe – wozu die staatliche Förderung der ökologischen Wirtschaftsweise nur zu einem kleinen Anteil beiträgt. Eine zukünftige Ausrichtung der EU-Förderpolitik an der Unterstützung und Umgestaltung von Agrarlandschaften hin zu kleinen Flächen und vielen Feldkanten könne eine ökonomisch machbare Möglichkeit darstellen, um die Biodiversität der Agrarflächen zu verbessern, so die Forscher: ein wissenschaftliches Plädoyer zur Berücksichtigung des Wertes einer Vielzahl bäuerlicher Betriebe mit kleinen und mittleren Strukturen.

Dateien:
NEE_2017.pdf2,21 Mi
BfN-Agrar-Report_2017_3_.pdf3,41 Mi