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08.11.2017

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08.11.2017
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Sie kommt – die Frage ist nur, wann

Die Afrikanische Schweinepest bedroht einen ganzen Sektor.

Die afrikanische Schweinepest kommt immer näher und bedroht einen stark auf Exporte ausgerichteten Markt

Bei vielen Schweinehaltern herrscht Hilf- und Ratlosigkeit, wenn man das Thema Afrikanische Schweinepest (ASP) anschneidet. „Was wird passieren?“, fragt sich auch Günther Völker, Schweinehalter aus Rheda. „Sie wird kommen, aber keiner weiß, wann“, ist nicht nur seine Einschätzung. Bedrohlich ist nicht nur die Möglichkeit, dass der eigene Betrieb direkt betroffen sein könnte. Das Bedrohliche ist, dass binnen weniger Stunden nach Bekanntwerden eines Ausbruchs der deutsche Schweinemarkt zusammenbrechen dürfte. Vor allem der hohe Anteil an Exporten, bei denen davon auszugehen ist, dass sie im Falle eines Schweinepestausbruchs von den Empfängerländern unmittelbar gestoppt würden, macht die Schweinebranche so empfindlich. Laut Bundesregierung lag der Selbstversorgungsgrad bei Schweinefleisch im Jahr 2016 bei 121 Prozent. Bedenkt man, dass es zudem noch Schweinefleischimporte gibt, müssen 20 bis 30 Prozent der Produktion exportiert werden.

Einschleppungsrisiko „hoch“

„Das Risiko des Eintrags von ASP nach Deutschland durch illegale Verbringung und Entsorgung von kontaminiertem Material wird als hoch eingeschätzt. Das Risiko des Eintrags durch kontaminiertes Schweinefleisch oder daraus hergestellte Erzeugnisse entlang des Fernstraßennetzes durch Fahrzeuge oder Personen wird im Sinne eines Worst-Case-Scenarios als hoch bewertet“, so das Friedrich-Löffler-Institut (FLI). Auf Karten des FLI kann man sich tagesaktuell die neuesten Funde der ASP anschauen. Mit 300 km Entfernung Deutschland am nächsten ist der Fund in Tschechien Anfang Juni. Das besondere an diesem Fund ist die scheinbar sprunghafte Ausbreitung um ca. 400 km nach Westen. Bisher konnte nicht geklärt werden, ob der Erreger auf „natürlichem“ Weg, von Wildschwein zu Wildschwein, nach Westen transportiert wurde oder ob eine Verfrachtung durch Transporte von Lebensmitteln, durch verunreinigte LKW oder gar durch den Transport infizierter Schweine begünstigt wurde.

Seuchenschutz

Wenn die ASP in einem Betrieb in Deutschland oder in unmittelbarer Grenznähe (bis 10 km) festgestellt werden sollte, dann treten die Regelungen der Schweinepest-Verordnung in Kraft. In einem Radius von mindestens drei Kilometern um den betroffenen Betrieb bzw. den Fundort, wenn es sich um ein infiziertes Wildschwein handelt, richtet die zuständige Behörde einen Sperrbezirk ein. In der Folge kommt es zu einem Verbringungsverbot von Schweinen. Es werden serologische Untersuchungen bei den Schweinebeständen im Sperrgebiet durchgeführt und die aktuelle Zahl aller im Sperrgebiet gehaltenen Schweine betriebsindividuell erfasst. Weitere Maßnahmen sind unter anderem das Anbringen von Warntafeln und das Verbot der künstlichen Besamung sowie von Hausschlachtungen. Ein weiterer Radius von mindestens zehn Kilometern um den Ausbruchsort gilt als Beobachtungsgebiet. Wie auch innerhalb des Sperrgebietes gilt hier eine besondere Aufmerksamkeit für erkrankte oder verendete Tiere. Ausgeschlossen werden soll, dass diese an der ASP erkrankt sind oder waren. Für alle Tiere gilt innerhalb des Beobachtungsgebiets, dass ein Transport nur nach behördlicher Genehmigung gestattet ist.

Wildschweine als Überträger

Ebenfalls mit starken Einschränkungen müssen tierhaltende Betriebe und insbesondere Schweinehalter rechnen, wenn in ihrer Umgebung ein mit ASP infiziertes Wildschwein gefunden wird. Ergänzend zu den Vorgaben der Schweinepestverordnung empfiehlt das FLI die Einrichtung eines „gefährdeten Bezirks“ mit einem Radius von mindestens 15 km um die Fundstelle und einer bis 30 km um die Fundstelle reichenden „Pufferzone“. Ein besonderes Vorgehen empfiehlt das FLI für die Bejagung der Wildschweine. Während im „gefährdeten Bezirk“ eine 21-tägige Jagdruhe empfohlen wird, um zu verhindern, dass möglicherweise infizierte Tiere vertrieben werden, sollen in der die Kernzone umgebenden „Pufferzone“ möglichst viele Wildschweine geschossen werden: „Tötung des Großteils der Wildschweinpopulation (möglichst über 80 bis 90 Prozent), zum Beispiel durch gürtelförmige Drückjagden (Schwerpunkt Bachen und weibliche Überläufer), gezielte Kirrung, Saufänge/ Ferkelfänge und das Anlegen von Jagdschneisen“.

