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01.10.2011
Unabhängige Bauernstimme, Benny Haerlin

Der Paradigmenwechsel

Neue Studien fordern eine nachhaltige Landwirtschaft – Politik und Wirtschaft bleiben beim alten Muster

Dreht sich die Erde um die Sonne oder umgekehrt? In der Wissenschaft nennt man Grundannahmen, die bestimmen, was gefragt, bewiesen und überprüft wird, Paradigmen. Wer im politischen Geschäft ein bisschen dicker auftragen will, spricht heute auch gerne von einem Paradigmenwechsel.

In der Agrarpolitik internationaler Institutionen ist gegenwärtig ein solcher Paradigmenwechsel zu beobachten. Nicht weniger als das alles überragende Ziel, mit stets fallendem Aufwand mehr zu produzieren, steht zur Disposition. Die Erkenntnis, dass die Kosten steigender Produktion deren Grundlage gefährden, setzt sich durch. Natürlich sind die Schlussfolgerungen daraus verschieden.

Die veränderte Zielsetzung aber gilt mittlerweile als unabweisbar: Volle Integration der ökologischen Kosten, massive Reduktion der Emission von Klimagasen, Pestiziden und Nährstoffen und des Verbrauchs fossiler Energie, Vermeidung von Abfall, Verlusten und Verschwendung und auch von gesundheitlich, sozial und ökologisch schädlichem Verbrauch, besonders von tierischen Produkten. Investition in agrar-ökologische Systeme, die durch gemeinschaftlich angepasste landwirtschaftliche Methoden und ökologische Konzepte vor Ort ein Maximum an verlässlicher regionaler Eigenversorgung mit Lebensmitteln auch bei extremen Wetterlagen garantieren. Kurz: Der Abschied von der auf fossilen Rohstoffen beruhenden, industriellen Landwirtschaft des vergangenen halben Jahrhunderts ist eingeläutet.


Urahn: Weltagrarbericht

Der Weltagrarbericht der UNO und Weltbank, IAASTD, war es, der 2008 den Sichtwechsel unter dem Schlagwort „Weiter wie bisher ist keine Option“ eingeleitet hatte. Gemeint war das Wachstumskonzept der industriellen Landwirtschaft und der grünen Revolution in Asien, das heute droht, die Grundlagen unserer Ernährung zu zerstören und dennoch eine Milliarde Menschen hungrig lässt. Die Reaktionen der Industrie, aber auch der Weltbank und FAO, der deutschen und US Landwirtschaftsministerien, von vielen Wissenschaftlern und der Agrarlobby waren zunächst klassisch: ignorieren, entwerten, lächerlich machen, zur Tagesordnung übergehen. Drei Jahre später gehören die wesentlichen Botschaften des Weltagrarberichtes zum Standard wissenschaftlicher und institutioneller Analyse: Dass es auf die Kleinbäuerinnen dieser Welt ankommt, wenn wir von Raubbau auf Nachhaltigkeit schalten wollen, dass wir eine Vielfalt agro-ökologischer Maßnahmen brauchen und haben, Hunger letztlich nur vor Ort zu überwinden ist und wir massiv in widerstandsfähige, lokale Agrarsysteme investieren müssen und in das dafür nötige traditionelle und moderne Know-How der Bauern und Dörfer. All diese Zumutungen an die Gewissheiten industrieller und chemischer Landwirtschaft stehen mittlerweile im Zentrum der Überlegungen. Ein kurzer Blick in die internationale Veröffentlichungsliste des laufenden Jahres lohnt sich.


Genug ist genug

Zunächst war da ein Zukunfts-Bericht von Experten des Ständigen Ausschusses für Agrarforschung der EU, dem insgesamt 37 Agrarministerien Europas angehören: „Nachhaltiger Verbrauch und Produktion in einer Welt begrenzter Ressourcen“. Er fordert eine radikale Wende in der Agrarpolitik und -forschung. Ihr künftiges Mantra sei der Mangel, genauer gesagt eine Vielzahl von Mängeln: an Lebensmitteln, an natürlichen Ressourcen (Boden, Wasser, Artenvielfalt) an weiterer Belastbarkeit der Ökosysteme, aber auch an Wissen und verfügbarer Zeit zur Anpassung an schwer kalkulierbare, plötzliche Systemveränderungen. So alarmierend die Betrachtung der einzelnen Faktoren schon sei, so unberechenbar könnten die Folgen ihres Zusammenwirkens und seiner Rückkoppelungseffekte sein. Klarer als der Weltagrarbericht spricht der SCAR-Bericht von zwei unterschiedlichen Weltsichten in der Agrarforschung. Dem produktivistischen Paradigma (da ist es wieder!), das nach wie vor in der Steigerung der Produktion plus ökologischer Effizienzverbesserung ihr Heil suche, stehe ein am Erforderlichen und Verfügbaren orientiertes Suffizienz- oder Genügsamkeitsparadigma gegenüber: nicht mehr als nötig produzieren, den Verbrauch an Wohlstand und Gesundheit statt Wachstum orientieren. Dieses „Genug“ müsse in Zukunft in Forschung wie Politik absolute Priorität haben; so wichtig auch die Effizienzsteigerung herkömmlicher Agrarsysteme im Übergang bleibe.

