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30.08.2017
mn

Wie kommt das Gift in die Eier?

Wie kommt das Gift in die Eier?

Ganz unabhängig von den vielfältigen Beteuerungen aus Politik und Verwaltung, das europäische Schnellwarnsystem hätte trotz in diesem Fall nachweislicher Anlaufschwierigkeiten gut funktioniert, ist es offenbar nur einem Zufall zu verdanken, dass der Einsatz von Fibronil in Geflügelställen und sein Vorkommen in Eiern und Fleisch nachgewiesen werden konnten. Auf Verunreinigungen mit Fibronil wurden Eier schlichtweg nicht untersucht. Auch die niederländischen Behörden, so die Mutmaßung des Sprechers des CVUA-MEL (Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe), seien nur aufgrund von Insiderwissen durch einen Informanten auf die betrügerischen Beimischungen gestoßen. Schon im Oktober vergangenen Jahres, so der Sprecher, könnten verunreinigte Eier in den Handel gelangt sein. Zeit online berichtet über erste bekannte Belastungen in Belgien von Anfang Juni und den Vorwurf gegenüber den Niederlanden, man hätte dort schon seit 2016 von belasteten Eiern gewusst. In Niedersachsen weiß man sicher von belasteten Chargen im Mai. Das ergaben Untersuchungen von Rückstellproben. Ein positives Ergebnis (0,45 mg/kg) einer Rückstellprobe vom Mai, die nach dem Bekanntwerden möglicher Fibronilbelastungen untersucht worden war, lag am 8. August vor. Eine erneute Untersuchung von Eiern aus dem betroffenen Betrieb im August zeigte eine reduzierte, aber immer noch erhöhte Belastung (0,021mg/kg).

Das Wundermittel

Vor diesem Hintergrund könnte man davon ausgehen, dass das Mittel tatsächlich nur, wenn auch illegal, vor der Einstallung der Tiere, während der Desinfektion des Stalls eingesetzt worden ist. Bei aktuellem Kenntnisstand gehen die zuständigen Behörden davon aus, dass Fibronil illegal dem Mittel Deka16 beigemischt wurde. Deka16 ein Desinfektionsmittel, das angeblich auf der Wirkung verschiedener ätherischer Öle basiert. Eingesetzt und vertrieben wurde es von der niederländischen Firma ChickFriend. Offenbar war es auch diese Firma, in der das Fibronil beigemischt wurde. Inzwischen sind zwei Manager des Unternehmens von der Staatsanwaltschaft festgenommen worden und die Homepage ist abgeschaltet.

Ein ganzes System

ChickFriend ist als Reinigungsfirma ein Baustein in einem komplexen System industrieller Eierproduktion. Die Strukturen in Belgien, den Niederlanden, aber auch in Niedersachsen bestechen durch ihre Größe und Spezialisierung. Betriebe mit 200.000 bis 300.000 Legehennen sind die Regel. Dem Betriebsleiter steht ein am Umsatz beteiligter Berater zur Seite. Zwei- bis dreimal pro Woche werden die produzierten Eier per LKW abgeholt und ohne Stempel zu einer Großpackstelle gefahren. Hier werden circa eine Million Eier pro Tag gewogen, gestempelt und verpackt. Große Abnehmer sind die Discounter. Am Ende der Legeperiode werden Ausstallung und Desinfektion von externen Anbietern übernommen.

Rote Milbe

Die kleine, nur sieben bis acht Millimeter große Rote Vogelmilbe, die sich tagsüber in Ritzen in Ecken versteckt, kommt nachts und saugt das Blut der Hühner. Dies führt zu erhöhter Unruhe im Bestand, vor allem aber leidet der Gesundheitszustand der Tiere und die Legeleistung geht zurück. Hochgerechnet auf die EU soll der wirtschaftliche Schaden pro Jahr rund 130 Millionen Euro betragen, so die Wissenschaftler Van Emous und Mul. Van Emous gibt die durch die Rote Vogelmilbe hervorgerufenen Kosten in Legehennenbetrieben mit 0,29 Euro pro Legehenne und Legeperiode durch eine verringerte Legeleistung und mit 0,14 Euro für die Behandlung pro Legehenne und Legeperiode an.

Gleichzeitig, so Prof. Arndt Liebisch und Dr. Gabriele Liebisch in einer Veröffentlichung von Lohmann Tierzucht, hat sich die Bekämpfung deutlich verschärft. Neben der relativ langen Verweildauer der Hennen im Stall und der versteckten Lebensweise der Milben sind es vor allem die Einschränkungen durch Gesetze (Arzneimittelgesetze, Biozidrichtlinie, EU-Verordnungen), die den Einsatz von wirksamen Mitteln reglementieren oder untersagen. Auch nehmen die zum Teil multiplen Resistenzen von Milbenstämmen gegenüber den seit Jahrzehnten eingesetzten Wirkstoffen zu.

In kleineren Beständen und in Biobetrieben werden seit Jahren Silikatstäube zu Bekämpfung der Roten Vogelmilbe erfolgreich eingesetzt. Ihre Wirkung beruht auf rein mechanischen Faktoren. Die Milben reiben sich, wenn sie mit dem Staub bedeckt werden, ihre Gelenke auf und sterben.

Eier suchen

Anhand der Lieferpapiere und der Eiercodes lassen sich Absatzwege zurückverfolgen. Derzeit – in Niedersachsen spricht man von 35,3 Millionen aus den Niederlanden gelieferten potentiell belasteten Eiern – dürfte man aber allein aufgrund der Menge an Grenzen stoßen. Erschwerend kommt hinzu, dass offenbar nicht bekannt ist, seit wann Fibronil eingesetzt wurde. Wichtig wäre das aber, um Produkte mit längerer Haltbarkeit zu identifizieren, in denen Eier oder Eiprodukte verarbeitet wurden. Viele belastete Eier dürften sich auch noch in den Kühlhäusern von Ei verarbeitenden Unternehmen finden. Diese dürfen die Eier kühlen, sie länger lagern und kaufen in der Regel, wenn die Preise, wie in den Sommermonaten, niedrig sind.

Tierschutz

Und dann sind da noch die Hühner. Sie sind „kontaminiert“, ihre Eier zumindest vorerst nicht mehr zu nutzen. Geschlachtet werden dürfen sie aber auch nicht, weil sie aufgrund des Fibronils nicht für den Verzehr geeignet sind. Für die betroffenen Betriebe eine extrem belastende existenzbedrohende Situation. Dass die offensichtlichen Verursacher des Unternehmens ChickFriend für die Schäden aufkommen, kann ausgeschlossen werden. Auch hier gilt es Lösungen zu finden, die neben den Interessen der Tierhalter auch die der Tiere berücksichtigen.

Dass das ganze Ausmaß des Skandals noch nicht erreicht sein könnte, zeigen neue Funde von weiteren illegal zugemischten Substanzen. So berichtete „Der Spiegel“ unter Berufung auf einen vertraulichen Bericht des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit von dem Nachweis des Insektenschutzmittels Amitranz in von belgischen Behörden sichergestellten Behältern mit Deka16. Amitranz ist in der EU im Pflanzenschutz seit 2008 verboten.