Drastische Reduktion

Neu sein dürfte der Versuch, die Jägerschaft intensiv mit einzubeziehen. So gibt es einen gemeinsam vom FLI und dem Deutschen Jagdverband (DJV) ausgearbeiteten Maßnahmenkatalog, der in seinen Maßnahmen noch deutlich größere Gebiete einbezieht als die oben genannten Zonen. Das Papier orientiert sich an den in Tschechien zur Anwendung gekommenen Maßnahmen. Neben einem zusätzlichen Kerngebiet von ca. 2.000 ha um die Fundstelle des infizierten Wildschweins wird eine ca. 18 km (100.000 ha) große Zone als gefährdeter Bezirk ausgewiesen. Während diese vergleichbar mit den Empfehlungen des FLI ist, ist der Radius der sich anschließenden Pufferzone mit ca. 62 km (1,2 Mio. ha) doppelt so groß.

Schießen, schießen, schießen

Die Maßnahmen innerhalb der einzelnen Bereiche sind vielfältig. Allen gleich ist das Anliegen, das Seuchengeschehen über Proben und Beobachtungen möglichst genau zu erfassen. Während in der Kernzone, die gegebenenfalls wie in Tschechien durch einen Wildzaun abgesperrt werden könnte, eine „vorübergehende Jagdruhe“ eingeführt werden soll, steht in den beiden anderen Zonen die Reduktion des Schwarzwildes, wie die Wildschweine auch genannt werden, an. Um eine weitere Ausbreitung der ASP zu verhindern, sei rechnerisch, so das FLI, eine Reduktion der Wildschweinpopulation um mindestens 70 (!) Prozent notwendig.

Realistische Ziele?

Wildschweine haben sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv vermehrt. Sie kommen offenbar bestens mit den sich verändernden Naturräumen klar. Die milderen Winter ermöglichen zwei Würfe pro Jahr. Auch die Futterversorgung ist, vor allem im Spätsommer, durch die vielen Maisfelder mehr als optimal. Wahrscheinlich ist es auch gerade ihre Nachtaktivität, die Wildschweine dafür prädestiniert, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Menschen zu leben. Auch wenn die Tiere bis in die Städte kommen, sind direkte Begegnungen noch immer die Ausnahme. Doch nicht nur für Spaziergänger sind die Schwarzkittel selten zu sehen. Auch bei Jägern gelten Wildschweine als schwer zu jagen. Sie sind vorsichtig, intelligent und extrem aufmerksam. Die je nach Revierstruktur immer mehr zunehmenden Wildschäden werden nicht selten zum zentralen Punkt bei einer anstehenden Neuverpachtung. Nicht selten werden Zahlungen für Wildschäden in ihrer Höhe gedeckelt. Weniger engagierte Jagdpächter rechnen dann Wildschäden gegen den Zeitaufwand der Sauenjagd.

Auch wenn die Empfehlungen des FLI und des DJV viele Ausnahmen zu Vorschriften des Jagdrechts vorsehen, unter anderem den Einsatz von Nachtsichtgeräten, Hubschraubern und Wärmebildkameras, Aussetzen von Schonzeiten und den Einsatz von Schalldämpfern, scheint eine Bestandsreduzierung um mehr als 70 Prozent doch sehr ambitioniert. Auch vor dem Hintergrund, dass die meisten Jagdpächter zusätzlich einer regulären Arbeit nachgehen dürften und somit schon allein die personelle Situation vollkommen ungeklärt ist. Auch der im Papier angedeutete Einsatz von „Berufsjägern“ und staatlichen Bediensteten aus den Forstämtern kann hier nicht wirklich weiterhelfen.

Unsicherheit

Aus Sicht der Schweinehalter ist es vor allem zu begrüßen, dass Maßnahmen entwickelt werden, die am besten schon im Vorfeld einen Ausbruch verhindern und im Seuchenfall die weitere Ausbreitung nach Möglichkeit unterbinden. Den Schweinehaltern bleibt derzeit nicht viel mehr als abzuwarten. „Der normale Landwirt kann das Geschehen nur verdrängen“, fasst Günther Völker seine Situation zusammen.

Afrikanische Schweinepest:

Was ist afrikanische Schweinepest (ASP)?

ASP ist eine fieberhafte, hoch ansteckende Viruserkrankung mit seuchenhaftem Verlauf bei Wild- und Hausschweinen. Sie endet in der Regel tödlich. Für den Menschen ist ASP nicht ansteckend.

Woher kommt sie?

Zum ersten Mal nachgewiesen wurde ASP 1921 in Kenia bei Warzenschweinen südlich der Sahara. Die Infektion führte bei den Tieren jedoch nicht zu einer klinischen Erkrankung. Sporadische Ausbrüche gab es in Frankreich (1974), Belgien (1985), Niederlande (1986), Spanien (1994) und Portugal (1999). Seit 1977 gibt es die afrikanische Schweinepest in Sardinien.

Der jetzige Ausbruch der ASP begann 2007 in Georgien und breitete sich über Armenien (2007), Aserbeidschan (2008) und Russland (seit 2007) nach Westen aus: in die Ukraine (2012), Weißrussland (2013) und die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen (2014). Spätestens seit 2015 ist ASP in Polen und seit 2017 in der Tschechei nachgewiesen.

Wie breitet sie sich aus?

Die Krankheit breitet sich direkt von Schwein zu Schwein aus. Aber auch eine indirekte Verbreitung über kontaminierte Lebens- und Futtermittel, Gülle, Mist und Fahrzeuge ist möglich. Insbesondere gründliche Hygienemaßnahmen im eigenen Betrieb, aber auch von Menschen, die in betroffene Gebiete reisen oder aus diesen zurückkommen, helfen, einem Ausbruch vorzubeugen. Vor allem von achtlos entsorgten Essensresten können Gefahren ausgehen.

Dateien:
ISN-Merkblatt_Afrikanische_Schweinepest.pdf459 Ki
Merkblatt_KSP_ASP_Landwirte.pdf75 Ki
Merkblatt_KSP-ASP_Jger_Juli_2017.pdf76 Ki
schwpestv_1988.pdf118 Ki