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31.05.2017
cs

Mit Gefühl, Technik und möglichst wenig Wellenschlag

Auf die Einstellung kommt es an. Foto:Schievelbein

Mechanische Unkrautbekämpfung für guten Ackerbau

Petrus ist kein Hacker. Sonst hätte er ein Einsehen gehabt und an jenem Tag Ende April nicht so unbarmherzig seine Schleusen geöffnet, als die Landwirtschaftskammer Niedersachsen – speziell ihr Fachgebiet ökologischer Landbau – zum Hacktag auf die Biohöfe Oldendorf GbR in der Lüneburger Heide geladen hatte. Einer der beiden Betriebsleiter, Reiner Bohnhorst, ist im Gegensatz zu Petrus ein leidenschaftlicher Hacker. Er hat inzwischen alle Früchte des 385-ha-Bioland-Ackerbaubetriebs zu Hackfrüchten erklärt. Neben dem einen Klassiker, der Kartoffel, erlebt dort gerade der zweite, die Zuckerrübe, aufgrund einer aktuellen Nordzucker-Nachfrage nach Biorüben sein Comeback. Ackerbohnen und Erbsen gehören seit dem Beginn der Biogeschichte des Betriebs vor 21 Jahren zur Fruchtfolge, gehackt viele Jahre nah an der Frucht mit einem betagten Massey Ferguson 35 und einer einfachen, alten 3-m-Hacke. Soja, Mais und seit dem letzten Jahr Quinoa sind die exotischen Neuentdeckungen der letzten Jahre, die schließlich auch zur technischen Aufrüstung der Hacktechnik führten. Und nun auch noch das Getreide – Weizen, Dinkel, Einkorn, Gerste, Roggen und Triticale – mit neu gekaufter, allerdings 15 Jahre alter 6-m-Drilltechnik auf 25 cm Reihenabstand gesät. Hier kommen jetzt Hacken von Treffler und Schmotzer zum Einsatz. Auf den Biohöfen geht es maßgeblich um eine ganz bestimmte Problemstellung, nämlich die Bekämpfung des Drahtwurms, welcher erhebliche Fraßschäden in der ökonomisch wichtigsten Frucht, der Kartoffel, macht. Bohnhorst erhofft sich davon, nun auch das Getreide zu hacken, noch mehr mechanischen Stress für den aus dem Wurm erwachsenden Schnellkäfer und dessen Eigelege. Für viele der über 80 Besucher des Hacktages bei ihm auf dem Hof ging es um sehr unterschiedliche Aspekte auch ganz je nach eigener Betriebsorganisation.