Der Wirtschafts- und Sozialbericht der Vereinten Nationen fordert unter dem Titel „The Great Green Technological Transformation“ (die große grüne technologische Transformation) ein „nachhaltiges Agrarinnovationssystem“, das sich im Wesentlichen an den Empfehlungen des Weltagrarberichts orientiert. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für globale Umweltfragen, WBGU, empfiehlt einen „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“, in der die Landwirtschaft den Erfordernissen des Klimawandels angepasst und Lebensmittel u.a. nach ihrer Ressourcen-Intensität besteuert werden sollten. Auch der Bericht des Büros des Deutschen Bundestages für Technologiefolgeabschätzung „Forschung zur Lösung des Welternährungsproblems — Ansatzpunkte, Strategien, Umsetzung“ fordert eine Abkehr von der „Mengenperspektive“ und ein ganzheitliches Ernährungskonzept. Der jährliche Bericht des World-Watch Instituts zur „Lage der Welt“ hat agrarökologische Lösungsansätze der Landwirtschaftskrise v.a. in Afrika unter dem Titel „Innovationen, die die Welt ernähren“ gesammelt, die eindrucksvoll belegen, welche gigantischen Fortschritte kleine, unscheinbare Projekte vor Ort bewirken. Interessant an der Untersuchung ist politisch vor allem, dass sie von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert wurde, die mit ihren Milliarden zur weltweit tonangebenden Stiftung für Agrar-Entwicklungshilfe geworden ist und dabei von einem Ex-Monsanto Vize geleitet wird.

Nachhaltiger Anbau

„Das gegenwärtige Paradigma des Intensiv-Anbaus wird den Herausforderungen des neuen Jahrtausends nicht mehr gerecht. Um zu wachsen muss die Landwirtschaft lernen zu sparen und zu erhalten“, schreibt kein geringerer als der indische „Vater der Grünen Revolution“ M.S. Swaminathan in der Einleitung zu der programmatischen Schrift der Welternährungsorganisation FAO „Save and Grow“ (Sparen/Erhalten und Wachsen). Es ist die wichtigste Publikation in der Reihe der Paradigmen-Wechsler dieses Jahres.

Nicht mehr die bisher geforderte Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion um 70 Prozent, sondern die Steigerung der Lebensmittelproduktion in den Entwicklungsländern ist das nun postulierte Ziel. Eine bemerkenswerte Veränderung. Der Einsatz von Mineraldünger und Pestiziden wird im Wesentlichen unter dem Gesichtspunkt massiver Reduktion behandelt.

Im „neuen Paradigma“ der „nachhaltigen Intensivierung des Anbaus“ (sustainable crop production intensification, SCPI) stehen Mulchen, Leguminoseneinsatz, Fruchtwechsel und pfluglose Bodenbearbeitung ganz oben. Sozial wie ökologisch nachhaltige Agrar-Systeme treten an die Stelle von Einzeltechnologien. Die Bodenfruchtbarkeit rückt wieder in den Mittelpunkt, Agro-Forstsysteme und viele andere agrar-ökologischen Ansätze dominieren die Beispiele der neuen Intensivierung. Das hohe Lied der Verbreitung von Hochleistungssorten wird ergänzt durch die Forderung nach Beteiligung der Bauern, ihrer traditionellen Sorten und Wissens­systeme. Hinzu kommen massive Zweifel am gegenwärtigen Patent- und Sortenschutzsystem, seinen „anti-gemeinschaftlichen“ Auswirkungen und an der Fähigkeit der sechs weltbeherrschenden Konzerne, da zu liefern, wo am nötigsten gebraucht wird.


Was bleibt übrig?

„Und sie bewegt sich doch!“ möchte man hoffnungsvoll ausrufen. Wäre da nicht die eklatante Diskrepanz zwischen den neuen Tönen der Institutionen und dem realen Verhalten von Markt und Politik. Während die Einen zu formulieren beginnen, wie der Weg aus der Sackgasse industrieller Landwirtschaft aussieht, galoppieren die Märkte mit ungebremster Wut in exakt die entgegengesetzte Richtung: Der Lebensmittelpreis-Index liegt heute über den bisherigen Rekordmarken des Jahres 2008, angeheizt durch Biosprit und -energie, Agrar-Spekulation und neo-koloniale Landnahme von Investoren, die den künftigen Mangel als großartiges Geschäft sehen. Die einmalige Chance eines politischen Paradigmenwechsels bei der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union scheint bereits fast verpasst. Weder die Vorschläge der EU-Kommission noch die reflexhaften, nationalen Reaktionen der Agrarminister, noch der Minimalkonsens des Europäischen Parlaments geben Anlass zu Hoffnung: Keine klaren Umwelt- und Nachhaltigkeits-Ziele, kein Herz und keine Perspektive für die Kleinbauern Europas, die zu Millionen vor dem Aus stehen. Kein Verzicht auf unanständig billigen Import von Agrarrohstoffen aus ökologischen und auch humanitären Krisenregionen. Kein Abschied vom subventionierten Export von „Veredelungs“-Produkten, deren ökologischer Fußabdruck zum Himmel stinkt.

Es wäre wohl ein regelrechter Bürger-Aufstand nötig, um die Umsetzung der offiziellen wissenschaftlichen Empfehlungen zum Überlebensthema Ernährung jetzt auch gegen die Lobby der Profiteure zügig in politisches Handeln umzusetzen. Nichts ist unmöglich.