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04.10.2011
Unabhängige Bauernstimme, Günther Völker

Mengenregulierung bei Schweinen?

„Wir vernichten Eigenkapital“. In den Niederlanden analysieren Schweinehalter den Markt und suchen nach Auswegen

Eigentlich – ex oriente lux – sollte das Licht aus Osten kommen. Jetzt scheint es sich, mindestens für Schweineerzeuger, eher aus westlicher Richtung zu nähern. Ausgerechnet aus den Niederlanden, dieser Schweinehochkultur hinsichtlich Mengenproduktion und Rationalisierung.

Möglicherweise ist es aber gar nicht so erstaunlich. Denn nachdem alle innerbetrieblichen Kosten gesenkt sind, externe Kosten (Luftreinigung, Güllebeseitigung) steigen und Erfahrungen mit Welfare-Programmen gesammelt sind, gelangen niederländische Schweineerzeuger zu der Einsicht, dass die Massenproduktion nur der Sicherung der Preis- und Gewinnmargen der vor- und nachgelagerten Industrien und Handelsunternehmen dient. Der Nederlandse Vakbound Varkenshouders (NVV), die niederländische Branchenorganisation für Schweinehalter, mit seinem Vorsitzenden Wyno Zwanenburg kommt zu der Erkenntnis, dass die EU Quoten für Schweinefleisch braucht. Einige AbLer aus Westfalen besuchten Zwanenburg Ende August auf seinem Sauenbetrieb in Odiliapeel (NL). Sie trafen einen marktinformierten Vorsitzenden, nachdenklichen Verbandspolitiker, aufgeschlossen für die Zusammenarbeit mit NGOs. Das war für die Westfalen umso erstaunlicher, da sie bislang nur die einfach gestrickten Repräsentanten der ISN, der entsprechenden deutschen Branchenorganisation, kannten, deren Schweinemarktcredo sich in vier Punkten zusammenfassen lässt: 1. Wir sind Unternehmer. 2. Der Markt wird’s richten. 3. Man muss den Verbrauchern moderne Landwirtschaft erklären. 4. Wir bleiben Unternehmer. (Auch wenn bereits nach Aussage von Landwirtschaftskammerexperten 30 bis 40 Prozent der Schweinehalter in ihrer Hochburg Weser-Ems Übernommene der vor- oder nachgelagerten Industrie sind.)


Blick auf realen Markt

Die Verhältnisse im Schwei­ne­­markt lassen sich dagegen für die NVV in folgenden Grundsätzen zusammenfassen:

Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und Schlachtunternehmen sind umsatzgetrieben. Nur nicht teurer einkaufen als die Konkurrenz ist die Devise. Die Abnehmer haben sich stark konzentriert. Die Erzeuger können schon lange nicht mehr auf Augenhöhe verhandeln. Der Preisfindungsmechanismus funktioniert nicht oder nicht ausreichend; von Angebot und Nachfrage ist nicht wirklich mehr die Rede. Die europäischen Schweinehalter sind aufgrund höherer Kosten durch Auflagen – insbesondere zum Tier- und Umweltschutz – nicht in der Lage, zu Weltmarktpreisen zu produzieren. Schlachter wachsen oft auf Drittlandsmärkten – insbesondere bei ihrer weiterhin geplanten Kapazitätsausweitung – wo sie meistens geringere Erlöse erzielen. Das führt automatisch zu Preisdruck bei uns. Verschärft wird dieses Problem noch durch das Ziel der deutschen Schlachthäuser, ihre Schlachtungen um 21 Prozent zu erhöhen, obwohl man schon weit über den Selbstversorgungsgrad hinaus gewachsen ist. Das ist nicht im Interesse der europäischen Produzenten.

Grundsätzlich fasst der NVV zusammen: „Studien bestätigen, dass die Margen der Erzeuger sinken bzw. sogar dauerhaft negativ sind. Wir vernichten Eigenkapital. Trotzdem produzieren wir nicht weniger. So kann es nicht mehr weitergehen.“


Angebot aktiv anpassen

Den Ausweg aus dieser Misere sieht der NVV in einer Regulierung der europäischen Schweineproduktion, verbunden mit einem entsprechenden Außenschutz. Sie nennen es Schweinequote und gehen unbefangen mit diesem Begriff um. In den Niederlanden gibt es bereits seit längerer Zeit eine Schweinequote, auch wenn sie landläufig Güllequote genannt wird. Das liegt daran, dass diese Mengenregulierung seinerzeit in der anstehenden Güllegesetzgebung verankert wurde. Die Regelung gilt auch für die Geflügelhaltung, während Milchvieh ausgenommen war, weil die Milchquote EU-weit die Menge regelte. Nach Ansicht der niederländischen Schweinehalter sollte demnächst – falls die Milchquote fällt – eine neue Mengenregulierung auf dem niederländischen Milchmarkt greifen, um Erzeugungsbedingungen und -voraussetzungen für alle viehhaltenden Betriebe anzugleichen. Die Analyse der Marktverhältnisse durch die NVV bei Schweinen trifft sich mit der des Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) und des European Milkboard (EMB). Es wäre wünschenswert, wenn Kontakte zwischen diesen Branchenorganisationen entstehen würden, um sich inhaltlich abzustimmen und gemeinsam – insbesondere auf europäischer Ebenen – zu agieren.


Parallelen zur Milch

Nicht nur bei der Analyse, auch bei Lösungsansätzen könnten sich diese Organisationen begegnen. In der Zusammenfassung der NVV-Positionen – in ihrem Positionspapier für den deutschen Sprach- und Schweineraum – heißt es, dass „die gesellschaftliche wie auch die physische Balance in Bezug auf die Schweinehaltung in ganz Europa erreicht worden ist und dass wir in europäischem Kontext plädieren sollten für:

Reguläre Preisberatung zwischen Produzenten und Detailhändlern mit einem europäischen Markt Manager, der aufgrund aktueller Marktinformationen über Anfrage/Preis/Nachfrage/Kosten angibt, innerhalb welcher Bandbreite der Preis liegen sollte. (....),

Anpassung der EU-Kartellgesetzgebung, damit es für die Produzenten möglich wird, Preise festzusetzen. (....).

Produktionsregelung der Schweine, da sowohl der physische Schweinemarkt wie auch die gesellschaftliche Akzeptanz gesättigt sind: Ein besserer Preis fängt an bei Regulierung des Angebots.“


Ein Anfang

Freilich bleiben bei den Positionen des NVV noch viele Fragen offen. Es eröffnet sich jedoch eine Gesprächsmöglichkeit, den Irrsinn auf dem Schweinemarkt zu kennzeichnen, um Lösungsansätze zu entwickeln. Bislang scheint das Licht aus westlicher Richtung nur mit wenigen Lux, und von einer Verbreitung von Belgien über Deutschland bis Dänemark ist noch wenig zu merken. Jedoch beginnt auch hier ein 1000-Meilen-Weg mit dem ersten Schritt.