Artikel aus der Bauernstimme

08.11.2017

Sie kommt – die Frage ist nur, wann

08.11.2017

Mehr Einfluss war nie!

27.09.2017

Mutig, gut und gerne

Registrieren Sie sich für den Nachrichtenbrief

Warenkorb

Ihr Warenkorb enthält keine Artikel
zum Warenkorb

Kontakt 

AbL Bauernblatt Verlags-GmbH
Bahnhofstr. 31
59065 Hamm
Tel.: 02381/492288
Fax: 02381/492221  

verlag[at]bauernstimme.de

30.08.2017
mn

"Wir sind am Ende einer Entwicklung angekommen"

Friedrich Ostendorff

Friedrich Ostendorff (Grüne) zu den notwendigen Schritten einer zukünftigen Agrarpolitk

Unabhängige Bauernstimme: Schlimme Bilder aus Schweineställen, Bio-Hennen ohne Auslauf, Fipronil, Nitrat im Grundwasser, usw. Ist die Landwirtschaft in einer Krise?

Friedrich Ostendorff: Die Landwirtschaft hat mit ihren Produkten und ihren Produktionsmethoden in der Vergangenheit einen unglaublichen Siegeszug erlebt, allerdings ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Anforderungen, den Umwelt- und den Tierschutz und die Agrarstruktur zu nehmen. Das rächt sich jetzt. Hinzu kommt eine Entfremdung, die dazu führt, dass die Bäuerinnen und Bauern die vorgebrachte Kritik an ihrer Wirtschaftsweise nicht verstehen. Wir sind jetzt am Ende einer Entwicklung angekommen, gegen die wir schon als Jungbäuerinnen und Jungbauern gekämpft und wegen der wir die AbL gegründet haben. Der Ursprung der AbL liegt ja im Widerstand gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft. Heute stehen wir vor den Trümmern des Wachse-oder-Weiche-Dogmas und sehen, wozu der Wachstumszwang in der Landwirtschaft führt. Verschiedene Gutachten zum Tierwohl, auch des Wissenschaftlichen Beirats, haben gezeigt, dass ein Umbau der Tierhaltung notwendig ist. Welche politischen Maßnahmen sind nötig um diesen einzuleiten?

Leider hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, der sich ungern in Debatten begibt, es verpasst, die sich aus dem Gutachten seines eigenen Wissenschaftlichen Beirats ergebenden Umbauschritte anzugehen. Mit drei bis fünf Milliarden Euro wird dort die Summe beziffert, die für einen das Wohl der Tiere berücksichtigenden Umbau der Haltungsbedingungen notwendig ist. Der Minister hat jedoch bisher nur einige Millionen für Werbung angekündigt. Das reicht nicht und bringt nichts. Es braucht konkrete finanzielle Hilfen für die Landwirte, die den Umbau aus ihren Einnahmen nicht alleine finanzieren können. Der Weg aus der Sackgasse, in die der Bauernverband und eine falsche Agrarpolitik die Landwirtschaft geführt haben, ist teuer, aber möglich. Es liegt jetzt an der Politik, diesen Weg zu gehen. Angesichts sprudelnder Steuereinnahmen sollte es uns das wert sein.

Wenn wir von einem Umbau der Tierhaltung sprechen, wird dies auch Auswirkungen auf die Produktionszahlen haben. Brauchen wir so viel Fleisch?

Wir Grünen sind ja gebrannte Kinder, wenn es darum geht, anderen ihren Lebensstil vorzuschreiben. Auch ich werde das nicht tun. Dennoch ist klar, dass jeder von uns gehalten ist zu überprüfen, inwiefern sein Verhalten vor dem Hintergrund der Verantwortung gegenüber dem Tier und der eigenen Gesundheit akzeptabel ist. Ich gehe davon aus, dass wir den Fleischverbrauchszenit überschritten haben. Wir als Grüne sind gerne bereit mitzudiskutieren, wenn es darum geht, das Verhältnis des eigenen Lebensstils mit einem verantwortungsvollen Umgang mit Landwirtschaft, Tierhaltung und Umweltschutz in Einklang zu bringen.

Welche Auswirkungen hat eine veränderte Tierhaltung auf die Exportausrichtung der Landwirtschaft?

Seit 2005 haben wir eine extreme, politisch gewollte Ausweitung der Exportmärkte zu verzeichnen. Derzeit werden 15 Prozent der in Deutschland geschlachteten Schweine außerhalb der EU vermarktet. Bei insgesamt 60 Millionen geschlachteten Schweinen führt diese Exportstrategie zu einer Überflutung des Weltmarktes. Unter Ausschöpfung aller Möglichkeiten werden die Kosten gedrückt, um die Überschüsse auch in Länder exportieren zu können, in denen die Lohnkosten um ein Vielfaches geringer sind als bei uns. Dies ist nur möglich, wenn man die Umweltkosten in Form von z. B. Nitrat im Grundwasser oder Artenrückgang vergesellschaftet. Die angekündigten Kostensteigerungen beim Trinkwasser sind nur der Vorgeschmack auf das, was uns blüht, wenn wir einfach so weitermachen.

