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27.09.2017
cs

Der Handel als Tierwohlmotor

Sich Wohlfühlen im Stroh

Die Lebensmittelbranche will umfangreiche Veränderungen, am Ende steht die Geldfrage

Lange war Fleischvermarktung im Lebensmitteleinzelhandel lediglich eine Preisfrage. Fast alles geht über Eigenmarken, vor allem bei Schweinen bewegen sich alle Wettbewerber in einem komplexen Teilstückemarkt, in dem viele billige Koteletts Kunden locken, vielleicht auch mal ein teureres Filet zu kaufen, während die Ohren und Füße längst in China garen. Aber auch der Supermarkt- oder auch Discounterkunde fragt inzwischen neben dem immer noch gewichtigen Argument des Preises nach der Herkunft und nach der Haltung. Tierwohl spiele inzwischen bei allen Wettbewerbern des Lebensmitteleinzelhandels eine zentrale Rolle, sagt Ludger Breloh, Bereichsleiter Strategie und Innovation im Agrarsektor bei der Rewe-Group. Dort befasse man sich seit rund zehn Jahren unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit auch mit Tierwohl. „Die Kunden interessieren sich für die Lieferketten und nicht unbedingt für die soundsovielte Photovoltaikanlage auf dem Supermarktdach“, so Breloh. Deshalb habe man die Warengruppen durchforstet nach Lieferketten, die besonders geeignet, aber in denen Änderungen auch besonders nötig seien. Dabei komme man, so Breloh, fast automatisch auf die Nutztierhaltung, die Milch-, Eier- aber auch Fleischproduktion. Aufgrund der großen, über Eigenmarken umgesetzten Mengen, der gesellschaftlichen Debatten über Produktionsprozesse, aber auch der Tatsache, dass die Produktion bei uns vor der Haustür in unserer Kulturlandschaft stattfinde, sei sie prädestiniert für Optimierungen. Noch vor Veränderungen in der Haltung der Tiere rücke der Aspekt der Fütterung in den Focus. „Resistenzprobleme, enge Fruchtfolgen, Verlust an Biodiversität – Gentechnik-Soja aus Übersee ist nicht nachhaltig“, konstatiert Breloh. Es sei keine Frage mehr, ob es aus den Futtertrögen der Nutztiere verschwinde, die in den deutschen Lebensmitteleinzelhandel lieferten, sondern nur noch eine des „Wann" – auch bei Schweinen, die aufgrund des Volumens und der Komplexität des Marktes die größte Herausforderung darstellten. „Best practice ist sicherlich eine Nutztierfütterung aus europäischen Eiweißquellen“, so Breloh, „aber das kriegen wir auf absehbare Zeit noch nicht vollständig hin.“ Es sei zudem wichtig, die Nachfrage nach gentechnikfreiem Soja aus Brasilien hochzuhalten, irgendwann werde hier eine kritische Masse erreicht werden, ist Breloh sicher, der Zeitpunkt, an dem es sich für die Verarbeiter nicht mehr lohne, zwei getrennte Produktketten zu gewährleisten, dann werde es nur noch gentechnikfreie Ware geben.

Verschiedene Schwerpunkte

Neben der Fütterung werden die Schwerpunkte hinsichtlich des Tierwohls bei den einzelnen Tierarten unterschiedlich gesetzt. Bei Schweinen liegt der Fokus auf Eingriffen am Tier, der Kastration, die für Rewe in absehbarer Zeit nicht mehr ohne Betäubung stattfinden darf. Folgen wird das Kupierende. „Mir ist es dann egal, wie das mit Management und Haltung funktioniert, solange der Ringelschwanz unversehrt ist und es keine Kollateralschäden wie Verletzungen und übermäßige Antibiotikaeinsätze gibt“, sagt Breloh. Beim Geflügel sieht er als zentrales Thema der öffentlichen Auseinandersetzung das Kükentöten in die Regale der Supermärkte wirken. Bruderhahninitiativen, wie auch Rewe sie bereits insofern umsetzt, als dass es in jedem Rewe- und Penny-Markt entsprechende Eier gibt, die zwei bis drei Cent mehr kosten, sind allerdings für Breloh nicht das Mittel der Wahl mit langfristiger Perspektive, sieht man vom Biobereich ab. Rewe unterstützt ein Verfahren der Universität Leipzig zur Geschlechtserkennung im Ei. „Ich sehe das als Brückentechnologie, bis wir ein wirtschaftliches Zweinutzungshuhn haben.“