Nur noch Hackfrüchte

Getreide zu hacken stoße auf zunehmendes Interesse, bestätigte Markus Mücke, Hauptorganisator des Tages und Mitarbeiter der Landwirtschaftskammer Niedersachsen für ökologischen Landbau. Und das gelte nicht nur für Ökobetriebe oder Umstellungsinteressierte. Resistenzen, Ackerfuchsschwanzprobleme, Wasserschutzfragen, Stickstoffmobilisierung, Krustenbrechung – immer mehr Bauern und Bäuerinnen konventioneller Betriebe machten sich Gedanken darüber, wie den ackerbaulichen Schwierigkeiten zu begegnen sei. Ein Drittel der Besucher des Hacktages kamen von konventionellen Höfen, schätzt Mücke. Sie bekamen – wenn auch nur in der Theorie und nicht in der praktischen Feldvorführung – viel innovative Technik zu sehen. Denn auch die Hersteller haben längst die Zeichen der Zeit erkannt und, auch aufgrund einer wachsenden Nachfrage vor allem aus Frankreich und Dänemark, Hightech entwickelt. Gleich mehrere Anbieter arbeiten inzwischen mit einer Kamerasteuerung für Hacken im Heckanbau, die über einen Verschieberahmen mit dem Trecker verbunden sind. Meist führt die Kamera über eine Braun-Grün-Farberkennung, über eine morphologische Erkennung oder Ultraschallsensorik die Hacke durch eine beidseitige, seitliche Verschiebemöglichkeit. Dabei sind Hersteller wie K.U.L.T., der aus der Arbeit des Ökotechnikpioniers Walter Kress hervorgegangen ist oder der süddeutsche Platzhirsch in Sachen Hacken, Schmotzer, oder Einböck, österreichische Ökotechnik. Hier kann der Technikfreak für 6-m-Geräte (angeboten werden meist auch 3 m und 9 m) Geld in Größenordnungen von 40.000 oder auch 50.000 Euro lassen. Individuelle Lösungen, Schlagkraft und Arbeitskomfort, „sich weder den Nacken zu verrenken noch zu ermüden“, wie z. B. Ferdinand Wahl, Schmotzer-Geschäftsführer, mit viel Engagement fürs Detail darstellte, sind gefragte Parameter. „Ich fahre auch gern schnell“, konstatierte Bauer Reiner Bohnhorst schmunzelnd auf die immer wieder auftauchende Frage nach Höchstgeschwindigkeiten, „vor allem aber gucke ich genau hin.“ Seine Leidenschaft für die Sache ist eher ein Plädoyer für gutes Beobachten. In dem Zusammenhang stellte er auch gleich augenzwinkernd klar, dass er weniger schnell ermüdet als die von ihm genutzte Kamera, die bei trüben Wetterbedingungen, morgendlichem oder abendlichem Dämmerlicht dann doch eine Zusatzbeleuchtung brauche, um noch ordnungsgemäß Braun von Grün unterscheiden zu können. Bohnhorst ist ein gutes Beispiel des technischen Sowohl-als-auch. Er nutzt die Kamerahacke wie auch die wesentlich einfachere und damit auch nur etwa halb so teure und weniger anfällige Hacke des Landtechnik-Tüftlers Treffler. Vorgestellt wurde sie von Jan Wittenberg, Bio-Ackerbauer aus der Hildesheimer Börde, der die trefflersche Philosophie, gemeinsam mit Bauern und Bäuerinnnen möglichst günstige und simple Technikinnovation auf den Acker zu bringen, darstellte. Durch die einmalige Idee, Führungszinken den eigentlichen Hackkörpern voranzustellen und diese im besten Fall auch schon auf der Drillmaschine im definierten Abstand zum Säschar montiert zu haben, entsteht ein Systems des „Fahrens wie auf Schienen“, so die Erfahrungen der beiden Bauern. „Funktioniert einwandfrei“, so Bohnhorsts Beurteilung, „braucht aber ein ebenes Saatbett.“

Spaß an der Sache

Die Vielfalt der Maschinen repräsentiert auch die Vielfalt der Kulturen auf dem Acker, die sich im Ökolandbau entwickelt haben und im konventionellen Anbau auf Sicht wieder entwickeln müssen. Kammermann Markus Mücke berichtet von einer zunehmenden Offenheit auch bei Beraterkollegen. Mit Mitarbeitern aus den Pflanzenschutzabteilungen gibt es erste Versuchskooperationen, speziell bei Zuckerrüben ziehe das Argument, 70 % an Wirkstoffen einsparen zu können, wenn man (wieder, wie schon vor 30 Jahren) auf Bandspritze und Hacke zurückgreife – nun allerdings mit moderner Technik. Auch die Wasserschutzkollegen seien an Zusammenarbeit interessiert. Und die Bauern? Mücke betreut Umstellungswillige in Niedersachsen, hat mehr Anfragen als je zuvor, auch von reinen Ackerbauern in Größenordnungen, die die Ökonomie nicht als ersten Umstellungsgrund erscheinen lassen. „Wenn ich sie frage, warum sie umstellen wollen, kommt als erste Antwort immer: ‚Wegen Meyer.'“ Genauer formulierte es dann einer, der laut Mücke sagte, er traue sich gar nicht mehr mit der Spritze durchs Dorf zu fahren. Gesellschaftliche Ablehnung gepaart mit dem Gefühl, ackerbaulich weder besonders herausgefordert zu sein noch besonders nachhaltig zu arbeiten, sind eher negative Antriebsfedern für ein Umdenken. Moderne Hacktechnik kann dabei den Spaß an der Sache zurückbringen.