Inzwischen kann man von allen Parteien und Organisationen hören, dass die GAP zielorientierter werden muss. Trotz schon bestehender Möglichkeiten werden diese in Deutschland nur sehr zögerlich genutzt. Wo würden Sie jetzt auf nationaler Ebene ansetzen?

Bei der aktuellen Förderkulisse sind die flächenstarken Ackerbaubetriebe die Gewinner. Die Bundesregierung hat sich geweigert, die Förderung zugunsten einer sozial-ökologischen Agrarpolitik umzubauen. Wir haben uns dafür eingesetzt, 15 Prozent der Mittel aus der ersten Säule herauszunehmen, um sie zielgerichtet einsetzen zu können. Auch sind wir dafür, die Möglichkeit einer höheren Förderung der ersten Hektare stärker zu nutzen. Über die zweite Säule muss eine verstärkte Förderung von Tierwohl möglich werden. Und wir brauchen eine Förderung bäuerlicher Strukturen. Der Erhalt der Bergbauernhöfe in Österreich zeigt uns, dass eine zielgerichtete Agrarförderung zum Erhalt von Strukturen beitragen kann. Wir müssen endlich ein klares Signal setzen: Ja, wir wollen an den heutigen Bedürfnissen ausgerichtete bäuerliche Betriebe!

Welche Forderungen haben sie für die Ausgestaltung der anstehenden GAP?

Alles wird vom Ergebnis der Bundestagswahl abhängen. Bei einem Sieg von CDU/CSU sind keine Veränderungen in der grundsätzlichen Ausrichtung der Agrarförderung zu erwarten. Ich weiß um die Distanz vieler Kolleginnen und Kollegen zu den Grünen, aber: Wir sind die einzige Partei, die sich für eine andere Förderpolitik einsetzt. Das kann jeder nachvollziehen, der sich die Initiativen der grünen Landwirtschaftsminister in den Ländern einmal vorurteilsfrei ansieht. Wir fordern ganz klar eine Abkehr von der ersten Säule und eine Qualifizierung der Mittel zugunsten von Tierwohl- und Agrarumwelt- sowie Klimaschutzmaßnahmen. Allerdings ist mit dem Brexit auch klar, dass das Budget kleiner wird. Schon jetzt ist zu sehen, dass vier bis fünf Milliarden Euro fehlen und es gibt weitere Begehrlichkeiten, wie z. B. eine eventuell anstehende Erhöhung des Verteidigungsetats.

Viele Bauernhöfe haben keine Nachfolger. Andererseits gibt es junge Menschen, die in die Landwirtschaft einsteigen wollen. Wie bringt man diese beiden Seiten zusammen und welche Förderungen sollten ihnen angeboten werden?

Ich kümmere mich sehr stark um diesen Bereich. Ich glaube, dass es vor allem notwendig ist zu zeigen: Ihr seid gewollt! Das ist psychologisch ganz wichtig. Hofbörsen können dann dazu beitragen, Abgebende und zukünftige Bewirtschafter zusammen zu bringen. Eine ganz zentrale Rolle spielt aber immer wieder die Finanzierung der Betriebsübernahme oder auch Neugründung. Wir müssen dahin kommen, das Betriebskonzept zu beleihen anstatt die Gebäude, Flächen und das Familienvermögen heranzuziehen.Eine große Erschwernis ist die Wertsteigerung der Flächen, die in keinem Verhältnis mehr zu den auf ihnen zu erwirtschaftenden Erträgen steht.

Ökoprodukte sind weit verbreitet. Die Nachfrage bei den Verbrauchern steigt. Gleichzeitig verändern sich die Strukturen auf der Seite der Produzenten. Welche Gefahren stellt die Konventionalisierung auf Bauernhöfen und bei der Verarbeitung dar?

Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ist der Wachstumsbereich. Hier findet eine rasante Entwicklung statt, hier werden an einem Verteilpunkt große Mengen einer gleichen Qualität gefordert. Der LEH hat eine große Wirkmacht. Eine Reduzierung nur auf Bio greift aber zu kurz. Die Kunden wollen Bio und Regional. Ich sehe hier auch eine Chance. Anstatt Schweine für China zu produzieren, kann man die höheren Kosten für eine nachhaltige Landwirtschaft am heimischen Markt realisieren. Gleichzeitig ist klar, dass der LEH Bio und Regional anbietet, weil er Geld verdienen will, nicht weil er die Zusammenhänge verstanden hat und fördert. Schwierig bleibt vor diesem Hintergrund, dass sich die Vertreter des LEH der Diskussion leider oft entziehen und Verantwortung für den Entwicklungspfad der Höfe ablehnen

Vielen Dank für das Gespräch

 

Friedrich Ostendorff bewirtschaftet seinen
vielfältigen 80 ha großen Familienbetrieb mit
Hofladen im nordrhein-westfälischen Bergkamen
nach Biolandrichtlinien. Er ist Gründungsmitglied
der AbL und bei Neuland.
Seit 2002 ist Friedrich Ostendorff mit einer
Legislaturperiode Unterbrechnung als Abgeordneter
für die Grünen im deutschen Bundestag.
Er kandidiert erneut für die Landesliste
NRW.