Einfluss zum Guten nutzen

Drei Elemente benennt Breloh im Zusammenhang mit dem Umbau der Tierhaltung. Zum einen brauche es bestimmte Veränderungen der ordnungspolitischen Rahmenbedingungen, zum Zweiten einen Konsumenten, der mit seinen Kaufentscheidungen bestimmte Entwicklungen vorantreibe und als Drittes Wirtschaftsbeteiligte, die Verantwortung übernähmen. „Wir sind groß, wir haben Einfluss. Ich will, dass wir den zum Guten nutzen, nicht zum Schlechten“, sagt er. Ein Versuch der Lebensmittelbranche, Einfluss zu nehmen, ist nach wie vor die Initiative Tierwohl. Ausgestattet mit frischem Geld soll sie noch bis 2020 bessere Haltungsbedingungen in die Fläche bringen, indem sie Tierhalter aus einem Kriterienkatalog die für sie passenden Maßnahmen auswählen lässt und deren Umsetzung honoriert. Nun wurden allerdings die Kriterien und die Vergütung erheblich reduziert, wirkliche Weiterentwicklungen in den Ställen werden vielen Bauern und Bäuerinnen nicht mehr finanziell lohnend erscheinen – Folge der großen Nachfrage und des vergleichsweise dann doch kleinen Geldes. Auch dadurch wird die Kritik vom Handel daran, dass der gesamte Gastrobereich – obwohl fast ebenso großer Abnehmer von tierischen Produkten in Deutschland – nach wie vor seine Beteiligung verweigert, noch einmal lauter. Und die Frage, ob die kleinen Veränderungen, die bezahlt werden, wirkliche Verbesserungsprozesse in der Tierhaltung anschieben, bleibt ebenso wie der Vorwurf der Intransparenz für die Verbraucher. Auch Bauern und Bäuerinnen vermittelt die Initiative Tierwohl vielleicht noch zu sehr, dass es mit ein paar Heuraufen und ein paar Schweinen weniger in der Bucht schon getan sei. Noch immer stehen weite Teile der konventionellen Schweinehaltung, allen voran die Interessengemeinschaft der Schweinehalter (ISN), auf dem Standpunkt, Schwanzbeißen müsse noch weiter untersucht werden, bevor ein konkretes Ende des Kupierens festgelegt werden könne. Dabei machen Neuland und Biobetriebe zum Teil seit Jahrzehnten vor, wie es gehen kann. Und andersherum zeigten zuletzt auch die Bilder aus dem Stall der neuen NRW-Landwirtschaftsministerin Christina Schulze-Föcking (CDU), dass Kupieren keinen allumfassenden Schutz gegen Schwanzbeißen bietet. Sie hat gerade verkündet, dass es nicht nur von der Haltung der Schweine abhänge, ob es zum Schwanzbeißen komme oder nicht, sondern auch vom Stoffwechsel der Tiere. Als ob nicht längst bekannt wäre, dass es viele Faktoren gibt und eben auch kein Patentrezept oder keine Checkliste, die man nur abzuhaken braucht und dann funktioniere es schon. Anstatt zu sagen, wir können uns so lange nicht verändern, bis wir hundertprozentige Sicherheit haben, die es nie geben wird, ließe sich auch sagen, wir wissen schon so viel, wir fangen jetzt mal an. Klare, auch zeitliche, Vorgaben vom Gesetzgeber und Geld von allen müssen her. Tatsache ist, dass der Handel größere Veränderungen will, vorantreibt und dabei nicht unbedingt bereit ist, den Bauern und Bäuerinnen dafür mehr zu bezahlen. Tierwohl ist aber nicht umsonst zu haben und darf nicht auf Kosten der bäuerlichen Strukturen gehen.